Dienstag, 03. Oktober 2017

Massenware Törggelen? „Die Leute schätzen Ehrlichkeit“

Hirtenmaccheroni als Törggeleschmaus, Gasthaus statt Bauernstube und Massenansturm anstelle von gemütlichem Zusammensein: Mit dem Herbst zieht das Törggelen ins Land - mit seinen Sonnen- und Schattenseiten. STOL hat sich bei Evelin Baumgartner, der neuen Törggelekönigin 2017/2018, erkundigt, wie es um das Brauchtum steht.

Evelin Baumgartner vom Thalerhof in Gufidaun ist Törggelekönigin 2017/18. - Fotos: Klausen, Helmuth Rier
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Evelin Baumgartner vom Thalerhof in Gufidaun ist Törggelekönigin 2017/18. - Fotos: Klausen, Helmuth Rier

Südtirol Online: Was bedeutet für Sie persönlich Törggelen?

Evelin Baumgartner vom Thalerhof in Gufidaun, Törggelekönigin 2017/18: Für mich heißt Törggelen, dass man mit Freunden und Familie zusammenkommt und in einer feinen Stube gute hausgemachte Gerichte isst. Dass man lacht, die Tradition weiterleben lässt und auch den Kindern vermittelt (sagt Evelin Baumgartner auch im Hinblick auf ihre neunjährige Tochter).

STOL: Törggelen wird längst mit der fünften Jahreszeit in Südtirol in Verbindung gebracht: Wie steht es da um die Touristenabzocke?

Baumgartner: Ich glaube, es gibt sicher Bauern, die nur auf Profit aus sind. Schwarze Schafe gib es überall, nicht nur hier. Aber wenn man sich die Besten heraussucht, dann passt es. Und da heuer die Ernte etwas geringer ausgefallen ist, wird von den meisten hoffentlich mehr auf Qualität denn Quantität gesetzt.

STOL: Sie sprechen davon, die besten Adressen auszusuchen. Wie kommt man als Laie dazu?

Baumgartner: Mundwerbung ist sicher immer ein gutes Zeichen. Und im Eisacktal generell, weiß ich nicht, wo man schlecht Törggelet.

STOL: Sie sagen es: das Brauchtum kommt aus dem Eisacktal, doch heutzutage wird vom Unterland bis in den Vinschgau getörggelet. Gehört sich die örtliche Ausweitung des Brauchtums?

Baumgartner: Ich muss ehrlich sagen, solange es auf einem Bauenhof stattfindet, ist es noch traditionell. Wenn dann noch Handarbeit und Hausgemachtes dazukommt, ist das schon in Ordnung. Man kann das Törggelen nicht mehr auf das Eisacktal beschränken. Es geht überall hin, wo der Tourismus ist. Aber ich bin froh, dass die Leute auch heute noch das Traditionelle schätzen.

STOL: Die alte, verrußten Küchen der Buschenschänken sind teils neumodische Gastsälen mit hochmodernem Interieur gewichen: Ist das noch vertretbar?

Baumgartner: Wie gesagt, traditioneller ist es immer in einem Buschenschank in einer alten Bauernstube. Aber es muss jeder selbst wissen, wo er es am gemütlichsten findet.

STOL: Was sagen Sie zu Hirtenmaccheroni beim Törggelen?

Baumgartner: Das finde ich gar nicht gut. Zum Törggelen gehört für mich Hausgemachtes, Hauswurst, und Bauernkraut, ebenso ein hausgeselchter Speck und handgemachte Schlutzer, nicht die gekauften. Ich glaube, dass man ein paar Euro mehr ausgibt, wenn man dafür Regionales und Hausgemachtes bekommt.

STOL: Aber jährlich werden es mehr Törggelegäste. Wird das Brauchtum nicht zur Massenabfertigung?

Baumgartner: Da zu viele Leute kommen, kann es schon knapp werden. Die Nachfrage ist zu groß. Ich bin im Einzelhandel tätig und wir haben kleine Firmen, die, wenn irgendein Produkt fertig ist, dann gibt es das Produkt nicht mehr. Das fände ich auch für das Törggelen sinnvoll.

STOL: Nach dem Motto, wo Hausgemacht draufsteht ist auch Hausgemacht drin… Aber was, wenn man zu wenig für all die Leute hat?

Baumgartner: Ich denke mir, solange man zu den Leuten ehrlich ist, passt das. Wenn es zu wenig Kastanien gibt, dann kaufe ich die Kastanien – hoffentlich in Italien, nicht in Übersee - und sage den Leuten auch warum. Ehrlichkeit schätzen die Leute mehr. Da kann auch der Wein vom Nachbarn kommen und der Speck vom Ort, anstatt es fälschlich als hauseigen zu deklarieren.

STOL: Der Kastanienweg ist an Wochenenden mittlerweile überlaufen – so sehr zieht das Angebot: Wie lange kann das so weitergehen?

Baumgartner: Es kommen immer wieder neue Leute dazu, aber zu groß aufbauschen täte ich es nicht mehr. Es soll fein sein. Wenn man auch beim Törggelen fast übereinander in der Bauernstube sitzt und es nur noch laut ist, kann das nicht fein sein. Ich bin nicht beleidigt, wenn ich anfrage und man mir sagt: Wir haben keinen Platz mehr.

STOL: Ein Tipp von der Törggelekönigin, wie man einen Platz bekommt… manche reservieren ja ein Jahr im Voraus.

Baumgartner: Das weiß ich nicht (lacht). Vielleicht wirklich früh genug anfragen – und mit kleinen Betrieben anfangen und auf sie ausweichen. Es muss nicht der riesen Buschenschank sein. Ein kleiner Hof bewirtschaftet sicher auch gerne und gut ein paar Gäste.

Interview: Petra Kerschbaumer

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Evelin Baumgartner vom Thalerhof in Gufidaun ist am 30. September im Rahmen des „Gassltörggelen Klausen“ zur neuen Törggelekönigin 2017/2018 gekürt worden. Die 29-jährige Einzelhandelskauffrau und Mutter einer neunjährigen Tochter wird für ein Jahr Botschafterin für das Brauchtum sein.

stol