Sonntag, 01. September 2019

Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg - mit einer Lüge.

Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg.
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Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. - Foto: © shutterstock

Der Zweite Weltkrieg begann mit einer Lüge und endete mit 60 Millionen Toten und unvorstellbaren Verbrechen. Am 1. September 1939 verkündete Adolf Hitler in einer vom Rundfunk übertragenen Rede im Reichstag u.a.: „Polen hat nun heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch durch reguläre Truppen geschossen.“

Das war eine Lüge. Am Abend des 31. August hatten Angehörige des Sicherheitsdienstes in polnischen Uniformen unter Führung der SS den Sender Gleiwitz in Oberschlesien überfallen und eine Botschaft über den Rundfunk verlesen. Ein Sprecher hatte sich als „Polnischer Sender Gleiwitz“ gemeldet und erklärt, er spreche im Namen des „Polnischen Freiwilligenkorps Oberschlesischer Aufständischer“. In der Meldung, die teils auf Polnisch, teils auf Deutsch verlesen worden war, hatte es geheißen, Sender und Stadt Gleiwitz befänden sich in polnischer Hand.

Zum Beweis für die polnischen Angriffe wurden angeblich erschossene polnische „Insurgenten“ vorgezeigt. Tatsächlich hatte es sich um Konzentrationslagerhäftlinge gehandelt, die mit einer Giftspritze getötet und denen zusätzlich mehrere Schusswunden zugefügt worden waren. Die Aktion sollte den Vorwand für den Überfall auf Polen liefern.

Hitler hatte am 20. August der Wehrmachtführung eine propagandistische Aktion angekündigt, die – glaubhaft oder nicht – einen Anlass zur Auslösung des Krieges geben werde. Zuvor hatte er ein 16 Punkte Verhandlungsvorschlag für Franzosen und Briten aufschreiben lassen, aber verboten, es der Gegenseite auszuhändigen.

Hitler: „Ich brauchte ein Alibi, vor allem dem deutschen Volke gegenüber, um ihm zu zeigen, dass ich alles getan hatte, den Frieden zu erhalten.“

Hitler wollte den Krieg von Anfang an

Hitler wollte den Krieg, und das von Anfang an. Öffentlich sprach er vom Frieden als ein Mann, der den Krieg kennengelernt hatte und der ausschließlich den Versailler „ Schandvertrag“ revidieren wollte. Damit wurde die Öffentlichkeit getäuscht. Intern klang alles anders, und das schon 3 Tage nach der Machtübernahme. Am 3. Februar 1933 verkündete er vor der Generalität der Reichswehr sein Programm: Aufrüstung, Wiedereinführung der Wehrpflicht,Weltanschauungskrieg gegen den Bolschewismus in der Sowjetunion und gnadenloser Rassenkrieg gegen Juden und Slawen, Eroberung von Lebensraum im Osten für das deutsche, arische Herrenvolk.

Das war ernst gemeint, auch wenn von einem der Generäle der Satz überliefert ist: „Stets war die Rede kecker als die Tat.“

Es wurde aufgerüstet, die Wehrpflicht wieder eingeführt, das laut Versailler Vertrag entmilitarisierte Rheinland besetzt. 1936 befahl Hitler: „I. Die deutsche Armee muss in 4 Jahren einsatzfähig sein. II. Die deutsche Wirtschaft muss in 4 Jahren kriegsfähig sein.“

Ende 1937 wurde er konkreter. Am 5. November enthüllte er vor den Oberbefehlshabern genauere Angriffspläne mit ersten Terminen und Opfern. „Das Ziel der deutschen Politik bleibe die Gewinnung eines größeren Lebensraumes in Europa. […] Zur Lösung der deutschen Frage könne es nur den Weg der Gewalt geben, dieser niemals risikolos sein. Zeitpunkt 1943–45.

Nach dieser Zeit sei nur noch eine Veränderung zu unseren Ungunsten zu erwarten. Deshalb sei es sein unabänderlicher Entschluss, spätestens 1943/45 die deutsche Raumfrage zu lösen. […] Zur Verbesserung unserer militärpolitischen Lage müsse jedem Fall bei einer kriegerischen Verwicklung unser erstes Ziel sein, die Tschechei und gleichzeitig Österreich niederzuwerfen.“

Dem folgte am 21. Dezember 1937 Hitlers Weisung: „Hat Deutschland seine volle Kriegsbereitschaft auf allen Gebieten erreicht, so wird die militärische Voraussetzung geschaffen sein, einen Angriffskrieg gegen die Tschechoslowakei und damit die Lösung des deutschen Raumproblems auch dann zu einem siegreichen Ende zu führen, wenn die eine oder andere Großmacht gegen uns eingreift. [ …] Das Ziel besteht in einem planmäßig im Frieden vorbereiteten strategischen Überfall auf die Tschechoslowakei.“

Das erste Opfer: Österreich

Die nächste Beute war zunächst allerdings Österreich. 1934 war die „schnelle Lösung“ am Widerstand Mussolinis gescheitert. Das hatte sich inzwischen geändert. Seit 1936 gab es ein von Mussolini als „Achse“ zwischen Berlin und Rom bezeichnetes Abkommen. Damals entstand das makabre Scherzwort, diese Achse sei der Spieß, an dem Österreich braun gebraten werde.

Hitler erhielt von Mussolini bei dessen Besuch in Berlin im September 1937 im Hinblick auf Österreich freie Hand. Wollte Deutschland seinen Rüstungsvorsprung gegenüber den anderen Mächten aufrechterhalten und das Aufrüstungstempo beibehalten, musste gehandelt werden: In Österreich lockten 600.000 Arbeitslose, unter ihnen zehntausende hochqualifizierte Facharbeiter, zahlreiche neue Produktionskapazitäten und wichtige Rohstoffe, insbesondere Eisenerz, Holz, Erdöl, Magnetsit.

Vor allen Dingen aber lockten Geld- und Devisenvorräte, die angesichts der eigenen katastrophalen Devisenlage dringend benötigt wurden. So verfügte die deutsche Reichsbank Ende 1937 nur noch über Devisen im Wert von rund 90 Millionen Reichsmark, während die deutsche Beute in Wien im März 1938 mit umgerechnet rund 1,4 Milliarden Reichsmark geradezu gigantisch war. Statt des befürchteten Widerstands ( Hitler: Sollte es dazu kommen, „so ist er mit größter Rücksichtslosigkeit durch Waffengewalt zu brechen.“) gab es in Österreich am 12. März 1938 begeisterte, Blumen streuende, jubelnde Massen. Am 15. März verkündete Hitler auf dem Heldenplatz in Wien den „Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“.

Das zweite Opfer: die Tschechoslowakei

Damit nicht genug. Auf dem Weg in den Krieg im Osten lag die Tschechoslowakei, die müsse, so Hitler am 28. Mai 1938 gegenüber seinen Generälen, „von der Landkarte verschwinden“. Zwei Tage später unterschrieb er die entsprechende Weisung „Grün“: „Es ist mein unabänderlicher Entschluss, die Tschechoslowakei in absehbarer Zeit durch eine militärische Aktion zu zerschlagen. Den politisch und militärisch geeigneten Zeitpunkt abzuwarten oder herbeizuführen, ist Sache der politischen Führung […] Ausführung muss spätestens ab 1.10.38 sichergestellt sein.“

Nur mit den Ressourcen der Tschechoslowakei konnte das Rüstungstempo beibehalten werden. Zur Vorbereitung des nächsten Coups verbreitete das Propagandaministerium Gräuelmeldungen. Am 12. September verlangte Hitler in einer Parteitagsrede Selbstbestimmung für die Sudetendeutschen, das hieß Abtretung der Sudetengebiete. Die Schlagzeilen des NS-Völkischen Beobachters lauteten in jenen Tagen: „Dieser Verbrecherstaat muss zerschlagen werden. Furchtbare Gräueltaten der tschechischen Mordbanditen.“ (17.9.) „Unmenschlich wüten die hussitischen Mordbuben.“ (20.9.) „Deutsches Blut klagt an! Wir sind entschlossen!“

Angesichts einer drohenden Kriegsgefahr versuchte der britische Premierminister Chamberlain zu retten, was zu retten war, besuchte Hitler am 15. September auf dem Obersalzberg, wo Hitler die Abtretung des Sudetengebietes forderte, „widrigenfalls er, ehe denn zu warten, bereit sei, einen Weltkrieg zu riskieren“. Kurz zuvor hatte er eine Vorlage des Oberkommandos der Wehrmacht gebilligt, in der es hieß: „Die Aktion 'Grün' wird ausgelöst durch einen Zwischenfall in der Tschechei.“

Am 21. September fügte sich Prag der Abtretung. Jetzt wollte Hitler mehr und verlangte ultimativ von Chamberlain, dass das Sudetenland bis zum 26. der einrückenden Wehrmacht zu übergeben sei. Mit Mühe erreichte der britische Premier eine Fristverlängerung bis zum 1. Oktober. Wenige Stunden vor Ablauf des Ultimatums schlug Mussolini eine Konferenz in München vor, auf der sich vom 29. auf 30. September Chamberlain, Frankreichs Daladier, Mussolini und Hitler trafen, um zu besiegeln, was im wesentlichen schon feststand. 
Das „Münchner Abkommen“ wurde der Prager Regierung am 30. September oktroyiert, am 1. Oktober marschierten deutsche Truppen ins Sudetenland ein.

Während Chamberlain in London unter Hinweis auf ein von Hitler unterzeichnetes Dokument vom „Frieden in unserer Zeit“ sprach, dachte der nicht einen Moment daran, sich an das Abkommen zu halten. „Vom ersten Augenblick an war mir klar, dass ich mich nicht mit dem sudetendeutschen Gebiet begnügen könnte. Es war nur eine Teil-Lösung. Der Entschluss zum Einmarsch in Böhmen war gefasst.“ Am 21. Oktober befahl er der Wehrmacht: „Es muss möglich sein, die Rest-Tschechei jederzeit zerschlagen zu können.“ Das geschah ein halbes Jahr später.

In der Nacht zum 15. März 1939 unterschrieb CSR-Staatspräsidenten Hacha in Berlin unter brutalem Druck – Göring drohte mit Luftangriff auf Prag – und einem Schwächeanfall, dass er „das Schicksal des tschechischen Volkes und Landes vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reichs legt“. Am selben Tag besetzten deutsche Truppen das Nachbarland, am nächsten Tag war Hitler auf dem Prager Hradschin.

Das nächste Opfer: Polen

Das nächste Opfer hieß Polen. Am 3. April wies Hitler die Wehrmacht an, einen möglichst lokalisierten Blitzfeldzug gegen Polen („Fall Weiß“) so vorzubereiten, „dass die Durchführung ab 1.9.1939 jederzeit möglich ist“. Am 22. August definierte er in einer Ansprache vor den Oberbefehlshabern auf dem Berghof das Ziel des Feldzuges: „Vernichtung Polens=Beseitigung seiner lebendigen Kraft.“ Zwei Tage später wurde die Welt dann vom Abschluss eines deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts – Hitler-Stalin-Pakt – überrascht. Der französische Botschafter in Berlin notierte: „Damit ist der letzte Faden, an dem der Friede noch hing, gerissen.“

Die ideologische Gegnerschaft zwischen dem „Todfeind“ Bolschewismus und dem Nationalsozialismus wurde von Hitler diesem Zweckbündnis – für ihn nur auf Zeit: bis zum Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 – untergeordnet: Polen war jetzt leichter zu besiegen und ein Zweifrontenkrieg wurde verhindert. In dem geheimen Zusatzprotokoll des Paktes – dessen Existenz die Sowjetunion 50 Jahre leugnete – teilten die beiden Diktatoren Osteuropa unter sich auf.

Am 25. August erteilte Hitler den Befehl zum Angriff auf Polen: 4.30 Uhr am 26. August. Als Mussolini ihm mitteilte, sein Land sei nicht kriegsbereit, zog er den Befehl kurzfristig zurück, befahl dann am 31. August, den Angriff am 1. September um 4.45 Uhr zu eröffnen.

Der begann planmäßig an jenem Freitag: Um 4.45 Uhr eröffnete das Linienschiff „Schleswig-Holstein“ das Feuer auf die polnischen Befestigungen auf der Westerplatte vor Danzig, um 10 Uhr begründete Hitler in der eingangs erwähnten Rede im Reichstag den Überfall auf Polen. Zwei Tage später erklärten Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg.

Erste Erfolge der Wehrmacht im „Blitzkrieg“ täuschen darüber hinweg, dass dieser Krieg von Anfang an verloren war. Am 1. September hatte Hitler auch gesagt, „ein November 1918 wird sich niemals mehr in der deutschen Geschichte wiederholen“. Damit hatte er sogar recht. Der November 1918 wiederholte sich nicht, es sollte alles noch viel schlimmer kommen. Eine Kriegsschulddiskussion wie nach dem Ersten Weltkrieg gab es nicht: Es war Hitler, der den Zweiten Weltkrieg entfesselte.

Rolf Steininger

stol