Alois Gatt, 71 Jahre alt, silbriger Schnurrbart und Lachfalten, ist ein freiwilliger Heuzieher. Mit dem Rücken gegen ein schulterhohes Bündel gestemmt, die Schuhsohlen aufgestellt, um damit zu bremsen, ist er gerade in einer wilden Achterbahnfahrt den Abhang über der Nockeralm herunter gesaust. <BR /><BR />„Die Jungen haben gegen uns keine Chance“, grinst Alois, und zeigt auf einen weniger Geübten, der mehr auf dem Hosenboden, als auf den Füßen gleitend über den Berg herab rutscht. Ende November hätte er nach Neuschnee die erste Spur hinauf zu den Stadeln gelegt, und danach etwa zwei Dutzend Heufuhren auf „Ferggln“ ins Tal befördert, erzählt Lois Gatt. <BR /><BR />Ganz umsonst schuften allerdings weder er noch die anderen Freiwilligen: Durch die Aussicht auf ein von den Bauern spendiertes Essen werden sie bei Laune gehalten. „Ein gutes Essen!“, betont Lois.<h3> Bauern oder Pendler</h3>Das Valsertal ist ein einsames Hochtal, ganz nahe an der Brennerautobahn. Sind die Autobahnpfeiler bei St. Jodok hinter einer Straßenbiegung verschwunden, hocken nur mehr vereinzelte Häuser am Straßenrand, alte Bauernhöfe mit Brennholzstapeln bis unter die Dächer. Hotels und Liftanlagen gibt es im Valsertal keine, im Winter findet man hier nicht einmal eine geöffnete Jausenstation. An Wegen, die sich im Weiß verlieren, stehen sonnengeschwärzte Holzkreuze, geschmückt mit Latschenzweigen oder vertrockneten Hagebutten.<BR /><BR /> Wer im Valsertal lebt, ist entweder Bauer oder Pendler, oder beides wie Gottfried Gstrein. Zwei Kühe und 12 Ziegen stehen im Stall des Mittvierzigers, der als technischer Assistent an der Uniklinik in Innsbruck arbeitet. Zum Hof gehören auch 3 Hektar Bergmähder über der Nockeralm.<BR /><BR /> „Mein teuerstes Hobby“ nennt Gottfried Gstrein die Landwirtschaft und erzählt, dass das Kilo Heu im Großhandel etwa 20 Cent koste – da würde sich die Arbeit auf den Bergwiesen überhaupt nicht rentieren. Trotzdem klingt Stolz in seiner Stimme, wenn Gstrein am nächsten Tag beim Aufschneiden von Speck und Würsten erzählt, dass es sich „um Marke Eigenbau handelt.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="859046_image" /></div> <BR /><BR />Es ist 8 Uhr morgens, als sich vor der Nockeralm ein kleiner Trupp in Bewegung setzt: Lois Gatt, der in St. Jodok wohnt, Gottfried Gstrein, seine Schwester Helga sowie einige Freiwillige, die von auswärts kommen. Jeder trägt einen Holzstab in der Hand, über der Schulter eine „Ferggl“, was sich recht unbequem anfühlt, denn der Schlitten ähnelt einem zu kurz geratenen Matratzengestell. <BR /><BR />Neben der Fahrspur geht es über Wiesen, Wald und bucklige Weideflächen in Richtung Hohe Kirche empor, einem beliebten Skitourengipfel. Der Himmel bleibt wolkenverhangen an diesem Morgen, vereinzelt wirbeln Schneeflocken herum. <BR /><BR />Gottfried Gstrein macht auf eine Waldschneise aufmerksam, wo Betonskelette aus dem Schnee ragen: Es handelt sich um die Fundamente einer Seilbahn, mit welcher während dem Zweiten Weltkrieg Material für ein Bergwerk unter der Alpeiner Scharte transportiert wurde. „Dort sollte Molybdän abgebaut werden, ein wichtiges Edelmetall zur Flugzeug- und Panzerproduktion“, erklärt Gstrein. Erst Anfang Mai 1945, als alliierte Truppen Innsbruck besetzten, sei der Betrieb eingestellt worden – ohne ein Gramm des kriegswichtigen Rohstoffes gewonnen zu haben.<BR /><BR /> Gottfrieds Schwester Helga lebt mit ihrer Familie in Kitzbühel, arbeitet aber seit einigen Sommern als Sennerin auf der Nockeralm, wo sie Gäste mit selbst gemachtem Ziegenkäse und anderen lokalen Spezialitäten bewirtet. Jetzt ist die Alm geschlossen, nur einige verschrumpelte Orangenschalen vor der südexponierten Stubenwand verraten, dass hier manchmal Skitourengeher beim Picknick die Sonne genießen. <h3> Von einer Kreuzotter gebissen</h3>Nach etwa zwei Stunden ist das Ziel erreicht, eine Holzhütte mit Stadel, knapp unter der Waldgrenze. Während sich Gottfried und Helga Gstrein in der gemütlich mit Eisenherd und Stockbetten eingerichteten Hütte zu schaffen machen, schleifen die anderen das im Stadel gelagerte Heu ins Freie, wo Gatt die „Ferggln“ aufschichtet. <BR /><BR />Beim Heuen im vergangenen Sommer sei er hier von einer Kreuzotter gebissen worden, erzählt Gatt, nachdem alles zum Abtransport bereit ist. „Die Hand konnte ich einen Monat lang nicht gebrauchen.“ Wie nützlich die Arbeit hier trotzdem ist, zeigt sich am Wiesenrand, wo eine Mure hässliche Wunden ins Gelände schlug: Wenn das Gras jahrelang nicht gemäht werde, bilde es eine glatte kompakte Decke, erklärt Gatt. „Wo dann das Regenwasser abfließt, bis es sich irgendwo staut und der vollgesogene Boden nachgibt.“ <BR /><BR />Unterdessen hat Helga die Hütte eingeheizt und Gottfried den Speck sowie die Würste aufgeschnitten. Zur Brotzeit wird die Schnapsflasche herumgereicht, „zum Mut machen“, sagt Helga. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="859049_image" /></div> <BR /><BR />Wie recht sie hat, verdeutlicht ein Blick auf die Fahrspur. Zur Talseite fällt das Gelände beinahe senkrecht ab, nicht alle Felsen, die hier herumliegen, sind ausreichend mit Schnee gepolstert. Weiter unten geht es in scharfen S-Kurven an Baumstämmen und vereisten Wurzeln vorbei – von einem Helm, den man beim Heuziehen besser aufsetzen sollte, hat niemand etwas gesagt. <BR /><BR />Und natürlich geschieht gleich, was auf gar keinen Fall geschehen sollte: Kaum hat das Heubündel richtig Tempo, verklemmt sich ein Fuß unter dem 150-Kilo-Trumm. Zum Glück ist nix passiert, der Schnee lässt sich aus den Kleidern klopfen, den Fotoapparat verstaute der längst über alle Berge verschwundene Lois Gatt sicherheitshalber in seinem Rucksack. Helga Gstrein hat den Trick raus: bevor es zu schnell wird, lenkt sie ihre Fuhre geschickt seitlich in den Tiefschnee.<BR /><BR /> Das sieht zwar unspektakulär aus, dafür kommt man heil ins Tal: erschöpft und nass geschwitzt, den Fahrtwind verspürt haben nur die Profis. <BR />Beim anschließenden Mittagessen in der Bauernstube von Gottfried Gstrein gibt es ausgezeichneten Ziegenbraten. Das Tier, welches im vergangenen Sommer auf den Bergwiesen über der Nockeralm ein schönes Leben hatte, wird von keinem bedauert. Bauern und Heuzieher wollen die Früchte ihrer Arbeit genießen. <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />