Leirl, Bulga, urusn: Kaum noch einer kennt diese alten Ausdrücke. Anna Gruber Steinacher möchte mit ihrer Mundartdichtung dazu beitragen, dass sie nicht ganz vergessen werden. <BR /><BR />Sie blättert in ihrer Ledermappe mit Federkielstickerei und liest – gut vorbereitet – eines ihrer Mundartgedichte vor: mal lustig heiter, mal besinnlich, nachdenklich. Die Lacher der Senioren im Saal sind Anna Gruber Steinacher gewiss, etwa wenn sie in ihrem Gedicht „Die Runzln“ mit dem Umstand hadert, dass sich die Falten im Gesicht und Hals bilden und nicht dort, wo sie mit Rock und Hose verdeckt werden könnten.<BR /><BR />Steinacher weiß geschickt, auch zum Nachdenken anregende Gedichte zu platzieren. Darin ermahnt sie, auf die Umwelt zu achten – „die Earda isch inser Hob und Guat, des man a gsund vererbm muat“ – mit dem zufrieden zu sein, was man hat – „die wichtigstn Sóchn kriagsch olla net zu kafn“ – oder für ein gutes Miteinander zu sorgen.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-63862161_quote" /><BR /><BR /><BR /> „Die Leute sagen oft: ‚Du musst was Lustiges lesen‘. Lachen ist gut, aber ich mag die Gedichte, die zum Nachdenken anregen, lieber“, erzählt die Seniorbäuerin vom Blabacherhof in Verdings. Zu unterhalten und die Menschen zum Nachdenken zu bringen – beides gelingt der Mundartdichterin, die regelmäßig zu diversen Versammlungen, Advents- und Seniorenferien eingeladen wird.<h3> Briefe für den verunglückten Sohn </h3> Obwohl die 76-Jährige bereits immer für ihr Dorf Verdings – über Feiern, Pfarrerabschiede und -einstände, die Fürbitten für den Gottesdienst – geschrieben hat, brachte sie ein tragischer Schicksalsschlag zur Mundartdichtung. „Im Jahr 2002 ist unser jüngster Sohn mit 19 Jahren mit dem Auto tödlich verunglückt“, erzählt Steinacher. Sie begann, ihren Schmerz herauszuschreiben. „Ein Jahr lang habe ich jeden Tag einen Brief an ihn geschrieben“, sagt Steinacher. Oft habe sie den Brief wieder zerrissen, neu angefangen, mit den Worten gehadert…<BR /><BR /> Zu Michael, ihrem Jüngsten, hatte Steinacher eine besonders innige Beziehung. Ihre ersten 3 Söhne kamen in relativ kurzen Zeitabständen hintereinander zur Welt. Neben der Kindererziehung gab es viel Arbeit am Hof, die sie großteils mit ihren Schwiegereltern allein – ihr Mann arbeitete in Saison in Gröden – zu bewältigen hatte. Da war die Zeit oft knapp, die sie mit ihrem Jüngsten deshalb bewusst genießen wollte.<BR /><BR /> „Er hat mich auch mehr gebraucht als die anderen“, erzählt Steinacher von der Tumorerkrankung, die bei ihrem Jüngsten mit 2,5 Jahren diagnostiziert worden war und die einen langen Genesungsprozess nach sich zog. <BR /><BR />Nach einem Jahr des Briefe Schreibens, das Steinacher in ihrer Trauer nicht gab, was sie erhoffte, besuchte sie eine Lesung der bekannten Südtiroler Mundartdichterin Maridl Innerhofer, die 2013 verstorben ist. Bei der Lesung machte eine Zuhörerin auf die Schreibkünste Steinachers aufmerksam, und Innerhofer empfahl ihr den Besuch eines Schreibseminars bei Renate Gamper auf Schloss Rechtenthal.<BR /><BR />Mit dem Gedanken „ich probier es mal“ ging Steinacher hin. Danach fing sie an, beständig zu schreiben. Zuerst – zeitbedingt – vor allem in der Nacht und mit der Hand, später am PC und zu jeder Tageszeit. Heute, wenn ihr in der Kirche ein Stichwort für ein neues Gedicht einfällt, muss sie es sich fest merken, damit sie es bis nach Hause nicht vergisst.<BR /><BR />Inspiration findet Steinacher vielerorts. Einmal ist es ein unüberlegt hingesagter Satz („ein Tiroler tut härter leichter“), das andere Mal ein Erlebnis aus der Schulzeit. <BR /><BR />An die 1000 Gedichte hat die rüstige Seniorbäuerin mittlerweile geschrieben, die sie geordnet und in Folien gehüllt in Mappen aufbewahrt. Aus dem ganzen Land erhält sie zudem Anfragen um personalisierte Einladungen oder Glückwünsche zu verschiedenen Anlässen. <BR /><BR />„Ich werde oft gefragt, ob ich nicht ein Buch mit meinen Gedichten mache“, erzählt die Mundartdichterin. Aber sie findet: „Der Dialekt würde das Lesen schwierig machen“. Besser gefiele ihr eine CD, auf der die Gedichte, mit Musik untermalt, vorgetragen werden.<h3> Bedeutung alter Wörter vielen nicht mehr bekannt</h3>Der Erhalt der Mundart ist Steinacher in ihrem Schreiben besonders wichtig. „Ich kritisiere deshalb, dass immer mehr englische Wörter benutzt werden“, sagt sie. <BR /><BR />Eine Diskussion mit ihren Söhnen – alle um die 50 Jahre alt – hat ihr erst wieder vor Augen geführt, dass viele die Bedeutung alter Wörter nicht mehr kennen: wie Leirl für Trichter oder Bulga, die Papiertüte.<BR /><BR />„Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Teat net urusn‘. Gemeint war: ‚Lasst nichts am Teller zurück‘“‘, erinnert sich Steinacher. Ihrer Mutter hat sie auch ein Gedicht gewidmet, das die arbeitsreichen Jahre der Bäuerinnen und Frauen zu Hause beschreibt. Die Idee dazu kam ihr während einer Zugfahrt nach Linz zu einer Mundarttagung.<h3> Die Arbeit der Frauen, die nicht gesehen wird</h3>„Mit mir im Zugabteil saß ein Professor, der erzählte, was er alles war und arbeitete. Auf die Frage, was ich denn mache, antwortete ich: ‚Ich tue nichts‘“, berichtet Steinacher. Aus „Ich tue nichts“ wurde schließlich ein Gedicht darüber, was ihre Mutter alles Großartiges geleistet hat. „Das Heu, die Garben – alles musste am Hof eingetragen werden. Meine Mutter trug immer die schwersten und größten“, erzählt Steinacher. Ihr Vater arbeitete bei der Wildbachverbauung, ihre Mutter stemmte die Arbeit am Hof und die Erziehung der 10 Kinder. Gemeinsam erlebten sie noch ihren 72. Hochzeitstag.<BR /><BR />Auch Steinacher, deren zweite große Leidenschaft das Singen im Kirchenchor ist, blickt auf ein arbeitsames Leben. Als sie 3 Jahre alt war, zogen ihre Eltern von Villanders auf einen kleinen Bauernhof nach Verdings. Weit hat es Anna von dort nicht in die Welt verschlagen. <BR /><BR />Mit 18 Jahren erlernte sie am Krankenhaus Innichen den Beruf der Köchin. Nur alle paar Monate kam sie – trotz Heimweh – nach Hause: mit dem Zug nach Klausen, zu Fuß weiter nach Verdings. <BR /><BR />„Mit 22 Jahren habe ich meinen Nachbarn geheiratet“, schmunzelt die mit der Hochzeit zur Blabacherbäuerin Gewordene. Mit Luis, ihrem Mann, ist sie mittlerweile seit 55 Jahren verheiratet. Er begleitet sie auch oft zu ihren Lesungen. „Muss er auch, ich habe keinen Führerschein“, lacht Steinacher. <h3> Zufriedenheit ist der Weg zum Glück</h3>Gemeinsam genießen sie die nach der Hofübergabe etwas ruhiger gewordene Zeit. „Wir unternehmen viel gemeinsam. Die 6 Enkel sind unsere ganze Freude“, erzählt die Seniorin und fügt an, „wenn wir gesund bleiben, bin ich ganz zufrieden. Mehr können wir gar nicht wollen“. Eine Botschaft, die sie auch in ihren Gedichten zu vermitteln versucht: „du muasch auserfennen wos wichtig isch, dass mit dein Lebm zufriedn bisch“.