Montag, 14. November 2016

Neue Camorra-Generation: Saviano beschreibt Neapels „Baby-Bosse“

Auf Neapels Straßen machen sich neue Herrscher breit. Die alte Generation der Camorra-Bosse ist weg, „Baby Gangs“ mit sehr jungen Mafiosi haben die altgedienten „Paten“ verdrängt. Die jungen Kriminellen sind unberechenbar, aggressiv und zu allem bereit, um zu Geld und Macht zu gelangen. Mit dem Phänomen der „Teenage-Bosse“ beschäftigt sich der Schriftsteller Roberto Saviano in seinem neuen Buch.

Mit dem Phänomen der „Teenage-Bosse“ beschäftigt sich der Schriftsteller Roberto Saviano in seinem neuen Buch.
Mit dem Phänomen der „Teenage-Bosse“ beschäftigt sich der Schriftsteller Roberto Saviano in seinem neuen Buch. - Foto: © LaPresse

„La paranza dei bambini“ heißt das jüngste Werk des neapolitanischen Autors, das zehn Jahre nach seinem Bestseller „Gomorrha“ im Feltrinelli-Verlag erscheint. Darin befasst sich Saviano mit der jungen Camorra-Generation, die nach der Verhaftung und Verurteilung mehrerer prominenter Bosse die Führung der kriminellen Aktivitäten in Neapel übernommen hat. Junge, skrupellose Kriminelle im Alter von knapp 20 Jahren oder sogar noch minderjährig würden über ein riesiges Waffenarsenal verfügen. Oft würden auch Baby-Killer eingesetzt, die Kinder-Soldaten der Camorra, berichtet Saviano.

In Neapel tobt der Krieg

Der Titel des Werks bezieht sich auf die „Paranza“, ein Fischerboot, das nachts auf hoher See Fische mit starken Scheinwerfern anlockt, um sie dann zu fangen. Dasselbe tue die Camorra mit Kindern, behauptet Saviano. „Die Camorra lockt viele Kinder mit dem Versprechen, leicht zu Geld zu kommen, in eine tödliche Falle“, berichtete der 37-jährige Saviano bei der Vorstellung seines Buchs in Neapel an diesem Wochenende.

Ein beispielloser Krieg zur Kontrolle des Territoriums und der illegalen Aktivitäten wie Drogen- und Waffenhandel sowie Prostitution und Wucher tobe im Großraum von Neapel, der fast vier Millionen Einwohner zähle. „Jugendbanden töten und beherrschen einen Raum, in dem sie viel mehr als die lokalen Politiker zählen“, sagte Saviano. Selbst die im Kampf gegen die Kriminalität eingesetzten Behörden erklären sich vor dieser Gewaltwelle machtlos.

Kritik an neuem Buch

Saviano hatte 2006 in seinem Bestseller „Gomorrha“ detailliert beschrieben, wie die Clans unter anderem mit Drogenhandel, Glücksspiel und illegaler Müllentsorgung Milliarden scheffeln – und wie bei Bandenkriegen im Stadtviertel Scampia zwischen 2004 und 2005 mehr als 100 Menschen umkamen. „Gomorrha“ wurde auch verfilmt. Saviano steht seit dem Erscheinen seines Buches unter Polizeischutz und muss sich versteckt halten.

Die Veröffentlichung von Savianos neuestem Werk wurde von Kritik begleitet. Manch einer in Neapel meint, dass Saviano übertreibe und die Lage nicht so schlimm sei wie beschrieben. Ein Spruchband mit dem Slogan „Neapel braucht Liebe und nicht Schlamm“ wurde entlang einer Brücke im berüchtigten Viertel Sanita ausgerollt. Alteingesessene Neapolitaner versichern, dass man in der drittgrößten Stadt Italiens völlig ungefährdet lebe.

Saviano weist die Vorwürfe zurück. „Es stimmt nicht, dass ich allein ein Neapel im Würgegriff der Kriminalität erzählen will. Ich beschreibe den Schatten Neapels in der Hoffnung, dass Licht eintritt“, kommentierte Saviano.

Staatsanwalt Raffaele Cantone bestätigt Jugendproblem

Der Chef der italienischen Antikorruptions-Behörde, der neapolitanische Staatsanwalt Raffaele Cantone, bestätigt, dass das Phänomen der Jugendlichen an der Spitze der Clans ein Problem sei. „Es handelt sich um wenig bekannte Jugendliche, was das Zeichen für die große Erneuerungsfähigkeit der kriminellen Organisationen ist“, sagt Cantone.

apa

stol