Samstag, 23. Mai 2015

ESC-Kandidaten fiebern dem Finale entgegen

27 Starter kämpfen am Abend um die ESC-Krone. Die besten Chancen werden kurz vor dem Finale den Skandinaviern eingeräumt. Doch sicher ist das nicht.

Dominic Muhrer von den Makemakes, Song Contest-Teilnehmer für Österreich
Dominic Muhrer von den Makemakes, Song Contest-Teilnehmer für Österreich - Foto: © APA/EPA

Die Spannung steigt: Wenige Stunden vor dem Finale des Eurovision Song Contest (ESC) haben sich die Sänger mit einer dritten Generalprobe vorbereitet.

Schätzungsweise 100 Millionen Zuschauer werden die Veranstaltung am Samstagabend aus Wien am Fernseher verfolgen. Als Favorit auf den Sieg zeichnete sich bei den Wettanbietern Schweden ab.

Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde

Der ESC gilt als größte Musikshow Europas. Anlässlich des 60. Song Contest wurde die Sendung vom Guinness-Buch der Rekorde als längster, regelmäßig laufender, im Fernsehen ausgestrahlter Musikwettbewerb ausgezeichnet.

In diesem Jahr ist erstmals Australien als Gastland dabei. Sänger Guy Sebastian hat den Buchmachern zufolge ebenfalls gute Chancen. Im Falle eines Sieges wäre Australien auch nächstes Jahr wieder dabei.

Das Finale in der Wiener Stadthalle werden etwa 10.000 Fans verfolgen.

Erstes Google-Doodle in der ESC-Geschichte

Premiere für den ESC: Erstmals in der Geschichte des Wettbewerbs gibt es ein Google-Doodle, also die grafische Veränderung des Firmenlogos auf der Startseite www.google.at, die zu feierlichen Anlässen erfolgt.

Nun tanzen die sechs Buchstaben auf der Song-Contest-Bühne mit Österreichflagge im Vordergrund.

Das Starterfeld für das Finale

Die Zuschauer erwartet ab 21 Uhr vor allem eine starke erste Hälfte der Show bis zum Antritt der Makemakes auf Platz 14, finden sich hier doch die meisten Favoriten des Wettbewerbs.

Gegen Ende hin wird es dann nochmals spannend, wenn mit Russland und Italien auf dem drittletzten und letzten Platz zwei hochgehandelte Kandidaten die Bühne betreten.

01. SLOWENIEN Maraaya „Here For You“ Radiopop par excellence: Sloweniens Duo Maraaya hat eines der stärksten Stücke des diesjährigen Song Contests am Start. Das ebenso abwechslungsreiche wie eingängige „Here For You“, das von Marjetkas besonderer Stimme ebenso lebt wie von der vielfältigen Instrumentierung, setzt auf minimalistische Inszenierung. 

02. FRANKREICH Lisa Angell „N'oubliez pas“ Schwere Geschütze fährt Frankreich auf: SängerinLisa Angell intoniert die Ballade „N'oubliez pas“ von Robert Goldmann mit enormer Ernsthaftigkeit. Angesichts der Thematik nicht wirklich verwunderlich, wird doch in Erinnerung an 100 Jahre Erster Weltkrieg der Frieden besungen. Mit langsamer Gitarrenbegleitung und 
perkussivem Marscheinsatz mutet dies wie ein Fenster in vergangene ESC-Tage an.

03. ISRAEL Nadav Guedj „Golden Boy“ Die Party kann losgehen: Nach kurzem Trauerspiel zum Einstieg, fackelt der „Golden Boy“ Nadav Guedj nicht lange und setzt ganz auf knallige 
Beats und orientalische Klänge. Zeitgenössischer R'n'B, der sein Ziel – den Tanzboden – nicht verfehlt und für Israel auch im Song-Contest-Umfeld gute Figur macht.

04. ESTLAND Elina Born & Stig Rästa „Goodbye To Yesterday“ Da hat sich doch tatsächlich der estnische Nick Cave auf die Bühne verirrt und wirft in der LED-Choreografie mit seiner Partnerin Elina Born gleich lange Schatten. Eine ansprechende Nummer und eines der wenigen Duette, auch wenn Stig Rästa mit seiner Stimme nicht ganz die schwankende Sicherheit seines großen Vorbildes erreicht.

05. GROSSBRITANNIEN Electro Velvet „Still in Love with You“ Mit Elektroswing möchte das britische Duo Electro Velvet die europäische Musikgemeinde für sich einnehmen. Stimmlich müht sich der Musiklehrer Alex Larke allerdings durch einen der wenig flotten Lieder des Tournaments. Gute Laune garantiert – wenn man Swing mag.

06. ARMENIEN Genealogy: „Face The Shadow“ Armeniens Retortenband setzt sich aus sechs armenisch-stämmigen Sängern aus je einem anderen Kontinent zusammen. Da ihr Songtitel „Don't Deny“ angesichts der aktuellen Diskussion auch als Anspielung auf den Völkermord des Osmanischen Reiches an den Armeniern gelesen wurde, änderte man ihn auf „Face The Shadow“ – auch nicht weniger anspielungsreich. Eine Bombastnummer mit Message.

07. LITAUEN Monika Linkyte & Vaidas Baumila „This Time“ Ein Kuss für Europa: Wenn sich Monika Linkyte und Vaidas Baumila bei ihrem Stück „This Time“ ganz nahe kommen, hat 
das zwar nicht die Brisanz wie bei Madonna und Britney. Ungeachtet dessen ist der litauische Beitrag in diesem Jahr recht eingängig geraten, fröhlicher Pop mit Ohrwurmqualität.

08. SERBIEN Bojana Stamenov „Beauty Never Lies“ Eine echte Wucht ist Bojana Stamenov – so hat das quirlige Schwergewicht aus Serbien auch eine der mächtigsten Stimmen des 
heurigen Wettbewerbs. Mit großer Bühnenpräsenz und erstmals auf Englisch bietet Serbien gefühlvollen Pop und Disconummer in einem. Ein Hingucker und Hinhörer.

09. NORWEGEN Mörland & Debrah Scarlett „A Monster Like Me“ Skandinavisches Unterstatement: Das norwegische Duo Mörland und Debrah Scarlett sticht dank völlig entkleideter Bühneninszenierung nicht nur optisch aus dem diesjährigen Teilnehmerfeld hervor. Die dunkle Ballade „A Monster Like Me“ verdankt ihre Dynamik neben der stimmlichen Gegensätze vor allem einer klugen Komposition mit großem Finale.

10. SCHWEDEN Mans Zelmerlöw „Heroes“ Im dritten Anlauf ist es Mans Zelmerlöw geglückt, sich in seiner schwedischen Heimat für den Song Contest zu empfehlen. Sein hymnischer Beitrag „Heroes“, der zu einem Gutteil von der Interaktion mit einem Strichmännchen auf der Bühne lebt, gilt seitdem als einer der Topfavoriten auf den Sieg.

11. ZYPERN John Karayiannis „One Thing I Should Have Done“ Eine intime Darbietung legt Zypriot John  Karayiannis an den Tag: Seine Ballade „One Thing I Should Have Done“ versucht durch simple Struktur und geradlinige Komposition zu punkten. Charmante Schmuseklänge, die im Halbfinale überzeugten.

12. AUSTRALIEN Guy Sebastian „Tonight Again“ Die Last eines ganzen Kontinents: Guy Sebastian fällt eine besondere Rolle beim diesjährigen Song Contest zu, darf der Australier doch seine ESC-verrückte Heimat erstmals beim Gesangswettbewerb vertreten. Mit „Tonight Again“ hat er eine der flotteren Popnummern im Feld am Start, die ebenso tanzbar wie mitsingtauglich gelungen ist. Angesichts der Vielzahl an melancholischen Töne wohl nicht die schlechteste Wahl.

13. BELGIEN Loic Nottet „Rhythm Inside“ Androgyne Klänge kommen vom 19-jährigen Belgier Loic Nottet, der stimmlich so zwischen den Geschlechtern grenzwandelt wie Conchita Wurst im Vorjahr optisch. Seine harte R'n'B-Nummer „Rhythm Inside“ hat er dazu noch selbst geschrieben und die monochrom-kubistische Bühnenshow kreiert. Ein Song samt Performer, der aus dem Feld heraussticht.

14. ÖSTERREICH The Makemakes „I Am Yours“ Die Bärte sollen es richten: Die Makemakes treten ein schweres Erbe an, müssen sie mit ihrem reduzierten Song „I Am Yours“ doch Österreich im Jahr eins nach Conchita vertreten. Den Auftrag gehen Sänger Dominic Muhrer und Co mit einem soliden Beitrag an, der gar etwas aus der Reihe tanzt. Und das nicht nur
ob des brennenden Klaviers oder der Gesichtsbehaarung der Musiker.

15. GRIECHENLAND Maria Elena Kiriakou „One Last Breath“ Den stets im Bewerb vertretenen Nachahmer des Vorjahressiegers stellt heuer Griechenland. Das Motto „Von Conchita lernen, heißt siegen lernen“, beherzigt man mit einer großen Schmachtballade. Trotz fehlenden Barts schaffte es damit Maria Elena Kiriakou ins Finale.

16. MONTENEGRO Knez „Adio“ Anhänger von Lokalkolorit müssen beim Jubiläumsbewerb auf Montenegro setzen: Knez versprüht in „Adio“ Balkanflair und mischt alles, was in den vergangenen ESC-Ausgaben gut und teuer war. Hier schmachten nicht nur die Geigen, bevor die Beatlandschaft aufgetürmt wird. Dafür wurde offenbar beim Refrain gespart.

17. DEUTSCHLAND Ann Sophie „Black Smoke“ Ann Sophie hat es nicht leicht: Die deutsche ESC-Starterin rutschte nur aufgrund des Verzichts von Andreas Kümmert nach seinem Sieg beim Vorentscheid in das Starterfeld für Wien. Danach hatte die 24-jährige Sängerin in erster Linie mit Lena-Vergleichen zu kämpfen. Im Finale gilt der Fokus ganz ihrem Song „Black Smoke“: Beschwingter Pop mit leichter Elektroschlagseite und einem kraftvollem Refrain.

18. POLEN Monika Kuszynska „In The Name Of Love“ Große Gefühle evoziert Monika Kuszynska: Die polnische Sängerin, die seit einem Autounfall im Rollstuhl sitzt, darf im von ihrem Ehemann geschriebenen Stück „In The Name Of Love“ nicht nur die Liebe, sondern auch das ESC-Motto besingen – und das mit Kirschblütenkitsch im Hintergrund.

19. LETTLAND Aminata Savadogo „Love Injected“ Eine große Stimme aus dem kleinen Baltenstaat Lettland schmettert da ein intensives „Love Injected“ in die Halle. Mit Chorkolleginnen im Hintergrund überzeugt Aminata Savadogo vor allem durch ihr beeindruckendes Organ. Ihre große Ballade hat die Tochter einer Lettin und eines Vaters aus Burkina Faso selbst geschrieben.

20. RUMÄNIEN Voltaj „De la capat“ Denkt denn niemand an die Kinder? Doch, die Altrocker Voltaj aus Rumänien, auch wenn sie nicht so aussehen. In ihrer klassischen Ballade beweinen sie das Schicksal jener Kinder, die von ihren arbeitssuchenden Eltern in Rumänien zurückgelassen wurden.

21. SPANIEN Edurne „Amanecer“ Einen großen Namen der nationalen Musikszene hat Spanien nach Wien entsandt: Die 29-jährige Sängerin Edurne schickt sich mit der Powerballade „Amanecer“ an, den dezenten Aufwärtstrend des Vorjahres fortzusetzen. Gelingen soll dies mit einer Mischung aus ätherischem Gesang und kraftvollem Bombastfinale.

22. UNGARN Boggie „Wars For Nothing“ Das bisschen Frieden für den Wiener Wettbewerb steuert heuer Ungarn bei. Die ambitionierte Sängerin Boggie tritt mit der lieben Gitarrenballade „Wars For Nothing“ auf die Bühne. Sanft, gut geschrieben und nicht wirklich für die große Partybühne.

23. GEORGIEN Nina Sublatti „Warrior“ Hart, härter, Sublatti: Kein Lächeln kommt der 20-jährigen Lederqueen über die Lippen, wenn sie ihre düstere Agroballade „Warrior“ mit mächtiger Stimme alleine vor gewaltiger Wolken-Sturm-Kulisse schmettert. Mit der Frau legt sich so schnell keiner an.

24. ASERBAIDSCHAN Elnur Hüseynov „Hour Of The Wolf“ Die Stunde des Wolfes ruft Elnur Hüseynov aus: Wer sich dabei aber aufregenden Pop erwartet, wurde auf die falsche Fährte gelockt. Stattdessen ist der Song, mit dem Aserbaidschan den Triumph von vor vier Jahren wiederholen möchte, eine eher zähe Angelegenheit. Balladesker Herzschmerz mit traurigen Augen.

25. RUSSLAND Polina Gagarina „A Million Voices“ Das Gegenprogramm zur aktuellen politischen Ausrichtung bringt heuer der Beitrag aus Russland. Die nicht direkt naturblonde Sängerin Polina Gagarina beschwört Harmonie und Liebe. Mit ätherischem Pop und Tränen gelang der Künstlerin, das Pfeifkonzert bisher zu vermeiden, das in den Vorjahren russische Kandidaten in der Halle stets erwartete.

26. ALBANIEN Elhaida Dani „I'm Alive“ Tiefer Ausschnitt, hohe Stimme, Schmacht und Weltschmerz: Wenn Elhaida Dani auf die Bühne kommt, feiert das ESC-Klischee fröhliche Urstände. Eine kleine Zeitreise im Lichtkegelfuror.

27. ITALIEN Il Volo „Grande amore“ Mit Pathos und Schmalz zum Triumph: Das italienische Trio Il Volo gilt als heißer Anwärter auf einen Spitzenplatz beim ESC. Wenn sich Piero Barone, Ignazio Boschetto und Gianluca Ginoble durch „Grande amore“ schmachten, steht ganz die große Geste im Vordergrund. Durchdesignter Opernpop, bei dem auch optisch der Kitsch regiert.

dpa/apa

stol