Sonntag, 30. Mai 2021

MS-Patientin berichtet: „Habe an jedem Tag des vergangen Jahres Angst verspürt“

Am heutigen Sonntag, 30. Mai, ist der Welt-Multiple-Sklerose-Tag. Die Multiple Sklerose Vereinigung Südtirol betont die Wichtigkeit dieses Tages, um umso mehr auf diese noch unheilbare Krankheit aufmerksam zu machen. Für MS-Patienten ist die Corona-Pandemie durch ihre Krankheit noch eine größere Herausforderung. Patientin Giuliana Bertoldi berichtet über ihre Erfahrungen mit der Erkrankung in Pandemiezeiten.

Heute ist der Welt-Multiple-Sklerose-Tag.
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Heute ist der Welt-Multiple-Sklerose-Tag. - Foto: © Shutterstock / shutterstock
„Es ist nun mehr als ein Jahr seit Beginn der Pandemie vergangen und ich hätte mir nie erträumen lassen, dass ich so eine in mein Leben doch sehr einschneidende Erfahrung machen muss. Ich glaube das gilt für alle Menschen auf der Welt, aber wenn man so wie ich bereits eine sehr vulnerable Person ist, in meinem Fall durch die Multiple Sklerose, macht dies die Situation doch um einiges schwerer.

Ich habe an jedem Tag des vergangen Jahres Angst verspürt. Angst, dass mir, meiner Familie oder meine Freunden etwas passiert. Nach dem ersten Lockdown im vergangenen Frühling haben viele gedacht, dass nun das Schlimmste vorbei wäre, ich war aber immer der Meinung, dass die Situation sich wieder verschlechtern werde, deshalb habe ich stets aufgepasst, auch im Sommer als alle so weiterlebten als ob es das Virus nicht mehr geben würde. Leider sollte ich recht behalten und das Virus ist noch viel schlimmer zurückgekommen und wir mussten nochmals in den Lockdown.

Die Unwissenheit und die Angst vor der Pandemie, die uns täglich begleitete, hat sicherlich auch unser Immunitätssystem geschwächt, das ja bereits durch die MS sehr beeinträchtigt ist.

Deshalb habe ich mich immer rigoros an alle Regeln gehalten damit ich mich und niemanden anderen anstecke. Deshalb habe ich jeglichen Kontakt mit anderen Personen auf ein Minimum reduziert, ich habe ein sehr zurückgezogenes Leben mit meinen engsten Familienangehörigen geführt und gehe nur kurze Spaziergänge an abgelegenen Orten mit meiner Mutter oder meinem Ehemann aus dem Haus. In der kurzen Zeit in der mein Sohn, der an der Universität studiert, zu Hause war, musste ich mit zwei unterschiedlichen Gefühlen kämpfen, einerseits der Freude ihn wider zu sehen, andererseits die Angst, dass er mich mit dem Virus anstecken könnte.

Um die Einkäufe und alles andere kümmert sich mein Ehemann und ich sehe meine Freunde und Bekannte seit letzten Sommer nicht mehr, wo man sich noch auf einen Kaffee treffen konnte. Dies fehlt mir sehr und ich kann es nicht erwarten, bis es wieder möglich ist, sich zu treffen.

Da ich nicht arbeite habe ich mir die Zeit zu Hause mit Lesen und Fernsehen vertrieben, alles Sachen die ich zwar gerne mache, die aber nicht von nun an mein Alltag sein können. Ich habe auch entschieden weniger fern zu sehen, da die vielen oft gegenseitigen Informationen meine Angst oft nur größer machten. Ich bin zwar ein sehr ruhiger und gefasster Mensch, aber diese Art meinen Alltag zu bestreiten hat mich psychisch schon sehr mitgenommen.

Durch die MS habe ich große motorische Probleme und deshalb ist es für mich sehr wichtig meine Muskeln konstant in Bewegung zu behalten. Deshalb habe ich immer viel Yoga und Schwimmtherapie gemacht. Leider war es in diesem Jahr nicht möglich ins Schwimmbad zu gehen, aber die Technik macht es uns möglich sehr viele Aktivitäten auch online zu verfolgen, so wie die Online Yoga Stunden mit meiner Yogalehrerein oder all die Aktivitäten, die die MS Vereinigung für seine Mitglieder organisiert hat, wie Physiotherapie, Musiktherapie, Kunsttherapie oder auch nur die Treffen zum gegenseitigen Austausch.

Aber was die Technologie nicht ersetzen kann sind die sozialen Kontakte, die menschliche Nähe, die Umarmungen. Deshalb versuche ich meine physische und psychische Gesundheit beizubehalten, in der Hoffnung, dass alles bald besser wird, ich befürchte jedoch, dass noch einiges an Zeit verstreichen wird bis alles wieder so sein wird wie früher.

Die letzten Monate waren für mich noch um einiges schwerer, da ich es nicht erwarten konnte endlich die Covid-Impfung zu erhalten. Nachdem ich mit meinen Ärzten gesprochen hatte und wusste, dass die Impfung für mich kein Risiko darstellten würde, mir diese sogar sehr empfohlen worden war, konnte ich es nicht mehr erwarten endlich an die Reihe zu kommen. Als der Tag der Impfung dann kam war ich überglücklich, ich hatte etwas sehr Nützliches für mich und alle anderen getan.

Jetzt fühle ich mich viel sicherer vor einer eventuellen Ansteckung und kann mich etwas freier Bewegen. Ich glaube an den guten Willen der Menschen und hoffe so viele wie möglich lassen sich Impfen. Für sich selbst, aber auch für alle jene, die sich aufgrund verschiedener Pathologien nicht impfen lassen können. Ich bin überzeugt, dass der einzige Weg aus dieser Pandemie die Impfung so vieler Menschen wie möglich ist. Ich hoffe dies geschieht bald, weil wir alle so schnell wie möglich in unser altes, normales Leben zurückwollen.“

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems. Im Gehirn, an den Sehnerven oder im Rückenmark entstehen Entzündungen, welche narbig abheilen und entsprechende Funktionsstörungen hinterlassen. Nervenhüllen (Myelinscheiden) und Nervenfasern (Axone) werden beschädigt, so dass Impulse der Nerven schlechter oder nicht mehr weitergeleitet werden.

Weitere Informationen zur Krankheit finden Sie auf der Website der Multiple Sklerose Vereinigung Südtirol.

stol