Der künstlerische Leiter Christian Thielemann dirigiert nun Wagners Meisteroper mit unvorstellbarer Schönheit im Bühnenbild von 1967 im Regie-Remake durch Vera Nemirova.Zunächst schauen wir auf die riesige Bühne des großen Festspielhauses, wo wir tatsächlich noch die überdimensionale Weltesche erblicken, die Karajans Bühnenbildner Schneider–Siemssen entworfen hat und die Jens Killian nun bildgetreu rekonstruiert hat. Herbert von Karajan probt „Die Walküre“ 1967 mit den Walküren (im Vordergrund: Gerda Scheyrer, Helmwige) - Foto: S. Lauterwasser, Karajan®-ArchivDer erste Aufzug spielt in dieser heute wohl fremden Atmosphäre auf recht biedere Art und sehr spannungsarm, weil die Regisseurin Vera Nemirova keine gestaltende Personenführung anbietet. Doch das kompensiert – das Szenische ist bei Wagner aber unbedingt mitbestimmend – sich auf unglaublich durchdringende Art durch die Musikgestaltung des genialen Dirigenten Christian Thielemann mit der Staatskappelle Dresden, die gemeinsam aus dem Orchestergraben heraus die hervorragenden Sänger auf der Bühne mit wundervollster Dichte in die Handlung hineintragen.Thielemann steht Karajan in Spannung um nichts nachUm es gleich vorweg zu nehmen: besser war „Die Walküre“ direkt in einem Opernhaus wohl noch nicht zu hören, jedenfalls habe ich es in den letzten Jahrzehnten so noch nie erlebt, denn Thielemann kann sogar mit leisesten Tönen eine überwältigende Spannung erzeugen, was Karajan nie besser machte. Nur Karajan war ja sein eigener Bühnenregisseur, was bis heute eigentlich sein Manko geblieben ist, denn erstens gab es bei ihm keine erkenntnishafte Personenführung, dann wurden gerade seine überaus statischen Inszenierungen zum Inbegriff einer diffusen Ästhetik, weil er sehr geschickt, aber auch trickreich die Bühne im Dunkel aller Welten vorzeigte, während er als Dirigent wohl der Klangregisseur die Nummer eins der Welt war. Siegmund (Peter Seiffert) und Sieglinde (Anja Harteros) - Foto: OFS/ForsterVera Nemirova erzählt die ganze Inzest- und Abschiedsstory oft ohne Rückbesinnung auf die musikalischen Erkennungsmotive. Schon ehe sich der Vorhang öffnet, läuft der gejagte Siegmund – wirklich beeindruckend Peter Seiffert – aus dem Zuschauerraum auf die Bühne, wo er bald von seiner noch nicht erkannten Zwillingschwester Sieglinde – herausragend Anja Harteros – gelabt wird.Die an sich pricklende, ja aufregende Szene ist harmlos szenisch gestaltet, aber wenn bei „kühlende Labung“ der überragende Solocellist begleitet, dann ist das ein Weltmoment von größter Berührung.Da Thielemann und seine Musiker alles im überwältigenden Schwebezustand vorgeben, wäre es eigentlich leicht, auf der Bühne Action zu zeigen, doch gerade wenn Hunding auftritt - Georg Zeppenfeld ist mit seinem lyrischen Bass eher unscheinbar – gibt es bei Siegmund und Sieglinde fast keine Regung.Komisch ist jedenfalls, dass der zierliche Hunding Zeppenfeld sich bis aufs Ruderleibchen auszieht (obwohl noch kalter Winter ist), sich von Sieglinge massieren lässt und ihr nicht nur beiläufig, unerotisch in den Schritt greift.Ohne jegliche Dramatik verläuft die Szene: „Ich kenn ein wildes Geschlecht, verhasst“ von Hunding Zeppenfeld, weil es viel zu bieder gesungen wird und nicht mit der nötigen Verachtung, die Frau Nemirova statisch, ohne Angst abspulen lässt.Nach Hundings Abgang singt der 64-jährige Seiffert das „Wälse“ phänomenal gut, bis er sich dann im Duett mit der fantastischen Sieglinde Harteros in eine finale Liebesapotheose hineinwirft, wenn bei von Dirigent und Orchester überragend eingebettet werden.Große Bühne und doch große WirkungIm 2. Aufzug spielt alles in der riesigen Bühnenbreite, wo der überragende Wotan Vitalij Kowaljow und die exzellente Brünnhilde Anja Kampe „Walkürenzauber“ vollbringen. Es beginnt mit dem Auftritt von Wotan und Brünnhilde, die gleich mit ihren ungemein schwierigen kriegerischen „Hojotoho“ Rufen verzückt.Mit Kreide ist im Hintergrund die ganze Ring-Genealogie aufgeschrieben, wobei der Riese Fasolt (in „Das Rheingold“) als 1. Toter bereits ausgestrichen ist. Nun kommt Wotans Frau und Ehehüterin Fricka – sehr gut Christa Meyer – um ihren Ehegott Wotan zu sagen, dass es keine Helden brauche und schon gar nicht, dass sich Geschwister vermählen.Wotan gibt ihr den Eid, alles rückgängig zu machen. Nun aber beginnt der wohl ergreifendste längste Monolog des traurigen Gottes Wotan, den Kowaljow nicht nur musikalisch mit ungemeiner Phrasierungs-Legato-Kunst musiziert, sondern er gestaltet auch den Text mit dem Ausdruck des hochdramatischen Verständnisses, so gut, wie es auf der Bühne wohl heute niemand kann. Gott Wotan (Vitalij Kowaljow) mit Brünnhilde (Anja Kampe) - Foto: OFS/ForsterEin Wunder, naturgemäß mit Thielemann und den Dresdnern, doch wiederum kommt von der Regie nur Beiläufiges, wie auch bei der Todesverkündigung, wo Anja Kampe als Brünnhilde und Peter Seiffert sich (statische) Momente von größter Verzückung liefern, aber auch Anja Harteros brilliert mit halluzinöser Angst.Hier ist aber unbedingt zu vermerken, dass die breite Bühne wirklich zu groß für den ganzen Akt ist, deswegen verwundert doch, wie gut letztlich fast immer jedes Wort zu verstehen ist, was wiederum das unbedingte Verdienst von Thielemann ist, der die Sänger bei jeder Musik- und Wortphrase fantastisch in den Wagner-Himmel führt!Großartiger SchlussaktDie letztgültige Steigerung erfahren wir im 2. Aufzug, wenn Wotan seiner Lieblingstochter zur Strafe ihre Gottheit wegküsst als Kosmos ewiger Liebe. An sich ist ja der Schlussakt der „Walküre“ schlechthin das Weltgefühl des Abschiedes und Schönen im Miteinander, aber was sich da musikalisch im Festspielhaus abspielt, ist ohne Vergleich.Zunächst stehen gleich alle Walküren an der Bühnenrampe und singen sehr gut, während hinter ihnen arme Männerkreaturen wohl nicht wie Helden, sondern eher wie Flüchtlinge sich angstvoll bewegen, dass sie aber am Ende beim Feuerzauber (Friedens-?) Fackeln tragen, finde ich als guten Regieeinfall.Noch einmal singt Anja Harteros mit dem Schwerstück „Nothung“ ihre bekundende Liebe als nunmehr Schwangere von Siegfried, was ihr von Brünnhilde berichtet wird, dann eilt Wotan herbei, um Brünnhilde zu bestrafen. Siegmund und Sieglinde, im Hintergrund Brünnhilde - Foto: OFS/ForsterErgreifenderes gibt es in der melodramatischen Literatur wohl kaum, doch wie das hier geschieht, ist wiederum einzigartig, umwerfend von kaum zu überbietender Rührung.Anja Kampe singt: „Der diese Liebe“ mit der Aura der sinnlich femininen Ausdruckskraft, bis sie am Schluss mit größter Dramatik in den Abschied steigert. Wotan Kowaljow singt das „Leb wohl“ herzzerreißend mit im tollsten Pianotönen und letztlich erregt er mit unüberschreitbarem Charisma einen skrupulösen Machtmenschen, der gescheitert ist, aber der auch ein Liebender ist, sodass wir hier besonders mit ihm auch eine Sternstunde erleben, die von Thielemann in die Welt hinaus getragen wird.C. F. Pichler aus Salzburg