Samstag, 16. April 2016

Freddie Mercury: „Stimme bis zum Limit ausgereizt“

Seine unverwechselbare Stimme wurde einmal als „Naturgewalt mit der Geschwindigkeit eine Hurrikans“ bezeichnet. Doch wie ist es Freddie Mercury, dem Leadsänger der legendären britischen Rockband Queen, gelungen, einen so ungewöhnlichen Stimmumfang zu erzielen?

Freddie Mercurys markante Stimme wurde analysiert.
Freddie Mercurys markante Stimme wurde analysiert. - Foto: © APA/DPA

Eine nun publizierte Studie unter Leitung des Salzburger Stimmforschers und Biophysikers Christian Herbst geht dieser Frage nach.

Herbst und sein Team haben an der Abteilung für Biophysik an der Universität Olmütz (Tschechien) zunächst Archivaufnahmen des 1991 an den Folgen von Aids verstorbenen Musikers analysiert und dabei interessante Feststellungen gemacht.

Stimme außergewöhnlich gut unter Kontrolle

Die Spekulation, der Stimmumfang von Mercury habe vier Oktaven betragen, konnte die Analyse nicht bestätigen. „Sein Stimmumfang war für einen gesunden Erwachsenen normal, nicht mehr und nicht weniger“, sagte Herbst im APA-Gespräch. „Er hat mit außergewöhnlicher Kontrolle über seine Stimme den gesamten ihm zugänglichen Tonraum abgedeckt. Er sang sowohl im Brust- wie im Falsett-Register und hat seine Stimme bis zum Limit ausgereizt.“

Im Gegensatz zum gängigen Image, sei Mercury von Natur aus wohl ein Bariton mit einer mittleren Sprachstimmlage gewesen, das hätte die Analyse seiner Sprechstimme aus Interviews ergeben. Mercury soll einmal ein Angebot abgelehnt haben, als Bariton an der Seite von Montserrat Caballe ein Opern-Duett zu singen, weil ihn seine Fans nur als Rocksänger kannten und seine Stimme sonst nicht erkannt hätten.

Mercury verwendete bewusst einen sehr rauen Stimmklang („Growl“), der auf sogenannte subharmonische Oszillations-Phänomene im Kehlkopf zurückzuführen ist. Ähnliches kenne man laut Herbst von Schwingungssystemen auf dem Weg zum Chaos.

„Wir wollten wissen, wie er das erreicht haben könnte.“ Darum engagierten die Forscher einen Rocksänger, der diese Art zu singen imitierte, und filmten seinen Kehlkopf mit einer Hochgeschwindigkeitskamera. „Die Stimmlippen schwangen dabei drei Mal so schnell, wie die dicht über den Stimmlippen liegenden Taschenfalten.“ Dieses Faltenpaar kommt beim Sprechen oder im klassischen Gesang normal nicht zum Einsatz.

„Man kennt das in extremerer Form vom Unterton-Gesang. Die Taschenfalten kommen vermutlich auch zum Einsatz, wenn Gollum im 'Herr der Ringe' spricht.“

Exzentrische Stimme fällt vor allem bei "Bohemian Rhapsody" auf

Und noch eine zentrale Feststellung machte Herbst, der am Salzburger Mozarteum Gesangspädagogik studierte und dann einen Doktor in Biophysik anhängte: Während das Vibrato bei den meisten Pop- und Rocksängern sehr regelmäßig ist, war es bei Mercury relativ schnell und unregelmäßig. „Das war schon fast vergleichbar mit der Tonhöhenmodulation beim Stimm-Tremor, also einer Stimmkrankheit.“ Herbst und sein Team haben dazu ein eigenes Verfahren zur Vibrato-Messung entwickelt. Mercurys exzentrische Stimme falle besonders auf, wenn man „Bohemian Rhapsody“ oder „We Are The Champions“ höre.

Die Voraussetzungen für die Forscher waren nicht einfach, das Datenmaterial musste sorgfältig ausgewählt werden. „Wir konnten ihn ja nicht mehr ins Labor holen. Und alles, was über ein Mischpult ging, hätte verzerrt oder verfremdet werden können. Darum haben wir zum Großteil A-cappella-Aufnahmen verwendet, also Aufnahmen, wo man nur die Gesangsspur hört“, berichtete Herbst.

apa

stol