Freitag, 20. Oktober 2017

Pestizidrückstände? "Für die Gesundheit unbedenklich"

Während Umweltschützer am Freitag erneut mit einer Studie aufhorchen ließen, wonach es auf öffentlichen Plätzen zu Pestizidrückständen komme, gibt es nun Entwarnung von Seiten des Sanitätsbetriebes und von Seiten des Landes: In Analysen wurden keine unzulässigen Überschreitungen von Giftstoffen gefunden.

Die Situation auf Spielplätzen sei unbedenklich, so der Südtiroler Sanitätsbetrieb. (Symbolfoto)
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Die Situation auf Spielplätzen sei unbedenklich, so der Südtiroler Sanitätsbetrieb. (Symbolfoto)

Seit Jahren überwacht die betriebliche Sektion Umweltmedizin des Südtiroler Sanitätsbetriebes routinemäßig unter anderem öffentliche Orte auf eine eventuelle Präsenz von gefährlichen Wirkstoffen unterschiedlichen Ursprungs, darunter auch aus Pflanzenschutzmitteln.

Aus aktuellem Anlass der Vorstellung der Ergebnisse der Untersuchungen von 71 Kinderspielplätzen durch den Dachverband für Natur-und Umweltschutz (STOL hat berichtet) werden die Ergebnisse nun präsentiert: "Es wurden keine unzulässigen Überschreitungen von Stoffen, die für die Gesundheit bedenklich sind, festgestellt", erklärt Umweltmediziner Lino Wegher.

Regelmäßige Proben

Die Proben werden seit vier Jahren regelmäßig von der Abteilung Umweltmedizin des Südtiroler Sanitätsbetriebes in Zusammenarbeit mit den örtlichen Gemeindepolizisten entnommen: über den ganzen Vinschgau verteilt in vier Gemeinden auf öffentlichen Spielplätzen und in Pausenhöfen von Schulen.

Um signifikante Aussagen tätigen zu können, ist es notwendig, über mehrere Jahre und in verschiedenen Jahreszeiten standardisierte Erhebungen durchzuführen. Die Proben werden von Gräsern gezogen, die dort wachsen. Untersucht werden sie vom Labor für Lebensmittelanalysen der Landesagentur für Umwelt.

In einigen Proben überhaupt keine Rückstände 

"In einigen Proben wurden in diesem Jahr überhaupt keine Rückstände gefunden", sagt Umweltmediziner Lino Wegher. Weil das Gras auf öffentlichen Flächen nicht für die menschliche Ernährung vorgesehen ist, gelten dafür eigentlich keine gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte für Rückstände.

Deswegen ist auch der Vergleich mit anderen Lebensmitteln nicht korrekt, weil der gefundene Wert nichts über eine mögliche gesundheitsgefährdende Wirkung aussagt. Auf Produkten, wo es keine entsprechende Zulassung des Wirkstoffes gibt, gilt automatisch die Nachweisgrenze, bei deren Überschreitung in der Folge das Produkt nicht mehr verkehrsfähig ist.

Viel zielführender ist es einen Vergleich mit dem ADI-Wert anzustellen: Der ADI-Wert (Acceptable Daily Intake) bezeichnet die Dosis einer Substanz, die bei lebenslanger täglicher Einnahme als medizinisch unbedenklich betrachtet wird und ist in Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht angegeben. "In Bezug auf die Werte der erlaubten Tagesdosis (ADI) sind die Konzentrationen der gefundenen Wirkstoffe als unbedenklich einzustufen", schließt Umweltmediziner Wegher.

Nur geringste Spuren von Giftstoffen auf öffentlichen Grünflächen 

Die vorgestellten Analysen des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz bestätigen die Ergebnisse, die die zuständigen Landesämter ermittelt haben, heißt es auch von Seiten des Landes. 

Demnach sind auf Gräsern von Spielplätzen im Vinschgau nur geringste Spuren von Pflanzenschutzmitteln feststellbar – in einer Menge, die zumeist an der wissenschaftlich nachweisbaren Grenze liegen. "Pflanzenschutzmittel haben außerhalb der landwirtschaftlichen Flächen nichts zu suchen – und die Ergebnisse bestätigen, dass die allermeisten Bauern die gesetzlichen Landesrichtlinien einhalten", bekräftigt Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler.

"Wir als Landesregierung haben Abstandsregelungen und eine Reihe weiterer Maßnahmen beschlossen, die die Abdrift beim Ausbringen der Mittel in der Landwirtschaft reduzieren sollen", erklärt Landesrat Schuler, "darüber hinaus wurden im oberen Vinschgau eine Reihe von Versuchen durchgeführt, mit denen überprüft wird, welche weiteren Maßnahmen zur Abdriftminderung hilfreich sind."

Die nun veröffentlichten Messergebnisse sowohl der Sektion für Umweltmedizin des Sanitätsbetriebes als auch des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz bestätigen, dass die bisherigen Maßnahmen bereits greifen.

Gras nicht auf der Speisekarte 

Mit Blick auf die gefundenen geringen Rückstandsmengen müsse man sich zudem fragen, ob von ihnen überhaupt ein gesundheitliches Risiko ausgehen könne. Denn abgesehen davon, dass Gras nicht zum menschlichen Verzehr vorgesehen ist, gelten auch keine gesetzlichen Grenzwerte.

Da es kompliziert sei zu erklären, wie die zugelassenen Höchstmengen berechnet werden, werde ein Vergleich mit der Humanmedizin hergestellt, wo die Wirkstoffe zum Teil dieselben sind wie in Pflanzenschutzmitteln, sagt Landesrat Schuler. Als Beispiel nennt er die Scabizid-Salben, die gegen Krätze (eine Hautkrankheit) angewandt werden und die ohne ärztliches Rezept in jeder Apotheke erhältlich sind, weist Landesrat Schuler hin. Diese Salben enthalten den Wirkstoff Permethrin, der seit dem Jahr 2000 in Pflanzenschutzmitteln nicht mehr zugelassen ist, aber immer noch auf der europäischen Pestizidliste geführt wird. Die Salbe enthält den Wirkstoff in einer Konzentration von fünf Prozent – vergleichsweise hoch gegenüber der Konzentration in Pflanzenschutzmitteln.

Eine Dosis von 15 Gramm dieser Salbe hinterlässt auf der Haut so viel Wirkstoff wie Gras von 17,5 Fußbalfeldern, das ähnlich kontaminiert ist wie die Grasproben des Dachverbandes. Oder anders gesagt beträgt die Wirkstoffmenge, die man sich dabei auf die Haut streicht, 3000 bis 75.000 Mal mehr als die gezogenen Proben durch den Dachverband auf ein Kilogramm Gras.

stol/lpa

stol