Mittwoch, 15. April 2020

Virtuelle Rundgänge: „Wie ein echter Spaziergang“

Das 3D-Projekt von Thomas und Norbert Gasser ermöglicht es, jeden Winkel eines Raumes zu erkunden.

In St. Pauls/Eppan steht eine der wichtigsten Sakralbauten Südtirols: Die Pfarrkirche Pauli Bekehrung wird auch oft liebevoll „Dom auf dem Lande“ genannt. Nun ist ein virtueller Rundgang samt vieler wichtiger Informationen möglich.
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In St. Pauls/Eppan steht eine der wichtigsten Sakralbauten Südtirols: Die Pfarrkirche Pauli Bekehrung wird auch oft liebevoll „Dom auf dem Lande“ genannt. Nun ist ein virtueller Rundgang samt vieler wichtiger Informationen möglich. - Foto: © visim
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen zu Hause , starten Ihren Computer und auf einmal stehen sie mitten im Bauernmuseum von Sarnthein oder in der Kirche von St. Pauls. Die besondere Technik, die Thomas und Norbert Gasser von der Firma visim anwenden, machen diesen virtuellen Rundgang möglich.

STOL: Auf Ihren 3D-Rundgängen ist es möglich, eine Kirche so zu besichtigen, als wäre man mittendrin. „So real als wären Sie vor Ort“, schreiben Sie auf Ihrer Webseite. Welche Technologie steckt dahinter, dass der Spaziergang durch die Kirche in St. Pauls etwa so gestochen echt erscheint?

Thomas Gasser: Im Gegensatz zu bisherigen 360° Foto-Touren, kann man bei unserem 3D-Scan/3D-Rundgang jeden Winkel eines Raumes Schritt für Schritt erkunden. Dies ermöglicht unser 3D-Scanner, welcher über 6 HDR-Kameras und 3 Infrarot-3D-Sensoren, die gerade, sowie nach oben und nach unten ausgerichtet sind, verfügt. Bei einem 3D-Scan dreht sich die Kamera so, dass ein Panoramabild mit einem Rundumblick entsteht. Für die Erstellung einer 3D-Tour wird ein Raum von mehreren Kamera-Standpunkten aufgenommen, die dabei entstandenen Aufnahmen werden anschließend zu einem realitätsgetreuen Virtuellen 3D-Rundgang zusammengefügt, den der Nutzer aus der Ego-Perspektive selbstständig erkunden kann.

STOL: Vom Privathaus bis zum Laden, vom Hotel bis zum Bauernmuseum in Sarnthein ermöglichen Sie virtuelle Spaziergänge. Jedes Mal eine neue Herausforderung. Was müssen Sie bei der Produktion beachten?

T. Gasser: Es müssen viele Faktoren zusammenspielen. Angefangen vom: Wetter für die Lichtverhältnisse bei Außenaufnahmen, das Objekt muss so vorbereitet werden, dass es vorzeigbar ist, z.B. bei Immobilen, dass sie aufgeräumt sind, Deko etc. Es dürfen keine Personen anwesend sein, die nicht im virtuellen Durchgang gezeigt werden sollen, z.B. Besucher. Aus diesem Grund arbeiten wir meist außerhalb der Öffnungszeiten, auch an Wochenenden.

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STOL: Interaktion ist für den virtuellen Besucher ebenfalls möglich. In der Kirche in St. Pauls kann er Punkte anpeilen und wird über Details im Kirchenschiff informiert. Das bedeutet, dass Sie mit Kunsthistorikern eng zusammenarbeiten, oder?

T. Gasser: Ja, das stimmt einher geht immer ein Erstgespräch mit den zuständigen Personen sprich Museumsleitern, Kuratoren usw. Von diesen erhalten wir dann auch die Informationen für die einzubauenden Infopunkte, die aus Text, Fotos, Videos oder Link bestehen können.

STOL: Virtuelle Rundgänge durch Ausstellungen bieten derzeit fast alle Museen an. In Rom wurde im März in den Scuderie del Quirinale die große Raffaelo-Ausstellung zu seinem 500. Todestag eröffnet, die nun leider niemand besuchen kann. Seit Kurzem bieten die Veranstalter nun einen virtuellen Rundgang an. Wird das die Zukunft vieler Kulturinstitutionen auch nach Covid 19 sein?

Norbert Gasser: Viele Museen Weltweit investieren aktuell in digitale Rundgänge. Sicherlich werden diese auch nach Corona eine wichtige Rolle spielen. Wir können uns sehr gut vorstellen, dass in Zukunft Besucher Lust auf ein Museum bekommen, weil sie vorher digital durchgegangen sind. Er will sich schon vor dem reellen Besuch informieren, was ihn dort erwartet. Wir gehen sogar einen Schritt weiter. Mit unseren 3D-Rundgängen schaffen wir Vernetzungen in verschiedene Richtungen. Um ein Beispiel zu nennen: Bei unserem 3D-Rundgang von der Archäologieausstellung Eppan kann der Besucher direkt zur Fundstelle hin navigieren.


STOL: Gibt es jetzt in Südtirol vermehrt Anfragen nach 3D-Rundgängen?

N. Gasser: Ja, die gibt es. Aktuell sind wir im Gespräch mit einigen kleinen und großen Museen. Unser Vorteil ist, dass wir imstande sind, 3D-Rundgänge auch in relativ kurzer Zeit zu erstellen, und somit auch auf kurzfristige Anfragen reagieren können.

STOL: Südtirol hat sich in den vergangenen Jahren als Filmlocation einen Namen gemacht. Sie setzen auch die Einzigartigkeit einer Location in Szene. Mit welchen Filmproduktionsfirmen haben Sie schon für welche Filme zusammengearbeitet, bzw. wie sehr wird dieser Dienst, der es für Filmemacher von zu Hause aus ermöglicht, Orte virtuell zu besuchen, genutzt?

N. Gasser: Wir sehen das Potential sehr hoch für den Bereich Filmproduktion. Sei es für Produktionsfirmen, aber auch als virtuelles Portfolio für verschiedene Event- und Filmlocations. Die Vorteile sind, dass diese Locations für interessierte Unternehmen im Film- und Eventbereich sofort, überall auf der Welt angeschaut werden können. Zudem gibt es auch Zusatzfunktionen wie das digitale Messband, welche den besagten Unternehmen die Planung bzw. die Entscheidungsfindung erleichtern.





eva