Der 31-jährige Nalser, der in München Geschichte und Politikwissenschaften studiert hat, erzählt vom kurzen, aber intensiven Tag: Besuche der zerstörten Städte Irpin und Borodjanka standen ebenso auf dem Programm, wie Treffen in Kiew mit dem ukrainischen Premier Denys Schmyhal, Verteidigungsminister Oleksi Resnikow, Parlamentspräsident Ruslan Stefantschuk und mit Andri Sibyha, einem außenpolitischen Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj.<BR /><BR /><b>Mit welchen Erwartungen sind Sie in die Ukraine gefahren?</b><BR />Hannes Pichler: Wir sind natürlich unter einer gewissen Anspannung losgefahren. Zivile Infrastruktur wird von den Russen immer wieder gezielt angegriffen. Insofern waren das heikle 14 Stunden im abgedunkelten Nachtzug. Wir sind aber auf die Minute pünktlich in Kiew angekommen und konnten direkt mit den Gesprächen starten. Wir wollten von ukrainischen Politikern ungefiltert und vertraulich hören, was sie aus Deutschland an Unterstützung benötigen, um diesen Krieg zu gewinnen. Die Erwartung war, dass wir mit einem realistischen Lagebild zurückkommen und das für die politische Arbeit im Bundestag verwenden können. Wir wollen die Ukraine mit ganzer Kraft unterstützen. <BR /><BR /><b>Mit welchen Eindrücken sind Sie zurückgekommen?</b><BR />Pichler: Ich bin schlichtweg beeindruckt, mit welchem Mut und mit welcher Entschlossenheit die Ukrainer das Land verteidigen. Die ganze Gesellschaft steht eng zusammen, jeder Einzelne stellt sich in den Dienst der Verteidigung. Unsere Gesprächspartner waren alle zutiefst davon überzeugt, dass sie die Russen aus ihrem Land drängen werden. Gerade im persönlichen Gespräch merkt man den Menschen das Entsetzen über diesen sinnlosen Angriffskrieg natürlich deutlich an. Es wirkt für sie wie ein unwirklicher Traum, von dem sie gerne schnell aufwachen würden. Alle ahnen aber, dass der Krieg noch länger dauern und viele Opfer fordern wird. <BR /><BR /><embed id="dtext86-55004926_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Mit welchen Gefühlen haben Sie die Ukraine verlassen?</b><BR />Pichler: Mit der Überzeugung, dass es richtig und wichtig war, dort gewesen zu sein. Politik lebt auch von Signalen. Die Ukrainer haben das sehr zu schätzen gewusst, dass wir in dieser schwierigen Kriegsphase nach Kiew gekommen sind. Das wurde in allen Gesprächen deutlich. Sie wollen in die EU und kämpfen für unsere Werte - und da brauchen sie auf allen Ebenen Unterstützung. Am (gestrigen) Freitag wurde im ukrainischen Parlament unter großem Jubel die Europaflagge enthüllt. Ich kam mit dem Gefühl zurück, dass das ganze Land in Richtung Europa aufgebrochen ist und wir es auf diesem Wege unterstützen sollten. <BR /><BR /><b>Die Bundestags-Delegation war in Irpin und in Borodjanka. Ihr Eindruck der Lage dort?</b><BR />Pichler: Die beiden Orte sind unglaublich zerstört. Es ist furchtbar, diese Brutalität zu sehen. Vor 12 Wochen hat dort noch der Krieg gewütet, Menschen wurden kaltblütig ermordet und verschleppt. Mit Bomben wurden ganze Wohnviertel ausgelöscht. Heute stehen die ausgebrannten Ruinen wie ein Mahnmal hier. Aber die Menschen haben Angst. Sie fürchten, dass die Russen wiederkommen und als Revanche noch grausamer vorgehen werden. Einige der zerstörten Häuser werden von Freiwilligen gerade entrümpelt. Wir haben eine Gruppe von Jugendlichen getroffen, die das trotz der Gefahr von Minen macht. Jeder packt jetzt an. Aber an einen richtigen Wiederaufbau ist noch nicht zu denken. Erst muss der Krieg beendet werden.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="785237_image" /></div> <BR /><b>Wie schätzen Sie die Lage in Kiew ein? Wie normal ist das Leben in der Hauptstadt derzeit, wie präsent ist der Krieg im Alltag der Menschen?</b><BR />Pichler: Kiew wirkt auf den ersten Blick wie eine lebendige europäische Metropole. Die Menschen sind auf den Straßen, die Restaurants und Cafés geöffnet. Die Menschen gehen ihrer Arbeit nach. Die Normalität ist aber trügerisch. Erst vor wenigen Tagen sind 3 Raketen auf Wohnhäuser abgefeuert worden, normalerweise gibt es täglich mehrmals Raketenalarm. Bei unserem Besuch blieb es Gott sei Dank völlig ruhig, anders als in anderen Landesteilen. Gerade Odessa und Charkiv wurden am Donnerstag heftig aus der Luft angegriffen.<BR /><BR /><b>Raketen schlagen immer wieder in Kiew ein. Haben Sie sich bedroht gefühlt?</b><BR />Pichler: Es begleitet einen seit dem Grenzübertritt ein gewisses Gefühl der Bedrohung. Der Himmel ist schließlich offen - Russland beschießt die Ukraine nicht nur vom eigenen Territorium aus, sondern auch von Belarus und vom Schwarzen Meer. Die Gefahr ist schon sehr real, aber man darf sich nicht davon überwältigen lassen. Wir waren 15 Stunden in der Stadt und haben konzentriert unser Programm abgearbeitet. Wir hatten ukrainische Sicherheitskräfte zum Schutz dabei und wurden darüber informiert, wie wir uns bei Raketenalarm zu verhalten hätten. Aber ein Restrisiko bleibt.<BR /><BR /><embed id="dtext86-55004927_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie kann man sich einen politischen Besuch bei einer solchen Sicherheitslage vorstellen?</b><BR />Pichler: Das Regierungsviertel in Kiew ist stark gesichert. Seit Kriegsbeginn gab es mehrere Versuche von russischen Spezialkräften, den ukrainischen Präsidenten Selenskyj und andere Regierungsmitglieder auszuschalten. Entsprechend alarmiert sind die Sicherheitskräfte. Die Fenster in den Regierungsgebäuden sind mit Sandsäcken abgesichert, es gibt überall militärische Verteidigungspositionen und stark bewaffnete Soldaten. Besonders sensibel war es im abgedunkelten Arbeitsgebäude des Präsidenten. Wir haben es als großen Vertrauensbeweis empfunden, unter diesen Bedingungen empfangen zu werden. <BR /><BR /><b>Die Delegation hat den ukrainischen Premier und den Verteidigungsminister getroffen. Wie schätzen diese die Lage ein?</b><BR />Pichler: Die Lage ist extrem schwierig für die Ukraine. Die russische Armee konzentriert ihre Angriffe auf den Donbass und reibt die ukrainischen Kräfte dort auf. Täglich sterben bis zu 200 ukrainische Soldaten, bis zu 500 werden verwundet. Das sind enorme Verluste. Gleichzeitig haben die Russen ein militärisches Kräfteverhältnis von 10:1 bei Artillerie und Panzern. Es droht in den nächsten Monaten eine russische Feuerwalze auf die Ostukraine zuzukommen. Zugleich hat Russland die Fähigkeiten, im ganzen Land zu bombardieren und Terror zu verbreiten. Die Ukrainer sind enorm unter Druck. Nichtsdestotrotz haben uns die Minister klargemacht, dass sie ihr Land niemals aufgeben werden und für jeden Quadratmeter kämpfen werden. Sie haben absolut kein Vertrauen in Putin und glauben nicht, dass sie mit diesem Kriegsverbrecher ein Abkommen schließen könnten. Insofern wird es zu keinem schnellen Kriegsende kommen.<BR /><BR /><b>Welche Erwartungen gibt es seitens der ukrainischen Regierung an die deutsche Politik?</b><BR />Pichler: Die Ukrainer sind sehr dankbar für die große Unterstützung aus Europa. Aber sie haben es sehr deutlich gemacht: Sie brauchen jetzt dringend noch mehr Waffen, um dem russischen Druck widerstehen zu können. In Deutschland stehen schwere Waffen wie Schützenpanzer bei der Industrie, die die Ukrainer gerne hätten. Aber die Bundesregierung hält sich weiter zurück. Das kann in Kiew niemand verstehen - und ich ehrlich gesagt auch nicht. Die Ukraine kämpft für Europa und unsere Sicherheit. Dabei müssen wir sie jetzt mit voller Kraft unterstützen. Denn Putin versteht nur Härte und leider keine Diplomatie. Jedes Zögern bei Waffenlieferungen kostet in der Ukraine unschuldige Menschenleben. Das dürfen wir nicht zulassen!<BR />