Für November 1963 stand ein Kurzbesuch in Texas auf dem Reiseplan von US-Präsident John F. Kennedy. Der große Staat im Süden war der erste Schritt auf dem Weg zur Wiederwahl im nächsten Jahr. Denn 1960 hatte Kennedy Texas nur mit einer knappen Mehrheit von 46.000 Stimmen gewonnen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="966442_image" /></div> <BR /><BR />Er hoffte auf Geldgeber für den Wahlkampf und auf eine Versöhnung der zerstrittenen Demokraten und auf einen weiteren Sieg 1964. Das Programm war typisch für eine 24-Stunden-Reise des Präsidenten: dreieinhalb Stunden Flug von der Andrews Luftwaffenbasis nach San Antonio, dort Einweihung eines Krankenhauses, dann 45 Minuten Flug nach Houston, dort Treffen mit Kongressabgeordneten, weiter nach Fort Worth und in 15 Minuten in Dallas. Erstmals nach langer Zeit würde seine Frau Jacqueline ihn auf einer Wahlkampfreise begleiten; das war genug Gesprächsthema für die Presse.<BR /><BR />Texas war politisch ein schwieriger Staat für Kennedy. Besonders wegen seines Eintretens für die Bürgerrechte der Afroamerikaner war er dort nicht beliebt. Die Rede war denn auch von möglichen Demonstrationen gegen ihn. <h3> Warnung vor Dallas</h3>Am 24. Oktober war <b>Adlai Stevenson,</b> der demokratische Vertreter der USA bei den Vereinten Nationen, bei einem Besuch in Dallas von einem rechtsradikalen Mob angegriffen worden.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="966445_image" /></div> <BR />Am 4. November schickte <b>Byron Skelton</b>, der Vorsitzende der Demokratischen Partei von Texas, <b>Robert (Bobby) Kennedy,</b> Bruder des Präsidenten und Justizminister, einen Zeitungsausschnitt, in dem der pensionierte <b>General Edwin Walker,</b> ein Parteigänger der rechtsradikalen John Birch Society, mit dem Satz zitiert wurde: „Kennedy ist eine Belastung für die freie Welt.“ Skelton: „Wer so redet, ist zu allem fähig. Ich würde mich wohler fühlen, wenn der Präsident Dallas von seinem Reiseplan streichen würde.“<BR /><BR />Bobby gab den Brief dem Berater des Präsidenten, <b>Kenneth O’Donnell,</b> der ihn nicht weiterreichte, denn, so O’Donnell „dem Präsidenten diesen Brief zu zeigen, ist Zeitverschwendung. Er würde mich für verrückt erklären und mich feuern, wenn ich vorschlagen würde, eine so wichtige Stadt wie Dallas nur wegen dieses Briefes vom Reiseplan zu streichen.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="966448_image" /></div> <BR />Dallas war damals die Großstadt mit der höchsten Zahl an Morden und Verbrechen wie Totschlag in allen US-Staaten. Der liberale Senator des Nachbarstaates Arkansas, <b>William Fulbright,</b> warnte Kennedy: „Dallas ist ein gefährlicher Ort. Ich würde nicht dorthin fahren. Fahren Sie nicht!“ Aus der Stadt kamen beunruhigende Nachrichten. In der Morgenausgabe der „Dallas Morning News“ am 22. November hatte die John Birch Society eine schwarz umrandete Anzeige platziert, in der Kennedy angegriffen wurde: Er sei zu schwach gegenüber dem Kommunismus; sein Bruder verfolge loyale Staatsbürger, nur weil sie die Regierung kritisierten. Beide seien wohl pro-Kommunisten. Auf Flugblättern hatte es zuvor geheißen: „Kennedy – Wanted for Treason.“ Als Kennedy die Zeitung las, meinte er zu Jackie: „Heute reisen wir ins Land der Verrückten [nut country].“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="966451_image" /></div> <h3> Tod in der Elm Street</h3>Um 11.50 Uhr an diesem 22. November, Freitag, setzte sich die Fahrzeugkolonne mit dem Präsidenten am Flughafen „Love Field“ in Dallas in Bewegung. Im offenen „Lincoln“ – es war derselbe Wagen, in dem der Präsident einige Wochen zuvor eine einzigartige Triumpffahrt in Berlin erlebt hatte – saßen Kennedy und Jackie, davor der Gouverneur von Texas, <Fett>John Connally</Fett>, mit seiner Frau. Zwei FBI-Agenten hatten auf den Vordersitzen Platz genommen, einer hatte das Steuer übernommen. Ziel war der „Dallas Trade Mart“, wo Kennedy Vertreter der Stadt treffen wollte. Auf der Fahrt dahin säumten zwar nicht so viele Menschen wie im Juni in Berlin die Straßen – da waren es eine Million gewesen –, aber es waren immerhin etwa 200.000, die den winkenden Kennedys zujubelten. Als Kennedys Wagen langsam in die Elm Street einbog, meinte Connallys Frau Nellie: „Mr. President, Sie können nicht sagen, dass Dallas sie nicht liebt.“ („Mr. President, you cannot say Dallas doesn’t love you.“). Kennedy: „Nein, das kann man ganz sicher nicht sagen.“ Das waren seine letzten Worte. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="966454_image" /></div> <BR /><BR />Um 12.30 Uhr wurde er von 2 Schüssen getroffen – oder vielleicht 3. Sie beendeten ein „unvollendetes Leben“, wie der amerikanische Historiker und Kennedy-Biograf <b>Robert Dallek</b> sein Buch über Kennedy genannt hat. Eine Kugel traf den Präsidenten am Kopf und riss seine Schädeldecke auf. Seine Frau Jackie sprang von ihrem Sitz auf und kletterte auf das Heck des Wagens – eine Szene, die um die Welt ging. Mit Höchstgeschwindigkeit raste die Präsidenten-Limousine dann in Richtung Parkland Memorial Hospital. Es war zu spät. Nachdem ein katholischer Priester Kennedy die letzte Ölung gegeben hatte, erklärten die Ärzte den 35. Präsidenten der USA um 13 Uhr für tot. <BR /><BR />Amerika fiel in Schockstarre. Unvergesslich die Szene, als der damals wohl bekannteste CBS-Nachrichtensprecher <Fett>Walter Cronkite</Fett> bei der Bekanntgabe der Todesnachricht mit den Tränen kämpfte. Unvergessen sind auch die Bilder der Vereidigungszeremonie von <Fett>Vizepräsident Lyndon B. Johnson</Fett> im Flugzeug, neben ihm Jacqueline Kennedy mit blutbespritztem Kostüm. Und dann später die Beerdigung, als der sechsjährige Präsidentensohn <Fett>John</Fett> salutierte. Das war insgesamt ein Medienspektakel erster Ordnung, das genauso ablief wie jenes von Präsident <Fett>Lincoln,</Fett> der <TextHBlau>1865</TextHBlau> ermordet worden war. Jacqueline hatte es so gewünscht.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="966457_image" /></div> <h3> Wer hat geschossen?</h3>Natürlich hatte es Sicherheitsvorkehrungen gegeben, die aber unzureichend gewesen waren. Der Secret Service und das FBI hatten sich mehr um die ultrarechte, weniger um die linke Szene gesorgt. <BR />Den 1939 in New Orleans geborenen Gelegenheitsarbeiter <b>Lee Harvey Oswald</b> hatten sie nicht auf dem „Schirm“ gehabt, einen Mann, der 3 Jahre in Russland gelebt hatte, ein Anhänger von <b>Fidel Castros</b> Kuba war und trotz des vom State Department verhängten Reisebanns versucht hatte, die Insel zu besuchen. Es war auch nicht aufgefallen, dass er, kurz nachdem Kennedys Reise angekündigt worden war, ein italienisches Gewehr gekauft hatte und dass er in dem Haus arbeitete, in dem die texanischen Schulbücher gelagert wurden – mit Blick auf die Wagenkolonne des Präsidenten. Die Fahrtroute war ebenfalls bekanntgegeben worden.<BR /><BR />Um 13.50 Uhr wurde Oswald verhaftet. Für die Polizei von Dallas stand er von Anfang an als Täter fest, der die Tat allerdings bestritt und sich als Sündenbock bezeichnete.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="966460_image" /></div> <h3> Oswald wird getötet</h3>Zwei Tage später sollte Oswald aus dem Polizeigefängnis im Rathaus in das ausbruchsichere Distriktgefängnis überführt werden. Für den Transport stand ein gepanzerter Lastwagen in der Kellergarage bereit, die scharf bewacht wurde und von Journalisten, u. a. mit Fernsehkameras, erst nach intensiver Kontrolle betreten werden durfte. Ihnen konnte sich der Nachtklubbesitzer Jack <b>Leon Rubinstein, g</b>enannt Jack Ruby, anschließen, da er bei der Polizei von Dallas, wie es hieß, „gut bekannt ist, sozusagen zum Inventar gehört“. Als um 11.20 UhrOswald, mit Handschellen gefesselt und flankiert von 2 Kriminalbeamten, den Raum betrat, drängte sich Ruby vor, rief „Du Hurensohn“ und feuerte aus 25 cm Entfernung mit einer Pistole Oswald in den Bauch, der eineinhalb Stunden später starb. Als Motiv für seine Tat gab Ruby an, er habe Jacqueline Kennedy ersparen wollen, an einem Prozess gegen den Mörder ihres Mannes in Dallas teilnehmen zu müssen. Ruby wurde später zum Tode verurteilt, das Urteil aber im November 1966 von der Berufungsinstanz aufgehoben, da der Prozess wegen der aufgeheizten Stimmung nicht in Dallas hätte stattfinden dürfen. Ein neuer Prozess kam wegen Rubys krankheitsbedingtem Tod im Januar 1967 nicht mehr zustande.<h3> Einzeltäter Oswald?</h3>Präsident Kennedy hatte für Hoffnung auf Fortschritt, Freiheit und Frieden und in den USA für Gleichberechtigung der Schwarzen gestanden. Die Jugend der USA und auch der übrigen Welt hatten das Charisma dieses Präsidenten gespürt. Er hatte die Kubakrise und die Berlin Krise gemeistert, sich um eine Beendigung des Kalten Krieges zwischen Ost und West bemüht. Der größte Erfolg seiner Entspannungspolitik war der Abschluss des Moskauer Atomteststoppabkommens vom August des Jahres. Konnte es sein, dass ein solcher Heroe von einem ehemaligen Gelegenheitsarbeiter getötet worden war? Das war zu banal und der Beginn zahlreicher Verschwörungstheorien. Lyndon B. Johnson, der 2 Stunden nach dem Attentat auf Kennedy zum neuen Präsidenten vereidigt worden war, sah den Mord zunächst als Racheakt für die Ermordung von Südvietnams Regierungschef Diem 3 Wochen zuvor, später sah er dann Castro hinter dem Anschlag. <BR /><BR />Um öffentlich verbreitete Gerüchte einzudämmen, ordnete er allerdings schon eine Woche nach dem Mord eine Untersuchung an. Der nach ihrem Leiter <b>Earl Warren,</b> dem Obersten Richter des Supreme Court, benannten Warren-Kommission gehörten Republikaner und demokratische Politiker, der frühere CIA Direktor <b>Allen W. Dulles</b> (den Kennedy nach der gescheiterten Kuba-Invasion im April 1961 entlassen hatte) sowie <b>John McCloy,</b> von 1949 bis 1952 Hochkommissar in Deutschland, an. Nach umfangreichen Ermittlungen, Befragungen, ballistischen Tests etc. kam die Kommission im September 1964 zu dem Schluss: Oswald war der alleinige Täter. Also keine Verschwörung: keine Mafia, keine CIA, kein Fidel Castro? „Eine Mehrheit der Amerikaner“, so der Historiker <b>Robert Dallek</b>, „hat diese Schlussfolgerung nie akzeptiert.“ Es kam hinzu, dass Johnson die Kommissionsakten für 75 Jahre sperren ließ. <BR /><BR />1978 folgte eine weitere Kommission, die zwar viele der Kernaussagen des Warren-Reports bestätigte, aber auch Versäumnisse aufzeigte: Zum einen war die Möglichkeit einer Verschwörung nicht untersucht worden, zum anderen war jetzt die Rede von einer zweiten Person. Angefeuert wurde diese Version 1991von dem von <b>Oliver Stone</b> produzierten Film „J F K–Tatort Dallas“.<BR /><BR />Ein Großteil der Kommissionsakten hat US-Präsident <b>Donald Trump</b>2017 freigegeben. Neue Enthüllungen gab es nicht. <BR /><BR />Der Mythos Kennedy aber lebt fort, wie die zahllosen Besucher seiner Grabstätte mit der ewigen Flamme auf dem Heldenfriedhof Arlington in Washington mehr als deutlich machen, ein Mythos, der von der Kennedy-Familie sorgsam gepflegt wird.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="966463_image" /></div> <BR /><BR /><b>Buchtipp:</b><BR />Robert Dallek, John F. Kennedy: Ein unvollendetes Leben, München 2013, 768 Seiten<BR /><BR /><BR />