Sonntag, 14. April 2019

Osterfestspiele Salzburg: Wagners „Meistersinger“ ein Triumph

In seiner Autobiographie „Mein Leben“, die Richard Wagner seiner Frau Cosima diktierte, berichtet er, dass er angeblich in 1861 Venedig von dem Gemälde „Maria Himmelfahrt“ von Tizian so angetan war, sodass er beschloss die „Meistersinger“ zu komponieren. Doch das ist spekulativ, denn das katholische Gemälde hat erstens mit der deutsch – protestantischen Oper wenig oder nur Optisches gemein, dann musste sich Wagner von seiner Muse Mathilde Wesendonck trennen, die ihm damals in Venedig gestand zum fünftem Mal von ihrem Mann schwanger zu sein: „Nun erst bin ich ganz resigniert“, schreibt ihr Wagner wenig später aus Paris.

Foto: Monika Rittershaus
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Foto: Monika Rittershaus

Die Neuinszenierung von Wagners: „Die Meistersinger von Nürnberg“ im großen Festspielhaus in Salzburg wird mit dem Dirigenten Christian Thielemann und dem Regisseur Jens – Daniel Herzog im Sinne des Erlebnisses  von Wagner zur Belebung „von urplötzlicher Kraft“. Die wird zudem auch mit einem grandiosen Solistenensemble, mit sublimen Chören und mit der wundervollen Staatskapelle Dresden in einem einheitlichen musikszenischen Triumph gleitet.

Jens – Daniel Herzog lässt  die Handlung als Theater im Theater unter Anleitung von Hans Sachs spielen.  

Mit viel Gespür und wirklich  mit sehr guten Einfällen, die viel und lange nachwirken, wird das Szenische zum aufregenden Theater im herrlichen Bühnenbild Matthias Neidhardt und auch mit den Kostümen von Sybille Gedäke. Die Bühne dreht sich, verändert sich, so wie es Spielleiter, oder der Theaterdirektor Hans Sachs will, wenn auch die Hinterbühnen, oder die Sänger/Garderoben zu sehen sind. Es wird probiert in Alltagskleidung hinter den Orchesterproszenien, die wohl an das Nationaltheater München erinnern, wo 1868 ja die Uraufführung stattfand. Mag sein, dass durch die vielen szenischen Wechsel das Sehen, Mitempfinden der Handlung nicht einfach ist, doch Herzog und sein Team arbeiten mit filigraner Konsequenz. Jeder Solist, Chorsänger (auch als Bühnenarbeiter) wird musikszenisch mit kluger Personenführung zum handelnden Mittgestalter.

Foto: Monika Rittershaus

Die Solisten spielen und singen außergewöhnlich gut und werden zu Recht bejubelt!

Wer Wagners „Meistersinger“ hört und sieht, der ist schon wegen der überdimensionalen Länge dieser Oper gefordert, nur wenn so gut gespielt und noch besser musiziert wird wie hier in Salzburg, dann ist es einfach ereignisdicht. Georg Zeppenfeld ist als  Hans Sachs – Debütant ein wahrer Meistersinger, wenn er die mörderische Partie, wie den Fliedermonolog, den Wahnmonolog, die Schlussansprache und in den Duetten, Ensembles wundervoll phrasiert und blendend artikuliert. Vitalij Kowaljow ist ein großartiger Pogner, Klaus Florian Vogt ist ein guter Stolzing, Sebastian Kohlhepp singt den David herausragend gut, genauso wie Christa Mayer die Magdalena und auch (mit Einschränkungen)Jacquelyn Wagner die Eva. Adrian Eröd ist der beste Beckmesser ever! Er singt, spielt und leidet, karikiert nicht, sondern zeigt einen sonderbaren kranken Menschen, der wie der wirklich souveräne Sachs Georg Zeppenfeld zum grandiosen Sänger des Abends wird.

Die Chöre sind  mit berührender Stimmführung ein Wunder  gesamtsingender Gelehrsamkeit

Ja wenn der „Sächsische Staatsopernchor“ und der „Bachchor Salzburg“ diese wohl bedeutsamsten Wagnerchöre singen, dann ist das einfach bezaubernd gut, weil nie forciert wird, sondern ganz handlungstypisch - musikszenisch agiert wird. Das Superpiano beim Choral in der Kathrinen Kirche ist traumvollendet und  die Prügelfuge ein Meisterwerk von vollendeter (gespielter) Tonkunst. Auf  der Festwiese ist der Chorklang im Piano einzigartig und auch die Fortestellen werden fein gesungen und nie zu strak vorgetragen. Dasselbe gilt für den Chor der Lehrlinge die einfühlsam ihre jungendlich Unbekümmertheit ausleben.

Foto: Monika Rittershaus

Christin Thielemann vollendet mit der „Dresdner Staatskapelle“ ein wahres Gesamtkunstwerk 

Noch ehe der erste Ton erklingt wird Thielemann gefeiert, wohl auch deshalb, weil es über seinem Verbleib bei den Osterfestspielen Diskrepanzen gibt. Wie das? Erstens sind die Gönner nicht mehr so vielzählig, weil die jungendlichen fehlen, dann  ist auch Thielemann wohl auch nicht mit kommenden Intendanten Klaus Bachler nicht einverstanden. Für die Meistersinger – Aufführung ist das allerdings nicht von Belang, denn was hier von Orchestergraben und von der Bühne zu hören ist, ist wiederum ein Wunder von vollendeter Musikkunst. Das Orchester spielt mit Grazie und Schönheit, da Thielemann, wie sonst niemand, jede Einzelstimme, die Soli, die Tuttistellen,  die Melodien, oder die Nebenmelodien einfach fantastisch mit genialer Durchsicht hervorhebt, oder mit Rücknahme zum Blühen bringt. Das hat naturgemäß Auswirkung auf die Chöre und Sänger und überhaupt auch die szenische Gestaltung. Da darf der Hinweis nicht fehlen, dass Sachs die Schlussansprache vom: „welschen Dunst und welchem Tand“ dem Stolzing vor dem geschlossenen Bühnenbild Vorhang all private Ansprache an Stolzing singt  der nicht Meister werden will. Nun der welsche Dunst und Tand war für Wagner, zunächst das Römisch – Katholische mit ihren „Pfaffen“ aber auch die italienische Oper. Das kümmert Stolzing Vogt wenig, denn der zertrümmert sein Meisterbild und verschwindet mit Eva. Dann geht der Bühnenbildvorhang wieder auf, zeigt wieder die Festwiese auch mit Beckmesser, der ja, anders als in der Partitur wie die  anderen Meister auf der Bühne geblieben ist. Ständig Ovations für eine memorablen Abend!

C.F. Pichler aus Salzburg    

     

stol