Dienstag, 29. August 2017

Lehrermangel? "Die Schule möge beginnen"

Eine Woche noch bis Schulbeginn - und noch immer gibt es freie Lehrstellen: Das ist im Grunde nichts Neues, außer dass heuer vor allem bei den Grund- und Integrationslehrern eine Lücke klafft. Doch bis jetzt hat die Schule noch immer fristgerecht begonnen, beruhigt man beim Deutschen Schulamt.

Stephan Tschigg, Abteilungsdirektor des Deutschen Schulamts, weiß um den Lehrermangel.
Stephan Tschigg, Abteilungsdirektor des Deutschen Schulamts, weiß um den Lehrermangel. - Foto: © STOL

Südtirol Online: Die Stellenwahl an den deutschsprachigen Grund-, Mittel- und Oberschulen ist abgeschlossen; doch nicht alle Stellen konnten besetzt werden (STOL hat berichtet), dabei beginnt am kommenden Dienstag das neue Schuljahr. In welchen Bereichen ist der Lehrermangel eklatant?

Stephan Tschigg, Abteilungsdirektor des Deutschen Schulamts: Der Mangel ist gewiss ein großes Thema, aber nicht neu. Wo er sich jetzt zeigt, ist im Grundschulbereich, wo viele Lehrpersonen in Rente gegangen sind.

STOL: Warum kommen nicht genug Lehrer nach?

Tschigg: Es kommen schon welche nach. Wenn ich eine 1:1-Besetzung hätte, wäre es zu bewältigen. Aber durch Mutterschaft, Teilzeit, Elternschaft ist man irgendwann am Ende der Personaldecke angelangt.
Für Italienisch und die technisch-praktischen Fächer fehlen noch Lehrer - und wir haben durch Angebote etwa für Zweitsprachlehrer an der Universität entgegengewirkt. Auch im technischen und mathematisch/naturwissenschaflichen Bereich.

STOL: Besonders bedenklich scheint es bei den Stellen für den Integrationsunterricht zu sein (in der Oberschule wurden 87 Prozent besetzt, in der Mittelschule 38 Prozent und in der Grundschule nur 25 Prozent der Stellen). Warum?

Tschigg: Ja, freie Stellen gibt es beim Integrationsunterricht, was es mit der beruflichen Attraktivität zusammenhängt. Wenn ich vor die Frage gestellt werde, werde ich Regellehrer oder Integrationslehrer, entscheiden sich die meisten für ersteres.

STOL: Rechnet man mit einer weiteren Zuspitzung der Situation?

Tschigg: Es sind derzeit sehr viele Grundschullehrer in Pension gegangen. Irgendwann werden diese Pensionierungs-Spitzen auch nachlassen. Und: Es ist bis jetzt immer gelungen, Lehrpersonal zu finden. Und der Unterricht hat zeitlich unverzögert stattfinden können. Aber gewiss, man muss darauf reagieren.

STOL: Bildungs-Landesrat Philipp Achammer sprach von Lehrern aus Nordtirol - wäre das so eine Reaktion?

Tschigg: Über den Brenner zu sehen, ist auch eine Strategie. Die Anerkennung der Lehrbefähigung läuft. Die Frage ist auch, wie attraktiv unser Land für Nordtiroler Lehrer ist.
Quereinsteiger sind auch eine Möglichkeit - sprich Personen aus dem pädagogischen Bereich umzuschulen, damit sie unterrichten können. Soweit die Idee.

STOL: Die Lehrstellen, die nicht vergeben werden konnten, werden nun direkt von den Schuldirektionen besetzt - ohne dass die Lehrpersonen die Anforderungen erfüllen müssen?

Tschigg: Es sind dafür jene Personen anzusprechen, die durch ihre Bewerbungsunterlagen als bestmöglich geeignete Lehrperson aufscheinen. Und mittlerweile gibt es ja die Verpflichtung, dass Lehrpersonen, die ohne Studientitel unterrichten, Weiterbildungen gemacht haben müssen.

STOL: Landesrat Achammer spricht sich für eine frühere Stellenwahl (mit Ende des Schuljahres) aus, um längerfristig planen zu können: Eine gute Idee oder ein Zusatzaufwand mitten in den Sommerferien?

Tschigg: Die Idee ist eine gute. Denn auch wir hören immer wieder: „5 vor 12 weiß ich erst, wo ich hinkomme.“ Wenn ich am 23. oder 25. August meine Stelle wähle, wie organisiere ich mich? Wenn jemand ledig und kinderlos ist, dann geht es, aber es gibt ja auch Mütter mit Kindern.
An einer Vorverlegung gibt es ein praktisches Problem. Die Grundschule hört Mitte Juni auf. Mittel- und Oberschullehrer sind bis Mitte Juli bei Prüfungen eingesetzt. Man müsste klären, um wie viel vorverlegt wird, dann ließe es sich mit bestimmten Abstichen bewältigen. Man ist am Anfang dieser Überlegung. Es sind eine Reihe von Gegebenheiten zu berücksichtigen.

STOL: Die Landesregierung hat heute (Dienstag) Maßnahmen genehmigt, um den Sportunterricht an den Schulen zu verbessern: Wird dem bereits Rechnung getragen?

Tschigg: Einige Möglichkeiten haben die Schulen heute schon. Wenn man das flächendeckend machen will, wird das für das kommende Schuljahr noch zu früh sein.

STOL: Trotz aller Hürden kann das Schuljahr am Dienstag problemlos beginnen?

Tschigg: Wir haben seit November, Dezember darauf hingearbeitet. Alle Tätigkeiten sind auf September ausgerichtet. Wir fangen nicht erst Mitte Juli an zu arbeiten (lacht). Also ja, die Schule möge beginnen.

Interview: Petra Kerschbaumer

stol