<i>Von Marian Wilhelm</i><BR /><BR />Regisseurin Phyllis Nagy beginnt ihr geradliniges Drama recht raffiniert mit der Konfrontation ihrer braven Heldin mit einer „Yippie“-Demonstration, bevor es zurück in die beschauliche Vorstadt geht. Joy – eindrücklich und Oscar-reif gespielt von Elizabeth Banks – ist Hausfrau und Mutter und glücklich mit einem Anwalt verheiratet. Ab und zu „darf“ sie seine juristischen Texte korrigieren und verbessern.<BR /><BR />Aus diesem nicht wirklich übertrieben dargestellten konservativen Leben gerät Joy in die Welt der Aktivistin Virginia (eine wunderbar hemdsärmelige Sigourney Weaver). Ihre Untergrund-Organisation bietet den „Service“ an, der für Frauen wie Joy die einzige Rettung ist. Mittels affichierter Telefonnummer („Call Jane“) können ungewollt schwangere Frauen eine halbwegs sichere Abtreibung bekommen. Nach ihrer eigenen Erfahrung beginnt Joy auch anderen Frauen zu helfen, zunächst zurückhaltend, dann immer engagierter. <BR /><BR />Auch in der Geschichte von Joy und Virginia markiert erst das Jahr 1973 das rechtliche Ende der Hinterzimmer-Abtreibungen. In den USA ist, ebenso wie in Österreich, 1973 der Beginn der Selbstbestimmung von Frauen über ihren Körper; in Italien 1978. Aber dieses erkämpfte Recht ist nicht selbstverständlich, und hat immer noch mächtige konservativ-kirchliche Gegner, die es in Frage stellen. In den USA hat es die durch Trump radikalisierte religiöse Rechte im Sommer geschafft, das Höchstgerichtsurteil zu kippen, das Abtreibung zu einem Recht erklärte. Rund die Hälfte aller Amerikanerinnen lebt nun wieder in der 60er-Jahre-Welt von Joy. Der Film nimmt diesen Rückschritt als historische Erzählung vorweg, feierte er doch bereits im Januar beim Sundance-Festival Premiere. Er bekommt dadurch eine ähnlich Relevanz für die Gegenwart wie die französische Nobelpreis-Verfilmung „L’Évènement – Das Ereignis“, jedoch ohne dessen schockierend brutalen Realismus. „Call Jane“ ist solides und in den entscheidenden Momenten sensibles Erzählkino über ein leider unerwartet aktuelles Thema. <BR /><BR /><b>Termin:</b> „Call Jane“ von Phyllis Nagy – Ab sofort im Filmclub Bozen<BR />