Freitag, 22. Mai 2015

So arm ist Südtirol und das sind die Folgen

Die Armut in Südtirol nimmt weiter zu. Das geht aus dem Wirkungsbericht „Armes Südtirol 2014“ der Caritas hervor. Demnach habe sich die Situation von arbeitslosen Frauen und Männer mittleren Alters, verschuldeten Personen, Familien mit geringem Einkommen, Suchtkranken, Zuwanderern und Flüchtlingen deutlich verschlechtert.

Der Caritas-Wirkungsbericht "Armes Südtirol" offenbart erschreckendes.
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Der Caritas-Wirkungsbericht "Armes Südtirol" offenbart erschreckendes. - Foto: © STOL

Besonders die Situation auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt wird immer angespannter und für viele Menschen ist die Lage 2014 noch ein Stück aussichtsloser geworden.

„Armut ist nicht nur ein finanzielles Problem, sondern hat weitreichende Folgen für die Betroffenen, aber auch für die Gesellschaft“, warnen die beiden Caritas-Direktoren Heiner Schweigkofler und Paolo Valente. „Gegenmaßnahmen sind dringender als je zuvor.“

„In den meisten Caritas-Diensten ist 2014 die Zahl der Hilfesuchenden angestiegen“, so Heiner Schweigkofler und Paolo Valente.

 

Der Caritas-Wirkungsbericht "Armes Südtirol" wurde am Freitag vorgestellt. Foto: DLIFE

 

„Ein Grund dafür ist sicher die anhaltend schwierige Wirtschaftssituation, die immer mehr Menschen auch in Südtirol in Bedrängnis bringt. Prekäre Arbeitsverhältnisse und zu niedrige Einkommen oder Renten führen dazu, dass sich viele die Miet-, Strom- und Gasrechnungen oder sogar den Kauf von Lebensmitteln oder Medikamenten nicht mehr leisten können."

Auch Mittelschicht ist betroffen

 Und das betreffe nicht nur diejenigen, die ohnehin schon am Rand der Gesellschaft stehen, sondern auch Teile der Mittelschicht, die mit den hohen Lebenshaltungskosten nicht mehr Schritt halten können“, sagen Schweigkofler und Valente. 

„Als ich vor 13 Jahren Direktor geworden bin, waren es vor allem alte, einsame, schwerkranke, abhängige und von der Gesellschaft ausgeschlossene Menschen", so Schweigkofler.

In den vergangenen drei Jahren sei eine völlig neue Gesellschaftsschicht dazukommen: Frauen und Männer, die zwar ein Einkommen haben, damit aber nicht in Würde bis ans Monatsende gelangen.

Kinder in Armut haben schlechtere Chancen

"Heute können sich viele sogar grundlegende alltägliche Dinge nicht mehr leisten. Deshalb sind die Caritas-Dienste immer mehr bei der Existenzsicherung gefragt“, sagt Schweigkofler. Häufig treffe es ganze Familien.

 „Das macht natürlich besonders betroffen. Kinder aus Familien in finanzieller Not haben leider schon von vornherein nicht die gleichen Chancen wie ihre Altersgenossen aus Familien mit gesicherten Verhältnissen.“ 
Im vergangenen Jahr hat sich die Entwicklung in den verschiedenen Caritas Diensten noch einmal verstärkt, zumal die Probleme der Betreuten immer komplexer werden. Konkret gehen materielle Sorgen häufig 
auch mit seelischer Not einher.

Am Rand der Belastbarkeit: auch psychisch

„Finanzielle Sorgen bringen Menschen oft an den Rand ihrer Belastungsfähigkeit. Vielfach sind daher auch psychische Erkrankungen und andere Auffälligkeiten zu beobachten“, berichtet Stefan Plaikner, Leiter des Beratungsdienstes Menschen in Not und der Caritas Schuldnerberatung.

 „Betroffene leiden stark unter Schuld- und Schamgefühlen, Depressionen und Existenzängsten. Das hat natürlich auch negative Auswirkungen auf das Familienleben. Und es führt zu Isolation und gesellschaftlicher Ausgrenzung.“ 

Früher nicht zu ,Klientel‘ gehört
Vor neue Herausforderungen sind auch die Mitarbeiter in den Obdachlosenhäusern, Suchtberatungsstellen und Anlaufstellen für psychisch Kranke gestellt. „Es wenden sich immer mehr Menschen an uns, die früher nicht zu unserer ,Klientel‘ gehört haben: Menschen, die um die 50 Jahre alt sind, ihre Arbeit verloren haben und in der Folge auch ihre Wohnung; oder Migranten, die bereits viele Jahre bei uns gearbeitet und gelebt haben, aber aufgrund der schwierigen Situation am Arbeitsmarkt keine Beschäftigung mehr finden.

Auch für chronisch psychisch kranke Menschen gibt es zu wenige Beschäftigungsprojekte oder geschützte Arbeitsstätten. Dabei wäre gerade das für ihr Selbstwertgefühl wichtig und sie könnten sich damit zur Invalidenrente etwas dazuverdienen.

Auf Spenden aus der Lebensmittelbank angewiesen

So sind diese Frauen und Männer zunehmend mehr auf Spenden aus der Lebensmittelbank angewiesen, weil das wenige Geld, das ihnen zur Verfügung steht, ohnehin kaum reicht“, berichtet Monika Verdorfer, die Leiterin der Obdachloseneinrichtungen in Meran und des Tagesclub für psychisch Kranke. 

Für Armut nicht schämen
Aus den Daten der über 30 Fachdienste der Caritas geht aber auch Positives hervor. Besonders die Einstellung der Menschen gegenüber der Caritas habe sich geändert.

„Die steigende Zahl an hilfsbedürftigen Menschen, die sich an die Caritas wenden, machen auch deutlich, dass sich die Menschen trauen, zu uns zu kommen. Wir konnten der Gesellschaft glaubwürdig vermitteln, dass man sich für Armut nicht schämen muss, sondern dass es wichtig ist, sich rechtzeitig Hilfe zu holen und die Armut gemeinsam zu bekämpfen.“ 

„Möglich ist dies nur durch die große Zahl an Freiwilligen, die in allen unseren Diensten mitarbeiten“, sagen Schweigkofler und Valente. „Rund 5.000 Frauen und Männer widmen jedes Jahr einen Teil ihrer freien Zeit und ihrer 
Talente dem Dienst am Nächsten. Unvorstellbar wäre die Hilfe der Caritas aber auch ohne die großzügige finanzielle Unterstützung vonseiten der Südtiroler.“

 

Heiner Schweigkofler hatte allen Grund, sich zu bedanken für die Spenden und die geleistete Arbeit der Caritas-Mitarbeiter. Foto: Dlife

 

2014 haben 7.350 Spenderinnen und Spender die Arbeit der Caritas finanziell unterstützt. 

Weitere Daten, Zahlen und Fakten zu den über 30 Fachdiensten der Caritas finden sich im Wirkungsbericht der Caritas, der heuer erstmals wieder in gedruckter Form aufliegt. Er ist in allen Caritas-Dienststellen kostenlos erhältlich. Auch auf der Homepage der Caritas ist er für alle einsehbar.

stol

stol