Dienstag, 28. September 2021

#NunsToo: Tabuthema Missbrauch in der Kirche

Die Katalanin Teresa Forcades ist Ärztin, Feministin, Queertheologin, Schulgründerin, politische Aktivistin, Autorin zahlreicher Bücher, Herausgeberin der Zeitschrift „Iviva“ – und Benediktinerin. Heute ist die Ordensfrau in Meran, mit den „Dolomiten“ führte sie ein Gespräch vorab. Von Heidi Hintner

Teresa Forcades hat die renommierte Harvard Universität in den USA verlassen, um ins Kloster zu gehen.

„Dolomiten“: Macht und Missbrauch in der Kirche – Sie sprechen Klartext...

Teresa Forcades: Im Jahr 2000 übersetzte ich den Bericht der amerikanischen Benediktinerin und klinischen Psychologin Esther Fangman aus dem Englischen ins Spanische. Ich war schockiert. Der Bericht sprach von einer Realität, die mir unbekannt war: dem sexuellen Missbrauch von Nonnen durch Priester. In einigen weiblichen Ordensgemeinschaften in Afrika verlangte der Priester, dass die Novizinnen vor der Professfeier Sex mit ihm haben. Wenn eine Novizin schwanger wurde, wurde sie aufgefordert, abzutreiben. Wenn sie sich weigerte, wurde sie aus dem Ordensleben ausgeschlossen und sah sich einem Leben im Elend gegenüber, da sich die Familie in der Regel für sie schämte.

„D“: Sexueller Missbrauch an Ordensfrauen ist weltweit verbreitet?

Forcades: Ja! Leider ist der Missbrauch von Frauen und insbesondere von Nonnen innerhalb der Kirche nicht auf den afrikanischen Kontinent beschränkt. Gerade in Rom wurden junge Nonnen aus Lateinamerika, die von ihren Kongregationen zum Studium geschickt wurden, von Priestern eingeladen, in ihren Wohnungen Hausarbeiten zu verrichten, und sobald sie dort waren, wurde von ihnen erwartet, dass sie sie sexuell befriedigten. Einige Frauen weigerten sich, aber ihre Situation war extrem schwierig, und in einigen Fällen fürchteten sie Vergeltungsmaßnahmen. Die Situation ist heute anders als im Jahr 2000, aber der Missbrauch ist immer noch präsent und wird meist totgeschwiegen.

„D“: Sie fordern eine stärkere und starke Rolle für Frauen in der Kirche und Gesellschaft. Was ist Ihr Hauptanliegen als feministische Theologin und Nonne? Wie kommen wir aus den patriarchalen und kyriarchalen Strukturen heraus?

Forcades: Die römisch-katholische Kirche ist in ihrer Struktur frauenfeindlich und patriarchalisch, weil die Entscheidungsfindung auf den höchsten Ebenen mit der Ordination verbunden ist, und die Ordination mit dem Mannsein. Im Jahr 1976 kam die von Papst Paul VI. einberufene Bibelkommission zu dem Schluss, dass nichts in der Bibel der Ordination von Frauen entgegensteht. 45 Jahre später hat sich hier immer noch nichts getan. Die Situation wird sich nur ändern, wenn sich mehr katholische Frauen organisieren und darauf drängen.

„D“: Das Problem des Sexismus ist noch lange nicht gelöst.

Forcades: In den meisten demokratischen Gesellschaften sind die Gesetze bereits egalitär, aber das Problem des Sexismus ist eben noch lange nicht gelöst: Im Jahr 2000 arbeiteten die Frauen in Barcelona doppelt so viel wie die Männer und verdienten die Hälfte. Sie kümmerten sich um den Haushalt und um kranke oder pflegebedürftige Personen. 95 Prozent der Arbeitsbefreiungen, die zur Pflege eines kranken oder pflegebedürftigen Familienmitglieds beantragt wurden, wurden Frauen gewährt. Ich denke, es ist dringend notwendig, die Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit anzuerkennen und zu entessentialisieren. Wir müssen beides tun: anerkennen und entessentialisieren.

Termin: Heidi Hintner führt mit Teresa Forcades am heutigen Dienstag um 20 Uhr ein Gespräch in der Jugendkirche am Sandplatz in Meran.
Anmeldung: [email protected]oder Tel. 0473 23 12 16
Vita: Die in Barcelona geborene Teresa Forcades i Vila studierte Medizin in Barcelona und speziali- siert sich 1995 in Innerer Medizin in New York. Danach studierte sie Theologie an der Harvard University und schloss 1997 mit dem Master in Theologie ab. 1997 trat sie ins Monestir de Sant Benet de Mont- serrat in Marganell ein. Da sie an einer protestantischen Fakultät Theologie studiert hatte, wurde ihr Harvard-Studium in Barcelona nicht anerkannt. 2005 promovierte sie noch einmal in Fundamentaltheo- logie an der theologischen Fakultät von Katalonien. 2009 hatte sie eine Gastprofessur am Lehrstuhl für Theologie und Geschlechterstudien der Humboldt-Universität in Berlin.

d

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