Sonntag, 17. Juni 2018

Kunstschau Manifesta 12: Kultur statt Mafia in Palermo

Seit Sonntag ist die Kunstschau Manifesta in Palermo für Besucher geöffnet. Bei der Eröffnung am Samstagabend verwiesen Lokalpolitiker in emotionalen Reden auch auf das Vermächtnis zweier ermordeter „Mafiajäger”.

Europas nomadische Kunstbiennale Manifesta startete am Samstag. - Foto: APA
Europas nomadische Kunstbiennale Manifesta startete am Samstag. - Foto: APA

Die nomadische Kunstbiennale soll als Katalysator für gesellschaftliche Veränderungen dienen - dazu zählt auch die Überwindung der Mafiavergangenheit. Das Thema ist jedoch weiter heikel.

Palermos Langzeitbürgermeister Leoluca Orlando, der seine Rede im Kalsa-Viertel mit einem Verweis auf 1992 ermordeten Staatsanwalt Giovanni Falcone und den im selben Jahr ebenso getöteten Richter Paolo Borsellino abschloss, hatte in den letzten Tagen gebetsmühlenartig einen „gewaltigen kulturellen Wandel” in seiner Stadt betont. „Wir waren die Hauptstadt der Mafia, jetzt sind wir die Hauptstadt der Kultur, das betrifft nicht nur Kunst, sondern etwa auch eine Kultur der Menschenrechte”, hatte das für seine immigrationsfreundliche Haltung bekannte Stadtoberhaupt wiederholt erklärt. Abgesehen von der Manifesta fungiert die sizilianische Metropole 2018 auch als „Italienische Kulturhauptstadt” und wartet diesbezüglich mit einem reichhaltigen Programm auf.

Dass das Kapitel Mafia jedoch zumindest nachwirkt machten am Samstagabend nicht nur erhöhte Sicherheitsmaßnahmen bei der offiziellen Eröffnung der Manifesta deutlich: Orlando selbst wird rund um die Uhr von Personenschützern begleitet, für Touristen vermittelt die Stadt freilich mittlerweile einen sicheren Eindruck. Auffällig ist aber auch, dass manche Gedenkorte für Mafia-Opfer vor nicht allzu langer Zeit entstanden sind: So waren die sterblichen Überreste von Staatsanwalt Falcone etwa erst 2015 in die als lokales Pantheon fungierende Kirche San Domenico umgebettet worden.

Beschäftigung mit Gedenkkultur

Aber auch die Künstler der diesjährigen Manifesta, die sich in vielen Arbeiten mit Sizilien beschäftigen, gehen mit der Thematik sehr vorsichtig um. Kunstwerke, die involvierte Personen oder Familien verstören könnten, fehlen, im Vordergrund steht die Beschäftigung mit Gedenkkultur: Der italienische Künstler Yuri Ancarani dokumentiert in seinem Video „Lapidi” (”Gedenktafeln”) Prozessionen zu jenen Orten, die mit im Kampf gegen die Mafia gefallen „Märtyrern” in Verbindung stehen. Ausgehend von einem Feigenbaum vor Falcones ehemaliger Wohnung, der zu einem zentralen Erinnerungsort an den Staatsanwalt avancierte, lässt der Schweizer Uriel Orlow in seiner multimedialen Installation „Wishing Trees” Veteranen im Kampf gegen das organisierte Verbrechen zu Wort kommen.

Der Name des 2017 in Haft verstorbenen Salvatore Riina, der die Morde an Giovanni Falcone und Paolo Borsellino seinerzeit in Auftrag gegeben hatte, fällt im Hauptprojekt der Manifesta indes nur ein einziges Mal. Wie ein Botaniker analysiert der kolumbianische Künstler Alberto Baraya in „Eine sizilianische Expedition” künstliche Pflanzen, die er bei Reisen in Sizilien fand. Am Grab von Riina in Corleone fand er eine Pfingstrose aus Plastik, die er nunmehr in einem „wissenschaftlichen” Schaukasten im Gewächshaus des Botanischen Gartens ausstellt.

Mit den realen Folgen der Mafiavergangenheit beschäftigt sich indes das Projekt „Becoming Garden” des Kollektivs Coloco und Gartenarchitekten Gilles Clément aus Frankreich. Im in den späten 1960er-Jahren errichteten, jedoch Mafia-bedingt unvollendeten und nunmehr verfallenden Stadtteil Zona Espansione Nord (ZEN), der als sozialer Brennpunkt gilt und in dem das organisierte Verbrechen ehemals großen Einfluss hatte, versuchen die Künstler gemeinsam mit Bewohnern eine Leerfläche in einen Garten zu verwandeln.

”15.000 Menschen leben in diesem Viertel, ohne dass das je auf eine gesetzliche Basis gestellt worden wäre, es gibt keine Eigentumsrechte, keine Mieten”, erzählte am Samstag Miguel Georgieff von Coloco im Gespräch mit der APA. Es gebe hier zudem eine Verwechslung von öffentlichem Raum mit Niemandsland, deshalb sei die nun zu bearbeitende Fläche von den Anrainern auch jahrelang als Müllhalde verwendet worden, erklärte der Künstler. Nach der Entfernung von Tonnen von Abfall wurde am Samstag mit der Kultivierung der brachliegenden Fläche begonnen. „Unser Ziel ist es ist, mit dieser lokalen Realität fertig zu werden, die hier eine sehr besondere ist”, sagte Georgieff. Vor einigen Jahren hatte der italienische Architekt Massimiliano Fuksas angesichts der sozialen Misere gar einen Abriss des gesamten Viertels vorgeschlagen.

Bis 4. November ist die Manifesta geöffnet. Ihr Thema „The Planetary Garden. Cultivating Coexistence” soll nachhaltig weiterwirken. Das wird schon am Eröffnungswochenende deutlich.

apa

stol