Freitag, 11. Dezember 2015

Mal ehrlich, was ist Sache, Herr Schael?

Die Vereinheitlichung und Vernetzung des Informatiksystems des Sanitätsbetriebs hat es in sich. Nicht nur, dass bei veranschlagten 70 Millionen Euro Kritik an einer möglichen Geldverschwendung laut geworden ist, auch an der "hausgemachten EDV-Variante" scheiden sich die Geister. Sabes-Direktor Thomas Schael versucht zu beschwichtigen und rechnet vor.

Faktencheck zum Masterplan 2016-2018: Thomas Schael.
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Faktencheck zum Masterplan 2016-2018: Thomas Schael.

„Ein Blick nach Norden zeigt, dass Informatisierung im Gesundheitswesen kostet“, sagt Thomas Schael in aller Deutlichkeit. Der Verweis auf Österreich ist Schaels Reaktion auf die Kritiken in Südtirol. Kritiken, in denen unter anderem von Geldverschwendung die Rede ist (STOL hat berichtet). 

Denn: In Österreich wurde mit 9. Dezember 2015 die „Elektronische Gesundheitsakte“ eingeführt, vorerst nur in der Steiermark und Wien. Kritiken gebe es auch dort hinsichtlich der Höhe der Ausgaben (bis 2017 geplante Kosten von 130 Millionen Euro, ca. 350.000 Euro täglich, Programmierkosten für Spitäler und Co. nicht eingerechnet).

Was hat es mit 29 Millionen Euro an Investitionen auf sich?

Und dann folgen die Zahlen für Südtirol: Im Masterplan ist für 2016 eine Investitionssumme von 7 Millionen Euro vorgesehen, für 2017 10 Millionen und für 2018 12 Millionen Euro. Insgesamt also 29 Millionen Euro in 3 Jahren.

„Wir dürfen aber nicht die laufenden Kosten mit den Investitionskosten vermischen", so Schael.

Warum dann insgesamt 70 Millionen Euro?

"Der Transparenz halber werden im Masterplan auch die laufenden Ausgaben von rund 14 Millionen Euro aufgelistet, die der Sanitätsbetrieb jährlich für Führung und Instandhaltung der EDV-Systeme ausgibt", so der Sabes-Direktor.

Nur wenn man diese Ausgaben zu den geplanten Investitionen dazu zähle, ergebe sich die Gesamtsumme von rund 70 Millionen Euro. Die laufenden Ausgaben fallen ohnehin an, wir müssen diese aber gewinnbringender einsetzen, das heißt, strikt auf die Entwicklung eines einheitlichen EDV-Systems hin ausrichten.“

Auch dürfe man die Relationen nicht aus den Augen verlieren, rechtfertigt Thomas Schael die Ausgaben und weiter: „Der Umbau des Bettentraktes im KH Schlanders kostet rund 70 Millionen Euro und niemand stellt – richtigerweise – diese Ausgabe in Frage. Wir benötigen auch für die EDV eine angemessene finanzielle Ausstattung!“

Warum SAIM, die hausgemachte Lösung?

Intern wie extern hat auch die Ankündigung, das neue Informatikssystem des Südtiroler Sanitätsbetriebes mit Hilfe der SAIM auf den Weg zu bringen, überrascht. Es ist dies jene Gesellschaft, an der der Sanitätsbetrieb mit 51 Prozent beteiligt ist und die bereits in den vergangenen Jahren in Meran und Bozen das Krankenhausinformationssystem entwickelt hat.

Generaldirektor Thomas Schael erläutert, dass diese Entscheidung das Ergebnis einer weitreichenden Analyse von Seiten der Experten des 'Politecnico di Milano' und der 'Federsanità-Anci' sei: „Wir haben vier verschiedene Varianten untersucht, in technischer, organisatorischer und finanzieller Hinsicht, und sind zum Schluss gekommen, dass das Modell SAIM in seiner Grundidee das richtige ist, dass allerdings die SAIM künftig einer stärkeren Lenkung und Führung durch den Sanitätsbetrieb bedürfe.“

Warum keine europäische Ausschreibung?

Was die anderen untersuchten Varianten anlangt, so wurden diese als entweder kostenintensiver oder nicht unmittelbar umsetzbar bewertet.

Bei einer europäischen Ausschreibung würden rund 18-24 Monate ins Land ziehen, ohne dass überhaupt mit den Arbeiten begonnen werden könne: „Sind wir auch sicher, überhaupt das nötige sehr spezifische Know-how zu besitzen“, fragt Generaldirektor, „um eine so komplexe Ausschreibung auf den Weg zu bringen? Wir benötigen nicht nur ein einfaches Krankenhausinformationssystem, sondern ein globales System, das alle Leistungsanbieter in Südtirol bedient (Dienste der Gesundheitsversorgung vor Ort; Haus- und Kinderärzte; Apotheken…)".

Warum nicht das System von Brixen-Bruneck übernehmen?

Auch die Ausweitung auf das gesamte Land von IKIS, dem System, das heute in Brixen und Bruneck im Einsatz sei, eurde von den Experten als nicht unmittelbar umsetzbar bewertet. Die im Haus verfügbaren Ressourcen seien limitiert und das System insgesamt nicht zukunftsfähig.
Die Upgrade-Arbeiten wären demnach sehr zeit- und kostenintensiv. "Auch ist es mittelfristig nicht sinnvoll, dass derart komplexe Software-Systeme selbst entwickelt werden, wenn sie auch auf dem Markt eingekauft werden können", sagt Schael. 

Warum nicht das kostenlose System „TreC“ von Trient?

Naheliegend war es, das Krankenhausinformationssystem, das in Trient im Einsatz ist, näher unter die Lupe zu nehmen. Im Sommer dieses Jahres wurde dazu zusammen mit den EDV-Verantwortlichen in Trient eine mögliche Übernahme des Systems für Südtirol analysiert.

dDnn: Das Legislativdekret zur „Digitalen Verwaltung“ (der sogenannte „Codice dell‘ Amministrazione Digitale“) sieht die Möglichkeit der kostenlosen Wiederverwendung („riuso“) ausdrücklich vor.

"Was gut klingt, ist aber in der Praxis ein steiniger Weg. Es ist nicht so, dass wir einfach etwas abholen und damit starten können“, erläutert Thomas Schael, „tatsächlich sind immer Adaptierungs- und Implementierungsarbeiten zu tätigen, die dann doch wieder Geld und Zeit kosten. Von gratis kann nicht die Rede sein!“ 

Tatsächlich gebe es in Italien im Gesundheitswesen bis jetzt nur wenige Fälle von sog. „Wiederverwendung“. Auch für den Sanitätsbetrieb hätten die Expertenanalysen ergeben, dass das „Trentiner Modell“ nicht ohne weiteres übernommen werden kann. 

stol/ker

stol