Donnerstag, 05. Oktober 2017

Literaturnobelpreis geht an Kazuo Ishiguro

Der britisch-japanische Schriftsteller Kazuo Ishiguro bekommt den Literaturnobelpreis. Das teilte die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm mit.

Kazuo Ishiguro wird den diesjährigen Literaturnobelpreis erhalten.
Kazuo Ishiguro wird den diesjährigen Literaturnobelpreis erhalten. - Foto: © APA/AFP

Die Jury aus Schriftstellern, Historikern, Literatur- und Sprachwissenschaftlern wählt den Preisträger aus fünf Kandidaten auf einer Shortlist aus. Im vergangenen Jahr hatte sie völlig überraschend Rockmusiker Bob Dylan für seine poetischen Neuschöpfungen in der amerikanischen Songtradition ausgezeichnet. Dylan ließ lange offen, ob er den Preis überhaupt annehmen werde.

Der Nobelpreis ist mit umgerechnet rund 940.000 Euro (neun Millionen Schwedischen Kronen) dotiert. Letzte deutschsprachige Preisträgerin war die Schriftstellerin Herta Müller 2009.

Kein Vielschreiber

Kazuo Ishiguro ist kein Vielschreiber. Der neue, 62-jährige Nobelpreisträger für Literatur hat im Laufe seiner bisherigen Schriftstellerkarriere nur acht Romane veröffentlicht – wobei der bis dato letzte, „Der begrabene Riese“ (2015), ganze zehn Jahre auf sich warten ließ. Und doch hat der auf Englisch schreibende Autor weltweit Millionen Fans, was nicht zuletzt auch dem Kino zu verdanken ist.

Mit jenen Werken, die er veröffentlichte, konnte der in Japan geborene Ishiguro sich jedenfalls eine Leserschaft rund um den Globus erschreiben. Bereits sein Romandebüt „Damals in Nagasaki“ (1982, auf Deutsch 1984) machte ihn schlagartig zu einem Namen im internationalen Literaturmarkt. Es spielt in Ishiguros Heimatstadt Nagasaki, wo der Literaturnobelpreisträger am 8. November 1954 geboren wurde.

Allerdings verließ Ishiguro Japan mit seinen Eltern bereits als kleiner Bub, da der Vater als Ozeanograf eine Stelle in Großbritannien bekam. So wuchs der spätere Literat südlich von London auf und kehrte erst als Mittdreißiger 1989 für einen Besuch nach Japan zurück. Die Karriere als Autor stand Ishiguro dabei anfänglich gar nicht im Sinn. Vielmehr wollte er nach Abschluss der Schule in Londoner Pubs reüssieren, wo er als Gitarrist, Sänger und Pianist auftrat. Ishiguro arbeitete ein Jahr lang im Tross der „Queen Mum“, der Mutter von Königin Elizabeth II., reiste durch die USA und Kanada und fand schließlich einen Job als Sozialarbeiter in Schottland.

„Was vom Tage übrig blieb“

Erst seit 1983 widmet sich der Schriftsteller voll und ganz dem Schreiben. Und das äußerst erfolgreich: Für „Was vom Tage übrig blieb“, sein wohl berühmtestes Buch über einen alternden Butler, bekam der Schriftsteller 1989 den Booker-Preis. Der breiten Öffentlichkeit wurde der Roman spätestens mit James Ivorys gleichnamiger Verfilmung aus 1993 ein Begriff, für die Emma Thompson und Anthony Hopkins vor der Kamera standen.

Auch die Horrorvision „Alles, was wir geben mussten“ (2005) über als Organspender herangezogene Klone wurde 2011 unter anderem mit Keira Knightley und Sally Hawkins verfilmt. Und schließlich arbeitete Ishiguro selbst zeitweilig für das Kino und schrieb etwa das Drehbuch für Ivorys Drama „The White Countess“ mit Ralph Fiennes.

Wie vielgestaltig sein Oeuvre sein kann, stellte Ishiguro auch mit seinem jüngsten Roman „Der begrabene Riese“ unter Beweis, der an der Nahtstelle zwischen Fantasy und Realismus angesiedelt ist und im England des 6. Jahrhunderts, dem Land der Ritter und Drachentöter, spielt. „Das Grandiose ist, wie Ishiguros Roman alle Gattungsgrenzen sprengt und das, was gerade noch sicher schien, nach und nach fraglich macht“, zollte bei Erscheinen Daniel Kehlmann in der „F.A.Z.“ dem Kollegen Respekt.

Insgesamt wurden die Werke des frisch gebackenen Literaturnobelpreisträgers in mehr als 40 Sprachen übersetzt und verkauften sich millionenfach. Für ihn persönlich sei es dabei wichtig, den Kontakt zu seinem inneren Kind auf der Reise ins Erwachsenenleben nicht zu verlieren, räsonierte der Autor vor zwei Jahren beim Cheltenham Literature Festival: „Indem man sich davon wegbewegt, verliert man vielleicht etwas.“ In seinen 30ern sei der Gedanke des Abschieds von der Kindheit noch in Ordnung gewesen: „Jetzt mit fast 60 ist er etwas deprimierend.“ Vielleicht tröstet da der Nobelpreis über manch dunkle Stunde hinweg.

dpa

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stol