<b>Von Martina Hofer</b><BR /><BR />Stefanie bittet um einen guten Ehemann, Matthias darum, seine kranken El<?TrVer> tern ins Gebet einzuschließen. Da ist die Mutter, die Angst hat, dass ihr Sohn gemobbt wird, oder der Manager, der vor schweren Entscheidungen steht. Beinahe täglich erreichen das Zisterzienserkloster Mariengarten in St. Pauls E-Mails von Menschen mit Sorgen und Nöten.<BR /><BR />Das Kloster ist nämlich die Zieladresse der Nachrichten, wenn jemand auf der Internetseite der Diözese Bozen-Brixen ganz unverbindlich ein Gebetsanliegen hinterlassen möchte. Sie werden dann in das Gebet der Ordensschwestern in St. Pauls eingeschlossen. „Wir haben bestimmt nicht einen besseren Draht zum Himmel, aber wir beten einfach gerne“, erzählt Äbtissin Benedikta Gurschler den Grund für diesen besonderen Dienst. 13 Jahre schon wird er in Zusammenarbeit mit der Diözese angeboten. Eine lange Zeit, in der sich die Welt verändert hat. „Die Probleme der Menschen aber sind dieselben geblieben“, lächelt die 74-Jährige.<h3> Schwestern überbringen Anliegen an den Herren</h3>Es ist früher Nachmittag. Draußen lockt die Sonne erste Bienen in den Klostergarten. Äbtissin Benedikta aber sitzt hinter geschlossenen Fenstern, vor ihr ein Laptop. Sie sortiert, druckt und beantwortet Anfragen zu Gebetsanliegen. Über 40 Aufrufe hat die Seite wöchentlich im Schnitt – um die 350 Anliegen im Jahr werden dann tatsächlich abgeschickt. Die mit Namen versehene Post von Frauen wie Männern, Einheimischen wie Nichtsüdtirolern, heftet die Ordensfrau an eine Anschlagtafel. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1012623_image" /></div> <BR /><BR />So kann jede der zehn Schwestern im Haus die Anliegen lesen und sie in ihr Gebet einschließen. Gelegenheit dazu gibt es täglich – und das für mehrere Stunden. Das Gebet im Kloster beginnt nämlich schon um fünf Uhr morgens mit der „Vigil“. Später folgen die „Laudes“ und die „Terz“, bevor es um 6.45 Uhr zur Messe geht. „Neben dem Mittagsgebet gibt es noch abends die Vesper mit Fürbitten, da schließen wir die Menschen wiederum ein, die uns über E-Mail um Hilfe bitten“, erzählt die Schwesteroberin, die mit der „Auftragsbeterei“ gebetseifriger geworden ist. Zu wissen, dass man Menschen helfen könne, gebe nämlich große Genugtuung, sagt die 74-Jährige, die fest von der Kraft des Gebetes überzeugt ist. <h3> Von der Kraft des Gebetes überzeugt</h3>Auch sie selbst rief Gott an, als sie vor zwei Jahren das Amt der 4. Äbtissin übernehmen sollte. Völlig überfordert bat sie ihren „Chef“, er möge ihr doch die nötige Kraft und Gesundheit schenken, wenn es sein Wille sei. „Als ich am nächsten Tag aufgestanden bin, spürte ich plötzlich, wie der Druck und die Angst einer Leichtigkeit gewichen sind“, sagt Benedikta und lächelt.<BR /><BR />Dass mit ihrem kostenlosen Gebetsdienst die Bequemlichkeit der Menschen unterstützt würde, glaubt die Äbtissin nicht. „Ich habe den Eindruck, dass fast alle, die da schreiben, sehr gläubig sind, aber zu ihrem Gebet einfach eine Unterstützung suchen.“ Mit Erfolg. Denn recht oft kämen Rückmeldungen, in denen sich Menschen bedanken, da ihre Anliegen erhört worden seien. <h3> Online-Angebote als Chance wahrnehmen, jedoch …</h3>Heiligt hier also der Zweck die Mittel? Seelsorgeamtsleiter Reinhard Demetz sagt in diesem Fall: „Ja“. <BR /><BR />„Die Kirche stellt zwar nach wie vor die zwischenmenschlichen Begegnungen einer Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Solche Angebote aber müssen als Chance gesehen werden“, glaubt Demetz. <BR /><BR />Mittlerweile besuchen nämlich weniger als zehn Prozent der Südtiroler regelmäßig eine Hl. Messe. Sogenannte „Gebet-Communitys“ wie „amen.de“ hingegen wachsen und haben Millionen von Klicks. Zurückzuführen sei das darauf, dass Menschen nach wie vor spirituell seien und auf der Suche nach dem Grund des Seins, erklärt sich Demetz die Zahlen. „Die Religion als institutionalisierte Form dieser Spiritualitäten aber wird zunehmend abgelehnt – ein Phänomen, dass wir auch bei Parteien, Vereinen usw. beobachten, weil ein starker Individualismus da ist“, beobachtet der Seelsorgeamtsleiter die aktuelle Verlagerung von der Institution Kirche in freie Gemeinschaften und Redner, etwa bei Trauungen.<BR /><BR />Jetzt vor Ostern aber haben vor allem virtuelle Beichtstühle einen großen Zulauf im Netz. Schuld und Sühne per Mausklick, gewissermaßen. Auf manchen Seiten können Nutzer gar abstimmen, ob sie den „Sündigen“ vergeben oder sie bestrafen wollen. Die Smartphone-App „Confessara“ hingegen liefert mit künstlicher Intelligenz Empfehlungen und Bibelsprüche als Reaktion auf die gebeichteten Sünden. <h3> Beichten auf dem PC statt vor dem Pfarrer</h3>Aber vergibt Gott wirklich online? Demetz sieht dieses Angebot kritisch. Es reiche nicht, irgendwo seine Sünden reinzutippen, und man sei reingewaschen. „Das Sakrament der Beichte ist ja kein Hokuspokus, bei dem man einen Zauberspruch sagt, und die Sünden sind vergeben.“ Es gehe darum, in einem persönlichen Gespräch die eigene Schuld in Worte zu fassen. Und dieses Eingestehen von Schuld und eine ehrliche Reue seien eine hohe Kunst und bereits sehr reinigend – nicht vergleichbar mit ein paar anonymen Zeilen im Netz. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1012626_image" /></div> <BR /><BR />Das Kirchenrecht sieht eine Beichte übrigens nur in Ausnahmefällen außerhalb der Kirche vor – etwa am Sterbebett. Grundsätzlich müsse sie aber in der Kirche von einem Priester abgenommen werden. „Nicht weil Gott sonst nicht die Sünden vergeben könnte, sondern weil der Mensch Zeichen und ein Feedback braucht, um Heilung in Gang zu setzen“, argumentiert Demetz und schiebt einen Vergleich hinterher. „Wenn ein Mann einer Frau seine Liebe beteuert, ihr als Zeichen aber nie eine Blume schenkt, werden seine Worte vielleicht irgendwann angezweifelt. So ist es mit den Sakramenten. Sie sollen Dinge greifbar machen.“<h3> Kritik und ein positiver Aspekt</h3>Ganz verteufeln möchte Demetz trotz Kritik die Online-Beichte aber dennoch nicht. Das höchste Gesetz sei schließlich „das Heil der Seele“. Jede Form der Auseinandersetzung mit Schuld, wenngleich nur im Netz, sei darum positiv zu bewerten. „Die sakramentale Beichte in der Form hat es ja auch nicht immer gegeben. Jesus hatte keine Ahnung davon und die Kirche in den ersten paar hundert Jahren auch nicht.“ Man müsse also sehen, wie es in den nächsten hundert Jahren weitergehe, so Demetz. <BR /><BR />Der aktuelle Hirtenbrief von Bischof Ivo Muser malt kein schönes Bild. Er schreibt: „Die Kirche in Südtirol wird in 15 Jahren radikal kleiner und weniger relevant sein.“ Das spürt auch Äbtissin Benedikta. Als sie ins Kloster eingetreten ist, lebten dort 36 Schwestern, heute sind es noch zehn. Doch sie betet.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />