Mittwoch, 15. Februar 2017

Ganes singen Südtiroler Sagen

Wie passen moderne Popmusik und jahrhundertealte Sagen zusammen? Bestens, wenn es nach dem Trio Ganes geht.

Die Schwestern Marlene und Elisabeth Schuen sowie Cousine Maria Moling haben für ihr fünftes Album, das sie erneut auf Ladinisch eingesungen haben, die Mythenwelt ihrer Südtiroler Heimat als Vorlage verwendet. Herausgekommen ist „An Cuncta Che“ (etwa: Man erzählt, dass...).

APA: Wie stark unterscheidet sich „An Cunta Che“ von Ihren bisherigen Veröffentlichungen?

Marlene Schuen: Bei „An Cunta Che“ war es das erste Mal, dass wir uns von vornherein ein Thema gesucht haben. Sonst hat jede ihre Songs aus dem Leben heraus geschrieben. Aber man braucht immer wieder neue Herausforderungen. Der Name Ganes kommt ja auch aus diesen Sagen, deswegen passt es ganz gut. Diese Sagenwelt zu durchleuchten hat uns sehr inspiriert. Wir wollten anders mit dem Komponieren umgehen. Diese Geschichten kennen wir seit unserer Kindheit, das hat sich ja sozusagen vor unserer Haustür abgespielt. Es sind aber nicht nur schöne Geschichten, da steckt schon mehr dahinter. Nicht umsonst wurden diese Sagen jahrhundertelang weitererzählt. Es sind die großen Themen der Menschheit, die angesprochen werden.

APA: Spielt mittlerweile auch die Erfahrung, die Sie über die Jahre gesammelt haben, eine Rolle?

Elisabeth Schuen: Vergleicht man die Arbeit am ersten Album mit dem jetzigen, dann hat sich schon viel getan. Wir waren damals einfach neu im Geschäft. Gehen wir heute ins Studio, sind eigentlich alle Grundlagen da und man muss nur entscheiden, wie man es soundtechnisch optimiert.

Marlene Schuen: Damals hatten wir nur die Gerüste. Jetzt arrangieren wir alles, wie wir es hören. Das ist seit „Caprize“ (Vorgänger-Album, Anm.) so. Da fühlt man schon: Das ist Ganes! Es ist einfach unser Baby.

APA: Die Sagen auf „An Cunta Che“ begleiten Sie seit Ihrer Kindheit. Ist die Platte daher sehr persönlich geworden?

Marlene Schuen: Man könnte meinen, diese Sagen sind fixe Geschichten. Aber man steckt trotzdem vieles von sich rein. Wir konnten ja auswählen, welche Szenen wir interessant finden, was uns anspricht. Da fließt auch viel Persönliches ein.

Elisabeth Schuen: Es gibt einzelne Erzählungen und eine lange Geschichte, das ist die Fanes-Sage. Wir haben das Buch wieder gelesen und uns mit den Geschichten auseinandergesetzt. Dann haben wir besprochen, wie es musikalisch sein soll, dass es groß klingen und viele Klangteppiche beinhalten soll. Außerdem überlegten wir, wie man das Echo der Berge umsetzen könnte. Letztlich kam ein ganz eigener, atmosphärischer Klang heraus: Es ist weitflächig, kann aber auch sehr intim sein.

APA: Wie intensiv haben Sie denn die Sagen recherchieren müssen?

Marlene Schuen: Einerseits ist da das Buch von Karl Felix Wolff, der die Sagen um 1900 erstmals aufgeschrieben hat. Andererseits gibt es mit Ulrike Kindl eine Sagenexpertin, die an der Universität von Venedig unterrichtet. Sie hat das alles ein bisschen in einen Kontext gebracht.

APA: War es schwierig, einen musikalischen Ausdruck für die Texte zu finden?

Elisabeth Schuen: Nein, eigentlich nicht. Und zwar daher, weil es sehr schnell im Kopf war. Sobald man die Geschichte hatte und eine Richtung, wie man es ausdrücken will, war die Musik sehr schnell da. Es war eine sehr schöne Aufgabe.
Marlene Schuen: Viel ist da aus dem Bauch heraus entstanden: Welche Szene oder welches Gefühl spricht mich an? Es sind wirklich sehr aktuelle Themen, die da vorkommen.

APA: Welche Relevanz haben diese Sagen heute noch aus Ihrer Sicht?

Marlene Schuen: Sie sind sicher noch relevant. Sonst wäre es auch komisch gewesen, würde es da keinen Bezug geben, wäre es nur ein historisches Thema. Aber da gibt es Grundzüge, die sich seit damals wohl nicht verändert haben. Die gibt es überall und werden dann zu Sagen, weil sie die großen Themen ansprechen. Es geht beispielsweise um Machtgier, die zu Krieg führt.

Elisabeth Schuen: Oder um Heimatlosigkeit und die Suche nach Glück. Es sind einfach aktuelle Themen, die man dadurch von einer Außenperspektive betrachten und anders durchleuchten kann. Aber dennoch beschäftigt man sich auf eine gewisse Art und Weise damit.

apa

stol