„Ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind, kommen wir im ganz normalen Alltag mit einer Vielzahl von Chemikalien in Kontakt“, sagt die Expertin der Verbraucherzentrale.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Nicht immer können Chemikalien im Eigenheim vermieden werden. In welchen alltäglichen Haushaltsprodukten befinden sie sich aber?</b><BR />Silke Raffeiner: Ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind, kommen wir im ganz normalen Alltag mit einer Vielzahl von Chemikalien in Kontakt. Diese befinden sich unter anderem in Wasch- und Reinigungsmitteln. Die Wirkung dieser Chemikalien beruht dabei auf bestimmten Inhaltsstoffen wie Tensiden, Essigsäure oder Zitronensäure. Auch Entkalker, Möbelpolituren, Klebstoffe, Farben und Lacke, Schädlingsbekämpfungsmittel oder sogenannte Lufterfrischer enthalten klarerweise ebenfalls Chemikalien. Über die klassischen Haushaltsprodukte hinaus finden wir Chemikalien auch in zahlreichen weiteren Produkten, die wir regelmäßig verwenden oder von denen wir umgeben sind: Pflege- und Kosmetikprodukte, Möbel und Heimtextilien, Spielsachen, Outdoor-Textilien und viele mehr.<BR /><BR /><embed id="dtext86-50744211_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie lassen sich die gefährlichen Chemie-Stoffe in den Haushaltsmitteln erkennen?</b><BR />Raffeiner: Besonders gefährliche Chemikalien dürfen an Haushalte gar nicht abgegeben werden, sie bleiben professionellen Anwendern und Anwenderinnen vorbehalten. Doch auch von „gewöhnlichen“ Haushaltschemikalien gehen akute und chronische Gefahren für die Gesundheit aus, wenn sie unsachgemäß angewendet werden. Auf bestimmte Gefahren weisen die rautenförmigen, rot umrandeten Gefahrenpiktogramme auf den Verpackungen hin: diese zeigen an, dass ein Produkt zum Beispiel giftig (Symbol: Totenkopf) oder ätzend (Symbol: Flüssigkeit tropft auf Hand und Metall) ist.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="684143_image" /></div> <BR /><BR /><b>Inwiefern können diese Stoffe der Gesundheit schaden bzw. worauf muss man besonders Acht geben?</b><BR />Raffeiner: Vorsicht ist vor allem bei giftigen Chemikalien, bei Pestizid- und Desinfektionswirkstoffen sowie bei allergieauslösenden Duftstoffen geboten. Inhaltsstoffe von Reinigungsmitteln können Reizungen der Haut und der Augen hervorrufen und, wenn sie verschluckt werden, akute Vergiftungen auslösen. Von solchen Giftunfällen sind mehrheitlich kleine Kinder betroffen, da manche Produkte mit Getränken verwechselt werden können. Wirkstoffe in Insekten- und Unkrautbekämpfungs- oder Holzschutzmitteln sind teilweise auch für den Menschen bedenklich. Bestimmte Wirkstoffe können nämlich das Hormonsystem beeinflussen oder – wie vermutet wird – Krebs auslösen. Bei der Anwendung von Sanitärreinigern mit Natriumhypochlorit, auch Aktivchlor oder Chlorbleichlauge genannt, als Desinfektionswirkstoff kann sich Chlorgas bilden, wenn zugleich ein säurehaltiger Reiniger (zum Beispiel WC-Reiniger) verwendet wird. Das Chlorgas ist für die Lunge und die Atemwege sehr gefährlich. Kommen Haut oder Schleimhäute in Kontakt mit bestimmten Duftstoffen können diese Juckreiz und Hautausschläge, Atemprobleme und Kopfschmerzen auslösen. Vermutlich zwei bis vier von 100 Personen leiden an einer Duftstoffallergie. Derzeit sind 26 allergieauslösende Duftstoffe deklarationspflichtig, das heißt sie müssen auf der Verpackung der Produkte namentlich angegeben werden. Eine ganze Reihe von Inhaltsstoffen in Haushaltschemikalien wurde aber noch gar nicht vollständig auf ihre Wirkungen auf den Menschen hin überprüft.<BR /><BR /><b>Was bedeuten diese Chemikalien für die Umwelt?</b><BR />Raffeiner: Stoffe wie Benzin, Diesel, Terpentinöl und chlorhaltige Verbindungen werden als umweltgefährlich eingestuft: Wenn sie über das Abwasser oder durch unkontrollierte Freisetzung in die Gewässer gelangen, schädigen sie Fische und andere Wasserorganismen. Auf der Verpackung wird diese Gefahr durch ein eigenes Piktogramm (Symbole: toter Baum und toter Fisch) und die entsprechenden Gefahrenhinweise angezeigt. Umweltgefährliche Chemikalien dürfen weder im Hausmüll noch über den Abfluss entsorgt werden, sondern gehören in den Recyclinghof.<BR /> Ein großes Problem für das Ökosystem stellt das Mikroplastik dar. Sehr kleine Kügelchen oder Teilchen aus synthetischen Kunststoffen werden bestimmten Waschmitteln und Kosmetikprodukten absichtlich zugesetzt. Die winzigen Plastikpartikel können in den Kläranlagen nicht ausreichend herausgefiltert werden und gelangen über das Abwasser in die Gewässer und letztendlich in die Meere. Mikroplastik entsteht aber auch, wenn größere Plastikmüllteile nach und nach zerfallen. Fische, Schildkröten, Säugetiere, Vögel und wirbellose Tiere nehmen Mikroplastik zum Teil direkt, zum Teil über die Nahrungskette auf. Noch ist nicht klar, wie sich die Belastung mit Mikroplastik auf Mensch und Tier auswirkt. Experimente mit Muscheln zeigen aber, dass sich Mikroplastikfasern im Gewebe der Tiere anreichern und dass dies in hohen Konzentrationen auch zum Tod führen kann.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="684146_image" /></div> <BR /><BR /><b>Welche ungefährlichen und umweltfreundlichen Alternativen gibt es?</b><BR />Raffeiner: Die umweltfreundlichsten Produkte sind jene, die man gar nicht erst verwendet. Auf scharfe Reiniger auf Chlor-, Säure- oder Laugenbasis sollte man deshalb komplett verzichten. Aufschriften wie „desinfizierend“, „bakterizid“, „antibakteriell“ oder „mit Aktivchlor“ weisen auf Desinfektionswirkstoffe hin. Diese sind in privaten Haushalten meist unnötig. Auch Duftreiniger, WC-Beckensteine, Weichspüler, Raumsprays und Luftverbesserer sind überflüssig. Für die üblichen Verschmutzungen sind wenige Grundreinigungsmittel ausreichend: ein milder Allzweckreiniger oder eine Schmierseife, ein mildes Scheuermittel für hartnäckigen Schmutz und ein Essig- oder Zitronensäurereiniger gegen Kalkablagerungen. Hier können Gütesiegel für umwelt- und gesundheitsschonende Produkte eine Orientierung beim Einkauf geben. Empfehlenswert sind beispielsweise Produkte mit dem EU-Ecolabel, dem europäischen Umweltzeichen. In den Biofachgeschäften sind besonders umweltschonende Wasch- und Reinigungsmittel erhältlich, in Unverpackt-Läden sogar ohne Verpackung, zum Nachfüllen.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="684149_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Haben Sie noch weitere Tipps und Tricks, wie Chemikalien in den eigenen vier Wänden minimiert werden können?</b><BR />Raffeiner: Da gibt es einige. Wenn man konsequent die Straßenschuhe immer im Eingangsbereich auszieht, trägt man weniger Schmutz in die Wohnung hinein. Mikrofasertücher – diese werden beim Putzen nur mit Wasser angefeuchtet – und mechanische Hilfsmittel wie etwa die Klobürste können teilweise die „Chemiekeule“ ersetzen. Das Einsetzen von passenden Sieben in den Abflüssen beugt ebenfalls Verstopfungen vor. Leichte Verstopfungen kann man oftmals mit Hilfe einer Gummisaugglocke beseitigen. Umweltfreundliche Wasch- und Reinigungsmittel sind einfach selbst herzustellen, im Internet sind zahlreiche Anleitungen dazu verfügbar. Für ein Waschmittel beispielsweise werden lediglich ein Kernseifestück (Sapone di Marsiglia), Natriumhydrogencarbonat (Soda) und Wasser benötigt. Flecken auf Textilien können vor dem Waschen mit Gallseife vorbehandelt werden. <BR />Durch das Tragen von Handschuhen schützt man beim Putzen die Haut vor den Chemikalien, bei manchen Produkten wie Abfluss-, Backofen- und Grillreiniger wird auch ein Augenschutz empfohlen. Alle Wasch- und Reinigungsmittel, aber auch Farben, Lacke und dergleichen sollten immer sicher verschlossen an einem für kleine Kinder unerreichbaren Ort aufbewahrt und wegen der Verwechslungsgefahr nie in leere Behälter oder Lebensmittelverpackungen umgefüllt werden. Nicht mehr benötigte Restmengen dürfen nicht miteinander vermischt werden, um chemische Reaktionen zu vermeiden, und müssen sachgerecht entsorgt werden. Werden Farben, Lacke oder starke Reinigungsmittel verwendet, muss immer gut gelüftet werden. Überhaupt ist regelmäßiges Lüften viel besser, als schlechte Innenraumluft mit Duftstoffen zu überdecken. <BR />Im Falle einer Vergiftung kann man sich an die Notrufnummer 112 oder die Vergiftungszentrale in Mailand (Tel. 02 66101029) wenden.