Dienstag, 01. Oktober 2019

Südtiroler leiden weniger häufig an Depressionen

Während Italiens erwachsene Bevölkerung laut der PASSI-Studie zu 6 Prozent an Depressionen leidet, sind es zwischen Salurn und Reschen „nur“ 3,5 Prozent. Diese gute Nachricht hat Roger Pycha, der Primar des Psychiatrischen Dienstes Brixen und Koordinator des Netzwerks Psychische Gesundheit im Sanitätsbetrieb, zum Tag der Depression am 1. Oktober zu verkünden.

In Südtirol leiden 3,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung an Depression.
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In Südtirol leiden 3,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung an Depression. - Foto: © shutterstock

„Es scheint, als zeigten unsere jahrelangen intensiven Bemühungen zu Sensibilisierung, Prävention, Akut- und Nachversorgung Früchte“, freut sich Roger Pycha. „Seit 2004 sind wir aktiv durch die europäische Allianz gegen Depression. Wir haben ein Netzwerk aufgebaut aus Telefonberatung, Selbsthilfe, Anlaufstellen und Fachdiensten, welches vorrangig 2 Zielen dient: der Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten depressiv Erkrankter und der Senkung der Suizidrate. Denn leider ist Depression immer noch jene Erkrankung, die am meisten Suizidopfer fordert.“

Deshalb, so Pycha, sei es wichtig, dass ein Bewusstsein für diese Erkrankung geschaffen werde – „ein volksgesundheitlicher Wert, denn immerhin sind Depressionen schon heute die zweitbedeutsamsten Erkrankungen, in 10 Jahren, so Schätzungen, werden diese das Krankheitsbild Nr. 1 sein.“

Zweisprachige Information durch Info-Stände und Medien

Deshalb war es auch Landesrat Thomas Widmann ein Anliegen, den Tag der Depression am 1. Oktober und den 19. Oktober, der auf nationaler Ebene gilt, in Südtirol zu begehen: Umfassende Information durch Medien und Info-Stände in den Krankenhäusern von Bozen, Meran, Brixen und Bruneck wird angeboten. Es liegen zweisprachige Broschüren zum Thema „Depression – was tun?“ auf, ebenso sind „Notfallkärtchen“ vorhanden, die sich jeder einfach und unkompliziert in die Brieftasche stecken kann.

Diese enthalten zweisprachig die Nummern der 3 Telefonberatungsstellen des Landes (Caritas, Young & Direct, Telefono amico). Für Pycha ein doppelter Gewinn: „Diese kleinen und unauffälligen Kärtchen können nicht nur für den Betroffenen selbst eine Hilfe sein, sondern sie können auch unauffällig weitergegeben werden – falls Sie sehen, dass jemand Unterstützung braucht.“

Dass diese Bemühungen langsam zum Erfolg führen, sieht man: Laut der „PASSI-Studie“, die den Gesundheitszustand der erwachsenen Bevölkerung in Südtirol erhebt, liegt der Durchschnitt der Anzahl depressiver Menschen in Südtirol bei „nur“ 3,5 Prozent, während staatsweit 6 Prozent an dieser Erkrankung leiden. In Südtirol suchen 3 von 4 Betroffenen Hilfe bei Ärzten und Familienangehörigen, im restlichen Italien, so Primar Pycha, gerade mal die Hälfte.

Vielfältige Ursachen für seelisches Leiden

Depressive Menschen in Südtirol würden angeben, sich an rund 200 Tagen im Jahr seelisch leidend zu fühlen, an 120 Tagen mit körperlichen Beschwerden zu ringen und immerhin 84 Tage im Jahr nicht arbeitsfähig zu sein. Die Ursachen dafür seien vielfältig: Erbliche Veranlagungen, unbewusste Erfahrungen aus der frühen Kindheit, die Lerngeschichte von bewusst erlebten Erfolgen und Misserfolgen und die aktuelle Belastung durch beeinträchtigende Ereignisse wie Verluste oder Konflikte.

„Aus der Studie geht hervor, dass beispielsweise große finanzielle Schwierigkeiten ein wesentlicher Auslöser sind. Aber auch Einsamkeit – besonders im Alter – ist schlecht für die seelische Gesundheit. So wurde erhoben, dass rund 10 Prozent der Menschen über 65 depressiv sind, typischerweise Frauen. Auch hier spielt das finanzielle ‚Polster‘ eine wichtige Rolle – wer im Alter finanziell auf sicheren Beinen steht, ist wesentlich seltener depressiv“, merkt Pycha an.

Frühzeitig Hilfe holen

Hauptanzeichen einer Depression seien dauerhaft gedrückte Stimmung, Verlust von Freude und Interessen und Kraftlosigkeit, die mindestens 2 Wochen lang andauern. Daneben sind vor allem Schlafstörungen, Appetitmangel, Abmagerung, Konzentrationsstörungen, Grübelzwang und geringes Selbstwertgefühl Hinweise auf bestehende oder entstehende Depression. „Holen Sie sich frühzeitig Hilfe, je früher wir eine Depression erkennen, desto besser können wir sie behandeln. Zeitgewinn ist ein Gewinn von Lebensenergie! Die Königswege zur Behandlung sind Psychotherapie und moderne Medikamente“, appelliert der Facharzt.

Gerade vor letzteren brauche niemand Angst zu haben, Antidepressiva seien heutzutage eher ein Segen als ein Fluch: „Moderne Medikamente machen nicht süchtig. Sie verändern den Gehirnstoffwechsel nicht wie Drogen oder Nikotin im Verlauf von Sekunden bis Minuten nach der Einnahme, sondern beeinflussen diesen nachhaltig, zum Teil auch erst nach bis zu 3 Wochen. Das ist ein wesentlicher Schutz für die Betroffenen.“ erklärt Pycha. 

Beruhigungs- und Schlafmittel seien hingegen zu reduzieren, Antidepressiva können sehr gut bei Angststörungen, psychosomatischen Beschwerden, Schmerzen und Schlafstörungen eingesetzt werden, ohne Suchtpotenzial zu entfalten. Allerdings könne das abrupte Absetzen manchmal zu Problemen führen, weshalb immer ein auf den Einzelfall zugeschnittener Umgang wichtig sei – und ein schrittweises Senken der Dosis.  

„Kurze Wege für rasche Heilung“

Seit 2018 sind die Psychiatrischen und Psychologischen Dienste, die Dienste für Abhängigkeitserkrankungen, die Kinderpsychiatrie und das Therapiezentrum Bad Bachgart des Sanitätsbetriebes auf Anregung der Landesregierung in einem Netzwerk für die psychische Gesundheit zusammengeschlossen.

Es handelt sich um das höchste Fachgremium im Land, welches sich mit den brennendsten und wichtigsten Fragen der psychischen Gesundheit im Land befasst, beratend auf die Politik wirkt und sich dafür zuständig fühlt, so Primar Roger Pycha. 

„Kurze Wege für rasche Heilung“, lautet die Devise. Aktuelle Themen, mit denen sich das Netzwerk derzeit befasst, sind unter anderem Vorgangsweisen im Bereich des Autismusspektrums, der Essstörungen oder der Verhaltensauffälligkeiten bei Flüchtlingen.

Anlaufstellen:

Die Notaufnahmen aller Krankenhäuser und die Zentren psychischer Gesundheit sowie die Psychologischen Dienste (rund um die Uhr), Hausarzt, privat tätige Psychiater und Psychologen. Telefon- und E-Mail-Beratung gibt es bei:

  • Telefonseelsorge der Caritas (Tel. 0471 052 052)
  • Young & Direct (Grüne Nummer 840 036 366, Whats-App 345 0817 056, [email protected])
  • Telefono amico (Grüne Nummer 800 851 097)

stol

stol