Mittwoch, 21. Oktober 2015

Heute lässt er (nur noch) die Muskeln spielen

Es begann alles mit einer Wette: Ausdauersport als Ausgleich zu seiner Arbeit mit der legendären "Kelly Family" lehrten ihn mit absoluter Disziplin und viel Ehrgeiz seine Ziele zu erreichen. Bis heute hält er mit 8 IronMan-Triathlons innerhalb eines Jahres den Rekord. Ein Gespräch mit Extremsportler Joey Kelly.

Extremsportler Joey Kelly im Interview mit Thomas Haberer. - Foto: privat
Extremsportler Joey Kelly im Interview mit Thomas Haberer. - Foto: privat

Über 40 Marathons, mehr als 30 Ultramarathons, 9 Wüstenläufe, 3 Radrennen von der West- zur Ostküste der USA, verschiedene Ironmans, sowie über 100 Halbmarathons, Kurzdistanztriathlons und Kurzdistanzwettkämpfe gehen auf das Konto des Extremsportlers. 

In 17 Tagen und 23 Stunden durchquerte Joey Kelly im September 2010 Deutschland von Wilhelmshaven bis zur Zugspitze. Auf seinem 900 Kilometer langen Fußmarsch - ohne Geld- ernährte er sich nur von dem, was die Natur ihm gab.

STOL traf den ehemaligen Sänger und heutigen Extremsportler beim IMS-Festival im Brixen (STOL hat berichtet).

Südtirol Online: Was begeistert Sie am Extremsport?

Joey Kelly: Das Ganze. Es ist eine Mischung aus Abenteuer, ein Ziel vor Augen zu haben, die Reisen in unterschiedliche Länder, verschiedene Kulturen und Menschen kennenzulernen, für einen Wettkampf zu trainieren ... Es ist das ganze Paket, das mich reizt. 

STOL: Im Winter 2010/2011 bestritten Sie und Markus Lanz im deutschen Team den "Wettlauf zum Südpol". In zehn Tagen legten sie dabei gemeinsam eine Strecke von 400 Kilometern zurück - bei Temperaturen bis zu -40 Grad. Ihr Fazit?

Kelly: Wir waren viereinhalb Wochen zusammen am Südpol, das war eine großartige Erfahrung: 100 Kilometer Akklimatisierung, 400 Kilometer Wettkampf. Wir haben in dieser Zeit zusammen in einem Zelt auf vier Quadratmetern gelebt. Man ist danach entweder befreundet oder kann sich nicht mehr sehen. Es gibt nichts dazwischen.

Markus ist für mich das größte menschliche Phänomen, das es gibt. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass jemand, der offiziell noch nie einen Marathon gelaufen ist, in der Lage wäre, ein Abenteuer am Südpol bei -30 bis -40 Grad Celsius mit 80 Kilo Gepäck im Schlepptau zu überstehen.

Markus war jedoch top vorbereitet, hat gute Stimmung gemacht und war sehr respektvoll. Er hat alles richtig gemacht. Seitdem sind wir befreundet und es ist großartig, dass ich ihn kennen darf. Er ist ein super Typ, total sympathisch, ehrgeizig, erfolgreich und mit den Füßen auf dem Boden geblieben. Er ist ein Vorbild in der Medienlandschaft, weil es einfach wenige solche Typen gibt.

STOL: Woher nehmen Sie die Motivation und überwinden den inneren Schweinehund?

Kelly: Es macht mir einfach Spaß. Aber klar, es ist nicht einfach, tagtäglich sein Trainingspensum zu halten. Doch wenn man sich nicht diszipliniert an seinen Trainingsplan hält, dann funktioniert es nicht.

Ohne Training kann man keine 100 Kilometer laufen. Man kann vielleicht einen Halbmarathon laufen, aber es gibt körperliche Limits. Es reicht nicht, wenn man nur kopfstark ist. Ich weiß, was ich machen muss, dass ich in der Lage bin, meine persönliche Höchstleistung zu erreichen. Es gibt keine Ausreden und kein Verstecken. Disziplin und Ausdauer sind auch kein Talent, das kann sich jeder aneignen. Mir macht es nach 20 Jahren immer noch Spaß.

Extremsportler Joey Kelly im Interview mit Thomas Haberer. - Foto: privat

STOL: Was kann man tun, um seine Ziele zu erreichen und sich nicht vom Weg abbringen zu lassen?

Kelly: Indem man nicht aufgibt und einfach dranbleibt. Wenn man Niederlagen erlebt, muss man wieder aufstehen und neue Ziele verfolgen. Ich persönlich lerne auch mehr von Niederlagen als von ständigem Erfolg. Manchmal steht man auch vor einer Wand und weiß nicht, wie es weitergeht und man zweifelt. Doch wenn man dranbleibt, platzt irgendwann der Knoten und man bekommt wieder Rückenwind. Man muss kämpfen, um wieder hochzukommen. Das Kämpfen zahlt sich aus.

Und wir brauchen nicht jammern, denn uns Europäern geht es richtig gut. Deswegen kann ich jungen Menschen nur empfehlen, Sport zu machen. Sport fordert Ehrgeiz, gibt körperliche Kraft und spornt an. Man muss an sich glauben, Mut haben und mit Disziplin ein Ziel erfolgen.

STOL: Machen Sie noch Musik? 

Kelly: Nein. Allerdings habe ich bei meinem Abenteuer durch Amerika die Gitarre ausgepackt, da ich an Geld kommen musste, weil es mein Ziel war ohne eigenes Geld und Essen in weniger als drei Wochen die USA von Los Angeles nach New York zu durchqueren. Allerdings habe ich schnell festgestellt, dass das mit Musik nicht so gut funktioniert und dass ich andere Wege gehen muss, die dann auch sehr erfolgreich waren.

STOL: Wie geht man mit Kritik um, wenn man in der Öffentlichkeit steht und einem ständigen Leistungsdruck ausgesetzt ist?

Kelly: Es gibt Fußballer, die keine Zeitung lesen, kein Fernsehen gucken oder kein Radio hören. Es ist aber unvermeidbar, dass man etwas mitbekommt. Denn man hat ja auch ein soziales Umfeld.

Wenn Unwahrheiten geschrieben werden, fragt man sich warum und es tut weh. Wir waren damals als Kelly Family beliebt, haben auch sehr polarisiert. Viele haben uns toll gefunden, viele aber auch doof und dazwischen gab es fast nichts. Mittlerweile ist das aber lange her. An meinem Sport und der Leistung, die ich erbringe, gibt es eigentlich wenig Kritik.

Auch wenn man einen Sportler als Mensch nicht mag, dann muss man trotzdem die Leistung anerkennen. Reinhold Messner steht zum Beispiel immer wieder mal in der Kritik. Doch das was er geschafft hat, ist schon fast ‚unmenschlich’ und er ist keiner, der sich verstellt.

STOL: Wie finden Sie die Südtiroler Berge und sind Sie hier auch manchmal unterwegs?

Kelly: Ich bin bereits oft hier gewesen, so habe ich zum Beispiel den Ortler bestiegen und mache auch immer wieder Urlaub in Südtirol. Es ist ein unglaublich schöner Fleck.

Interview: Thomas Haberer

stol