Donnerstag, 17. März 2016

Soziales Südtirol: Von Pflege- über Mietgeld bis Hausfrauenrente

Nein, Hilfe bekommen in Südtirol nicht nur Flüchtlinge. Auch Kranken, Behinderten, Senioren, Invaliden, Wenigverdienern und Arbeitslosen wird unter die Arme gegriffen. "Wir haben in Südtirol ein tragfähiges System", sagt Soziallandesrätin Martha Stocker. Auch Leistungen - wie Pflegehilfe und Hausfrauenrente - seien sicher.

Bei einer Pressekonferenz im Seniorenwohnheim „Zum Heiligen Vinzenz“ in Bozen am Donnerstag berichteten Soziallandesrätin Martha Stocker, der Direktor der Landesabteilung Soziales Luca Critelli und der Direktor der Agentur für soziale und wirtschaftliche Entwicklung (ASWE) Eugenio Bizzotto über die Schwerpunkte, die Eckdaten und die Entwicklungen der sozialen Dienste und Leistungen im vergangenen Jahr.
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Bei einer Pressekonferenz im Seniorenwohnheim „Zum Heiligen Vinzenz“ in Bozen am Donnerstag berichteten Soziallandesrätin Martha Stocker, der Direktor der Landesabteilung Soziales Luca Critelli und der Direktor der Agentur für soziale und wirtschaftliche Entwicklung (ASWE) Eugenio Bizzotto über die Schwerpunkte, die Eckdaten und die Entwicklungen der sozialen Dienste und Leistungen im vergangenen Jahr. - Foto: © STOL

Die seit 2008 alle Länder erschütternde Finanz- und Wirtschaftskrise konnte in Südtirol erstaunlich effizient aufgefangen werden, heißt es im Sozialbericht 2015. So konnte bezeichnender Weise die Arbeitslosigkeit und vor allem die Jugendarbeitslosigkeit, die in anderen EU Staaten und vor allem auch in anderen Teilen Italiens verheerende Ausmaße angenommen hatte, in Südtirol in Grenzen gehalten werden.

Neue Notsituationen entstehen

Dennoch: Die Verschiebungen in den Kosten verschiedener finanzieller Sozialleistungen weisen darauf hin, dass auch in Südtirol neue Notlagen unter der lohnarbeitenden Bevölkerung aktuell und präventiv angegangen werden müssen, heißt es im Bericht. 
Die Menschen in diesem Land besitzen meist noch ein erhebliches Sozialkapital in der Form von Familienangehörigen, die im nahen Umfeld leben, von Vereinen und sozialen Verbänden, und die Zufriedenheit mit den öffentlichen Diensten ist generell hoch. Gerade deshalb braucht es für diejenigen, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten, einige Überwindung beim Ansuchen um öffentliche Hilfe. So wächst auch die Zahl derer, die öffentliche Beihilfe trotz Lohnarbeit benötigen, aber erst Hilfe suchen, wenn ihre Verschuldung erhebliche Ausmaße angenommen hat.

Flüchtlingshilfe als dominantes Thema

"In der öffentlichen und medialen Wahrnehmung hat im vergangenen Jahr jedoch zweifelsohne das Thema der Flüchtlingshilfe dominiert", blickte Landesrätin Stocker auf 2015 zurück.
Dies bedeute jedoch nicht, dass es in den anderen Bereichen keine Entwicklungen gegeben habe, erinnerte die Landesrätin an das Landesgesetz zur Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderungen, an und den Start der Anlaufstellen für Pflege und Betreuung in den Sozialsprengeln und an die Anpassungen des Mietgeldes in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften.

Knapp 410 Millionen Euro für soziale Dienste und Leistungen

Knapp 410 Millionen Euro verzeichnete die Landesabteilung Soziales im vergangenen Jahr als Ausgabenposten für soziale Dienste und Leistungen an sozial schwächere Menschen in Südtirol: Mit etwa 110 Millionen Euro wurden die Sozialdienste der Bezirksgemeinschaften und der Gemeinden sowie deren Angebote für Familien, Kinder und Jugendliche, für Senioren, für Menschen mit Behinderungen, mit psychischen Problemen und Abhängigkeitserkrankungen sowie für Menschen mit spezifischen Bedürfnissen finanziert.

Wer ist Nutznießer der finanziellen Sozialhilfe?

Circa 54 Millionen Euro hat die Landesabteilung Soziales für die finanzielle Sozialhilfe, knapp 200 Millionen Euro für das Pflegegeld und die Zivilinvalidenrenten, etwa 26 Millionen Euro an Beiträgen für soziale Dienste und Tätigkeiten sowie fast 20 Millionen Euro für Investitionen im sozialen Bereich ausgegeben.

Nutznießer dieser Dienste und Leistungen waren – so berichtete Abteilungsdirektor Luca Critelli in seinem Überblick über die Tätigkeit im sozialen Bereich – etwa die bei 310.000 geleisteten Stunden insgesamt 5.380 Betreuten in der Hauspflege (3,70 Prozent Leistungsempfänger mehr als im Jahr 2014), die 4219 Senioren in den Altersheimen, die 10.722 sozialpädagogisch betreuten Minderjährigen und Erwachsenen, die 1391 Menschen mit Behinderungen in stationären Einrichtungen, Werkstätten und Tagesförderungsstätten, die 340 betreuten Menschen mit psychischen Erkrankungen und die 95 Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen.

Weniger für soziales Mindesteinkommen, mehr für Miete

Die Beiträge und Bezieher des sozialen Mindesteinkommens haben im vergangenen Jahr leicht abgenommen (minus 2,5 Prozent), die Beiträge für Miete und Wohnnebenkosten um 18,9 Prozent zugenommen; hier ist die Zunahme allerdings fast ausschließlich auf den Übergang der Nutznießer vom ehemaligen Wohngeld auf den Mietbeitrag zurückzuführen. Diese Übergangsphase soll innerhalb Mitte 2016 abgeschlossen sein.

6384 Vollzeitstellen und 4513 Ehrenamtliche

Auf insgesamt 6384 Vollzeitstellen angestiegen ist der Personalstand der Sozialdienste (knapp 7 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren und 0,5 Prozent mehr als im vergangenen Jahr). Stark angestiegen ist die Zahl der freiwilligen Helfer, nicht zuletzt aufgrund der verstärkten Flüchtlingshilfe: 4513 Menschen haben sich im vergangenen Jahr in den Sozialdiensten ehrenamtlich engagiert, das sind 12,2 Prozent mehr als 2014.

Sozial- und Vorsorgeleistungen der ASWE: Hausfrauenrente nimmt zu

Die Agentur für wirtschaftliche und soziale Entwicklung (ASWE) hat im vergangenen Jahr für den sozialen Bereich insgesamt 260 Millionen Euro an über 30.000 Beitragsempfänger ausbezahlt, wie von Direktor Eugenio Bizzotto im Detail aufgezeigt wurde.
Den größten Anteil macht dabei mit knapp 200 Millionen Euro (75 Prozent) das Pflegegeld aus – was sich mit den Prognosen zu den aktuellen Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung deckt. Konstant sind auch die von der ASWE ausbezahlten Leistungen für Zivilinvaliden und Menschen mit Behinderungen: Mehr als 40 Millionen Euro wurden an 7500 Beitragsempfänger ausbezahlt, das sind um 0,2 Prozent weniger als im Jahr 2014.
An Vorsorgeleistungen bezahlte die ASWE im vergangenen Jahr mehr als 22 Millionen Euro an knapp 7900 Beitragsempfänger aus. Dabei stich vor allem die Hausfrauenrente mit mehr als 2000 Begünstigten, einem aktuellen Finanzvermögen von 255 Millionen Euro und einem ausgeglichenem Fonds hervor.

EEVE als Instrument

Den wachsenden Anforderungen an das Sozialwesen insgesamt steht eine Reduzierung der zur Verfügung stehenden öffentlichen Gelder gegenüber, was bedeutet, dass Ressourcen
effizient eingesetzt werden müssen. "Es muss unsere gemeinsame Zielsetzung sein, dass das soziale System, die Dienste und die Leistungen immer treffsicherer werden", erklärte Landesrätin Stocker, die an die Einheitliche Einkommens- und Vermögenserklärung (EEVE) als dafür eingeführtes Instrument erinnerte.

Als Herausforderung für das Jahr 2016 benannte die Landesrätin das Thema Arbeit. "Arbeit ist mehr als ein Broterwerb, Arbeit muss auch Sinn geben und vor allem Lebenssicherheit", dachte Landesrätin Stocker dabei nicht nur an Menschen mit Behinderungen, sondern auch an Menschen mit Schwierigkeiten am Arbeitsplatz oder bei Verlust des Arbeitsplatzes.

stol/lpa/ker

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Hier geht's zum vollständigen Sozialbericht für 2015:

stol