Dass rasches Handeln unbedingt notwendig war, um die gesamte Bevölkerung Südtirols in der Coronakrise psychisch zu stützen, war den Koordinatoren des Netzwerks Psychischer Gesundheit sofort klar. Deshalb wurde am 5. März 2020 zusammen mit der Präsidentin der Psychologenkammer die psychische Einsatzleitung PSYHELP gegründet. Sie umfasste ein Netzwerk von 35 Organisationen, von denen 15 der öffentlichen Hand angehörten. <h3> Anzahl bei Psychodiensten um 20 bis 30 Prozent zugenommen</h3>Nach 3 Jahren konstanter Tätigkeit wird PSYHELP offiziell aufgelöst. Zwar hat die Anzahl an Patienten bei allen Psychodiensten des Landes um 20 bis 30 Prozent zugenommen. Besonders dramatisch hat sich dies bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gezeigt. Suizidale Krisen treten deutlich häufiger auf, und der Beginn von Essstörungen erfolgt früher. Vor allem aber hat die Südtiroler Bevölkerung flächendeckend eines aus der Coronakrise gelernt: Sie sucht rascher und gezielter Hilfe bei psychosozialen Beschwerden. Es ist keine Schande mehr, auch seelisch zu leiden. Und es besteht inzwischen Vertrauen darin, dass Experten gut helfen können. Dass schwere Krisen überwunden und psychische Störungen geheilt werden können. Dass Isolation und Orientierungsarmut beseitigt werden können. Am besten immer wieder gemeinsam, in neu zu bildenden Gruppen. <BR /><BR />Während der Coronakrise wurde das helfende Sozialleben auf den Kopf gestellt. Das Gesundheitswesen wurde als krank machend erlebt. „Ganz plötzlich wollten Patienten keinen persönlichen Kontakt mehr zu uns, sie wollten sich nicht anstecken. Das beraubte die Psychiatrie und Psychologie ihres wichtigsten Hilfsmittels: der stützenden Begegnung, der erlebten tragfähigen Beziehung“, so Primar Pycha. <BR /><BR />Auch für die Experten änderte sich die Arbeitsweise schlagartig. Plötzlich musste virtuell vorgegangen werden, aber dennoch musste man den Betreuten versuchen möglichst nahe zu kommen. Nicht eine Sekretärin, sondern der behandelnde Psychiater oder der betreuende Psychologe selbst sollten all ihre Patienten anrufen. Das war Schwerstarbeit schreibt „Waren wir vorher für unsere Patienten schwer erreichbar gewesen, so wurden sie es nun für uns. Bis wir sie telefonisch aufspürten, zu Hause während der schärfsten Lockdowns noch am ehesten. Oder auch zwischendurch, wenn sie mit Covid rangen und in Quarantäne waren. Dann konnten wir mühsam auf Entfernung Diagnosen stellen und Therapien beginnen oder verändern. All das war neu zu lernen“, heißt es von den Psychiatern des Sanitätsbetriebes.<h3> Tausende Rezepte über WhatsApp und E-Mail und Videotherapien</h3>Im Lockdown wurden Tausende Rezepte über WhatsApp und E-Mail versandt, und auch Videotherapien begonnen, wo das möglich war. Die Notfallpsychologen haben mit freiwilligem Einsatz ein Psychologisches Krisentelefon 24 Stunden ins Leben gerufen, das von Anfang März 2020 bis 1.1.2022 aktiv war. „Es war so wertvoll und wichtig, dass es in Kürze verbessert, erweitert und mit viel breiteren Aufgaben versehen wieder anlaufen soll.“ <BR /><BR />Auch eine Liste hilfreicher Adressen wurde in kürzester Zeit erstellt: 112, psychiatrischer Bereitschaftsdienst, Krisentelefon, eigene Krisennummer für Mitarbeiter des Gesundheitswesens und Einsatzkräfte. Diese wurde ergänzt um eine Liste für häufige klinische Situationen (Depressionen, Angststörungen, Suchtverhalten, Essstörungen) und für niederschwellige Anliegen (Familienkonflikte, Männerberatung, Frauenhäuser). <BR /><BR />Die Website <a href="https://www.dubistnichtallein.it/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">dubistnichallein.it </a> wurde in nur 3 Wochen betriebsfertig gemacht. Sie registrierte im ersten Jahr der Verwendung 1000 Zugriffe pro Woche. „Dubistnichtallein“ geht von schwierigen Gefühlen aus, bietet dazu 3 bis 4 hilfreiche Verhaltensweisen an, und zusätzlich die Erreichbarkeit der Anlaufstellen, wenn die Ratschläge allein nicht reichen sollten. <h3> Ratschläge im Umgang mit der Krise</h3>Fachleute von PSYHELP haben die Mitarbeiter im Gesundheitswesen regelmäßig betreut und begleitet. Parallel dazu haben sie der Bevölkerung hilfreiche Ratschläge des Umgangs mit der Krise erteilt, im Besonderen über das Radio für Ältere und über die klassischen Medien für alle aggressiven oder selbstaggressiven Menschen aller sozialen Schichten. Auch in sozialen Netzwerken waren wir damit präsent. Gedacht wurde dabei vor allem an verunsicherte, erschütterte Jugendliche.<BR /><BR /><embed id="dtext86-59360178_quote" /><BR /><BR />„Wir haben die Psychologischen Dienste als breite Erstanlaufstelle über das Krisentelefon ausgebaut, und vereinbart, dass Patienten von dort bei Überlastung rasch an Psychologen anderer Einrichtungen weitergeleitet werden sollen. Diese Hilfsaktion nannten wir PSYPAKT und aktivierten sie dann, wenn die Belastung der Psychologischen Dienste zu groß zu werden drohte. All das erforderte engste Netzwerkarbeit.“<h3> Corona: Depressionen nahmen schlagartig zu</h3>In der Krise nahmen Depressionen schlagartig zu. Mit der Europäischen Allianz gegen Depression arbeiteten wir intensiv zusammen, als Sponsor fungierte Rotary. Dadurch gelang es auch in der Krisenzeit, den Ersten Oktober als Europäischen Tag der Depression zu begehen. Wir verteilten dabei an die 8000 Broschüren zum Thema „Depression-was tun?“ und ungefähr 12.000 Notfallkärtchen mit hilfreichen Telefonnummern gezielt an allen Spitälern und Bildungshäusern Südtirols. Auf der Bozner Messe konnte 2022 erstmals ein Stand unseres Netzwerks errichtet werden, der Resilienz und Work-Life-Balance zum Inhalt hatte.<BR /><BR />Auch Podcasts und Videos mit hilfreichen Inhalten wurden produziert. Alle Dienste des Netzwerks psychischer Gesundheit haben 2022 einen internen Bereitschaftsdienst während ihrer Öffnungszeiten entwickelt, der in Kürze auch mit Bereitschaftstelefonen ausgestattet wird. Die Wege für Betroffenen in Not sollen dadurch kürzer werden, die Hilfe gezielter und rascher.<h3> Zunahme der Essstörungen in immer jüngerem Alter</h3>Auf die Zunahme der Essstörungen in immer jüngerem Alter wurde mit einem Entwurf reagiert, den die Landesregierung dieser Tage beschlossen hat: Das Zugangsalter zum spezialisierten Zentrum Villa Eea in Bozen ist auf 12 Jahre herabgesetzt worden, auch das notwendige Minimalgewicht wird erniedrigt, die Zuweisung wird allen Fachärzten ermöglicht.<BR /><BR /><embed id="dtext86-59360174_quote" /><h3> Südtirol will eine Psy-App entwickeln</h3>Um die Scheu junger Leute vor der Kontaktaufnahme mit Psycho-Diensten abzubauen, soll eine Psy-App für Südtirol entwickelt werden. Über sie soll in Zukunft eine Zuweisung an den geeignetsten Dienst für die jeweiligen Beschwerden des einzelnen Betroffenen erfolgen.<BR />PSYHELP hat auch verschiedene wissenschaftliche Studien zur Coronakrise (Copsy, Negrar, Cosmo) mitgestaltet und relevante Erkenntnisse gerade zur Häufigkeit von Depressionen bei und nach Corona mit verbreitet. <h3> Juni 2020: Höchste Suizidhäufung seit Beginn der Aufzeichnungen</h3>Knapp nach Ende des ersten Lockdowns ereignete sich Anfang Juni 2020 in Südtirol die höchste Suizidhäufung seit Beginn der Aufzeichnungen. PSYHELP hat augenblicklich mit so genannten „Ermöglichungsgeschichten“ reagiert. Das sind Berichte von Menschen, die suizidale Krisen gut überstanden haben. Die erzählen, wie und mit wessen Hilfe sie das geschafft haben. Wenn diese Geschichten zusammen mit Interviews veröffentlicht werden, in denen Experten die Heilbarkeit psychischer Störungen schildern, und wenn eine Liste von Anlaufstellen dazu kommt, entsteht ein Schutzeffekt vor weiteren Suiziden. Das ist inzwischen wissenschaftlich festgestellt worden.<BR /><BR />„All das haben wir mit PSYHELP innerhalb weniger Tage getan. Praktisch alle Medien Südtirols haben uns dabei unterstützt. Nach einer Woche sank die Suizidhäufigkeit auf den jährlichen Durchschnitt zurück“, so Dr. Pycha. <BR /><BR /><BR />Abschließend heißt es in der Presseaussendung: „Rückblickend war die Krise auch ein großes Lernfeld, in dem es die Südtiroler Bevölkerung verstanden hat, besser auf das eigene psychische Gleichgewicht zu achten. Und auch wenn wir Fachkräfte eher erschöpft daraus hervorgehen, eines hat sich auf jeden Fall 3 Jahre lang gezeigt: unsere Nützlichkeit.“ <BR /><BR />