Montag, 30. Oktober 2017

Forschung als Motivator für Südtirols Ärzte

Sechs hochkarätige, spannende und zum Teil auch sehr persönliche Vorträge von renommierten Südtiroler Ärzten und Biologen. Dazu eine kontroverse, interessante und immer faire Diskussion zum Thema „Medizin und Forschung in Südtirol heute und morgen“: Das 5. Südstern Health and Science Forum Südtirol am Freitagnachmittag an der eurac in Bozen war neuerlich ein großer Erfolg. „Das vorrangige Ziel des Kongresses, nämlich neue Impulse zu setzen und natürlich auch Denkanstöße zu geben, wurde vom veranstaltenden Planeten Medizin im Netzwerk Südstern einmal mehr erreicht“, zog Südstern-Präsident Hermann Winkler zufrieden Bilanz.

Die Referenten bei der abschließenden Podiumsdiskussion
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Die Referenten bei der abschließenden Podiumsdiskussion

Einen dieser Denkanstöße lieferte Hermann Brugger im Rahmen der Podiumsdiskussion. Der Allgemeinmediziner, Notarzt und Forscher am Institut für Alpine Notfallmedizin an der eurac warf nämlich die These in den Raum, dass „Forschung Freude bereitet und unter den Südtiroler Ärzten für Motivation sorgen kann.“ Forschung, die jedoch Ressourcen benötigt, vor allem menschliche. So führte der im Publikum anwesende Andrea Piccin an, dass Forschung von Kollegen oftmals nicht gern gesehen werde, ja fast schon ein Stigma sei, weil auf die Kollegen mehr Arbeit zukäme. „Forschung wird einfach zu wenig anerkannt. Ziel muss sein, dass wir alle dazu animiert werden, noch mehr zu forschen. Und das nicht vorwiegend in unserer Freizeit.“ Dem erwiderte der in Innsbruck tätige Chirurg Manuel Maglione, dass dies ein Wunschdenken sei, weil auch in anderen europäischen Ländern – wie zum Beispiel in Österreich wo er selbst tätig ist – vorwiegend in der arbeitsfreien Zeit geforscht werde. „Solche Bedingungen wie in den USA gibt es bei uns leider nicht.“

Moderatorin Maria Verena Cicala stellte die Behauptung auf, dass es in Südtirol genügend Ressourcen für die Forschung gäbe, es jedoch an der Vernetzung zwischen den einzelnen Bereichen hapere. Sanitätsdirektor Thomas Lanthaler hingegen bestätigte, dass es „im Südtiroler Gesundheitswesen einige Baustellen gibt. Die Forschung ist zu diesem Zeitpunkt nicht eines unserer primären Ziele. Dass Forschung die Motivation der Ärzte steigern kann, glaube ich jedoch auch.“

Forschung kommt nicht auf den Standort an

Die Forschung war bereits in den Grußworten von Martha Stocker am frühen Freitagnachmittag Thema. Die Landesrätin für Gesundheit unterstrich deren Wichtigkeit, ergänzte aber auch, dass die Forschung nicht unbedingt an einen Standort gebunden sei, wie zum Beispiel Südtirol, sondern dass es auf eine gute Vernetzung auf internationaler Ebene ankomme. Außerdem führte Stocker in ihren Grußworten mehrere Studien an, die in Südtirol in der Vergangenheit erfolgreich durchgeführt wurden, wie zum Beispiel die Bruneck-Studie.

Als erster Redner agierte Hermann Brugger. Der Mediziner berichtete, unter welchen extremen klimatischen Bedingungen er bis dato Forschung betrieben hat. Ab dem kommenden Jahr sei jedoch mit der Fertigstellung der Klimakammer „terraXcube“ Besserung in Sicht und Forschung auf allerhöchstem Niveau möglich. „Wir können in der Klimakammer eine Höhe von bis zu 9000 Metern Meereshöhe simulieren, mit Regen, Wind, Schnee. Die Temperatur lässt sich von -40° Celsius bis +60° Grad Celsius regulieren. In der Klimakammer können wir 15 Menschen bis zu 45 Tage beobachten – für die Forschung wird das ein gewaltiger Schub“, erklärte Brugger, der seine Arbeitsbedingungen an der eurac in allerhöchsten Tönen lobte und die gute Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Bereichen, wie Medizin, Biologie oder Statistik, aber auch der Kommunikation, unterstrich.  

Für die Forschung nach Down Under und wieder zurück

Miriam Erlacher ist Fachärztin für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Freiburg. Ihr Vortrag trug das Thema „Zu viel und zu wenig Zelltod im Knochenmark – vom Knochenmarkversagen zur Leukämie.“ Erlacher berichtete von ihrem nicht immer einfachen Alltag als Kinderärztin und Forscherin. Sie erklärte den rund 50 anwesenden Kolleginnen und Kollegen, an welchen Projekten sie gerade arbeitet, präsentierte aktuelle Forschungsergebnisse und riss an, woran sie in naher Zukunft forschen werde.

Ebenfalls in der Zellforschung tätig ist Maria Tanzer. Die Biologin erhielt nach ihrem Masterstudium ein Stipendium für eine PhD-Stelle in Melbourne am renommierten Walter and Eliza Hall Institute, wo sie im Team von Professor John Silke mitarbeiten durfte. In dieser intensiven Zeit, fernab von Familie und Freunden, schaffte die 30-Jährige nicht nur ihren PhD-Abschluss, sondern erhielt auch zwei Reisestipendien und veröffentlichte sage und schreibe 13 Publikationen. Aktuell arbeitet Tanzer am Max-Planck-Institut in München im Team von Matthias Mann, einem der meistzitierten Wissenschaftler in seinem Fachgebiet. 

Ein Hoch auf die Allgemeinmedizin

Ein Plädoyer für die Allgemeinmedizin hielt indessen Adolf Engl. In seinen Ausführungen forderte Engl, dass die Patienten zu allererst von einem Allgemeinmediziner und nicht von einem Facharzt zu behandeln seien. „80 bis 90 Prozent aller Fälle können gelöst werden, ohne einen Facharzt zu konsultieren.“ Dies würde Behandlungskosten senken, so Engl, der gleichzeitig für mehr Ausgaben für die Allgemeinmedizin von Seiten des Sanitätsbetriebs einstand. 

In den Bereichen Visceral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie am Department für Operative Medizin an der Uniklinik Innsbruck ist hingegen Manuel Maglione tätig. Er berichtete von bahnbrechenden Neuerungen in der Behandlung von Lebertumoren und wie sich die Prognose in den vergangenen 40 Jahren deutlich verbessert hat. „Die Kombination mit Augumentationsstrategien und neue Therapieansätze erhöhen die Resektionsrate deutlich. Die Chemotherapie erweist sich als beste Freundin der Chirurgie“, so Maglione.

Sicher.Gut.Versorgt – der Landesgesundheitsplan 2016-2020

Sanitätsdirektor Thomas Lanthaler informierte die anwesenden Mediziner und Biologen als letzter Redner des informationsreichen Tages indessen über den Stand der Umsetzung des Landesgesundheitsplans 2016-2020. Die Vision sei es, die Gesundheitsvorsorge zu fördern, außerdem eine wohnortnahe Gesundheitsversorgung zu garantieren und ein landesweites Krankenhaus-Netz aufzubauen. „Die Menschen müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort vom richtigen Arzt behandelt werden“, so Lanthaler, der damit einen Satz von Landesrätin Martha Stocker zitierte. Der Sanitätsdirektor ging auch auf die Rolle der Ärzte ein und unterstrich, dass man die Mediziner wieder in ihre Rolle zurückholen müssen, nämlich für die Arbeit am und für den Patienten, als Präsenz im Management und als Führungsfigur im Gesundheitswesen in allen Bereichen.

Im Rahmen des Südstern Health and Science Forum Südtirol gaben die Veranstalter den Termin für 2018 bekannt. Der hochkarätige Kongress soll dann am 26. Oktober stattfinden.

 

hkMedia, Bozen

stol