<b>STOL: Herr Pycha: Wir erleben nun schon die zweiten Weihnachtsfeiertage inmitten einer Pandemie. Was macht das mit den Menschen, mit der Gesellschaft?</b><BR />Roger Pycha: Der Kampf gegen das Virus ist nach wie vor ein schwerer Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner mit sich etwas ändernden Gesetzen. Das Weihnachten im Vorjahr war ein „Angstweihnachten“, wir hatten damals noch keine Waffe gegen das Virus, außer die Abstands- und Hygieneregeln. Das Weihnachten heuer ist eine Art „Kriegsweihnachten“, weil wir das Virus nun bekämpfen können. Wir haben eine Impfung, die zum Glück von einer großen Mehrheit akzeptiert wird. Es hat sich in der Zwischenzeit aber das Gefühl der Wut verstärkt, die Wut auf den Andersdenkenden, was zum Teil auch nachvollziehbar ist. Aber es stehen sich mittlerweile 2 „Glaubensgemeinschaften“ gegenüber, die nicht mehr miteinander reden und sich sogar zu hassen beginnen. Um das Virus effektiver zu bekämpfen, sollten wir unsere Wut aber genau auf dieses Virus lenken.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Weihnachten ist die Zeit der Familienfeiern, aber auch der Vereinsamung, wenn man an alleinstehende Personen denkt. Ist ein Fest wie Weihnachten für diese Personen in der Pandemie noch belastender als es ohnehin ist?</b><BR />Pycha: Ja. Zu Weihnachten ziehen sich die meisten Menschen gerne in den Schoß der Familie zurück. Die Alleinstehenden aber, vor allem die unfreiwillig Alleinstehenden, also jene Personen, die verlassen worden sind, die geschieden sind, die ihren Partner verloren haben, können das nicht. Diese Personen stehen in einer Zeit wie Weihnachten etwas abseits der Gesellschaft und suchen oft verzweifelt Anschluss. Corona hat diese Situation noch zusätzlich verschärft, durch die notwendigen Abstandsregeln, durch die Einschränkung von sozialen Kontakten. Daher haben wir beispielsweise heuer in Bruneck an Heilig Abend eine kleine Feier für Alleinstehende in Präsenz unter Einhaltung der 3G-Regeln organisiert. Das ist zwar nur eine kleine Aktion, sie soll aber Signalwirkung haben und einen Nachahmeffekt auslösen. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-52143101_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wie stark hat die Zahl der psychischen Erkrankungen während der Corona-Pandemie zugenommen?</b><BR />Pycha: Die Zahl der psychischen Erkrankungen in Südtirol ist seit der Corona stark angestiegen. Vor allem während der ersten Phase der Pandemie, im Vorjahr, war das der Fall. Und wir müssen immer bedenken, dass die psychisch Kranken der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Das heißt?</b><BR />Pycha: Wenn die Zahl der psychischen Erkrankungen zunimmt, dann heißt das, dass das Leben in einer Gesellschaft schwieriger wird, dass die Bedingungen, Glück und Zufriedenheit zu erleben, schwieriger werden. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Welche psychischen Pathologien sind während der Pandemie verstärkt aufgetreten?</b><BR />Pycha: Depressionen und Angststörungen, vor allem Phobien und Panikstörungen. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Was ist der Grund für das gehäufte Auftreten dieser Krankheiten?</b><BR />Pycha: Es gab weltweit noch nie einen solchen gesundheitlichen Ausnahmezustand, das ist einzigartig. Die ganze Welt sitzt während dieses Notstands in einem Boot, der Zustand betrifft also wirklich alle Menschen auf der Welt. Und dann gibt es 2 Möglichkeiten: Man verleugnet die Angst, man verdrängt sie also, oder man kann die Angst zulassen. Dann ist sie vorhanden und man kann sie in günstiges Verhalten umsetzen. Man kann also ein schwieriges Gefühl in ein günstiges Verhalten umsetzen, das ist die Chance, die wir haben in dieser Krise. Aber nicht nur die Pandemie an sich hat verstärkt zu psychischen Problemen geführt, auch das Virus selbst. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Inwiefern?</b><BR />Pycha: Durch eine Südtiroler Studie ist mittlerweile belegt, dass Menschen, die an Corona erkranken, <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/bei-corona-erkrankung-risiko-einer-depression-3-mal-so-hoch" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">ein 3 Mal so hohes Risiko haben eine Depression zu bekommen</a>, als Personen, die nicht Corona haben.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Und woran liegt das?</b><BR />Pycha: Das wissen wir noch nicht, das ist noch Teil der Forschung. Der Grund kann sein, dass das Virus in das Gehirn gerät, der Grund kann aber auch ein anderer sein. Dass das Risiko, durch Corona an einer Depression zu erkranken, 3 Mal so hoch ist, ist inzwischen aber wissenschaftlich erwiesen.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-52143106_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Sie haben eingangs die Spaltung der Gesellschaft angesprochen. Wird dieser Zustand Ihrer Meinung nach auch über die Pandemie hinaus anhalten?</b><BR />Pycha: Sollte uns Corona noch jahrelang begleiten, dann würde das die Spaltung in der Gesellschaft noch verschärfen. Sollten wir die Pandemie aber bald überwinden, dann bin ich überzeugt, dass sich die Fronten sofort wieder glätten werden. Wir werden dann aber sofort in die nächste Krise schlittern, in die Klimakrise.<BR /><BR /><BR /><b><BR />STOL: Wird auch die Klimakrise die Zahl der psychischen Erkrankungen nach oben schnellen lassen?</b><BR />Pycha: Ich denke nicht, da die Klimakrise weniger im Bewusstsein der Menschen verankert ist, als die Coronakrise. Die Bedrohung des Coronavirus ist für die Menschen viel unmittelbarerer als die Klimakrise. Man merkt ja nicht unmittelbar, dass man durch bestimmte Umweltstoffe vergiftet wird, man merkt nicht, dass in bestimmten Lebensmitteln Schwermetalle enthalten sind. Daher ist die Angst vor der Klimakrise nicht so groß wie die Angst vor dem Coronavirus, obwohl die Klimakrise die Herausforderung für die Menschheit schlechthin ist. <BR /><BR />