„Schneide die Butter doch schön gerade ab!“, „Pack den Käse sauber ein!“ – Wie oft hatte sie ihr Vater ermahnt. „Mann, ist der pingelig, habe ich mir immer gedacht“, erinnert sich Brunhilde Gostner zurück an ihre Kindheit. Seit einem Jahr versteht sie jedoch den Aufstand ihres 2008 verstorbenen Vaters Oskar, wenn es um Milchprodukte ging. Denn bevor er sich den Familienunterhalt als Busfahrer verdiente, verbrachte der Nachkriegs-Geborene aus armen Verhältnissen Sommer für Sommer als Senner in der Schweiz. <BR /><BR />Die damals zweijährige Brunhilde war im fernen Jahr 1977 sogar mit dabei. Obschon die Erinnerung daran längst verblasst ist, war eine innere Sehnsucht geblieben – bis 2022 auf Facebook eine Annonce aufpoppte. „Für die Alp Astras-Tamangur in der Sesvenna-Gruppe der Rätischen Alpen wurden Mitarbeiter gesucht“, erinnert sich Brunhilde Gostner an das Posting. Obschon die dreifache Mutter seit vielen Jahren als selbstständige Hebamme im ganzen Vinschgau sehr gefragt ist, beschloss sie spontan, Kreißsaal mit Kuhstall zu tauschen und der Welt für drei Monate „Adieu“ zu sagen. <BR /><BR />„Die Pandemie habe ich mit meinen drei erwachsenen Töchtern auf engem Raum verbracht. Irgendwie suchte ich etwas Abstand und wollte immer schon einmal auf Vaters Spuren wandeln. Als ich dann noch erfuhr, dass der Senner dieser Alm vor 23 Jahren mit meinem Vater gehütet hatte, wusste ich: Tata hat mir gewissermaßen diese Alm geschickt.“ Weil ihre Familie das genauso sah, packte sie Anfang Juni 2022 schließlich ihre paar Habseligkeiten. „Dann wurde ich samt Kühen aufgetrieben“, witzelt Brunhilde.<h3> Die Enge hoch oben in der Weite</h3>Eine Auszeit in der Idylle der Berge, während im Tal die Hektik des Alltags pulsiert – diese romantische Vorstellung warf Brunhilde Gostner recht bald übers Fensterbretts ihres Kämmerleins. Sie stand früh morgens mit der Sonne auf und fiel abends todmüde ins Bett. Ein freier Tag? Fehlanzeige. „In der Geburtenhilfe bin ich ja ein hohes Arbeitspensum und viel Verantwortung um das werdende Leben gewohnt. Auf der Alp aber ging es mehr darum, anzupacken. So hart körperlich gearbeitet habe ich mein Leben nicht“, gesteht Brunhilde im Nachhinein.<BR /><BR />An manchen Tagen überkam sie das Gefühl, kaum Luft zu bekommen – nicht nur, weil die Hirten stark rauchten. Nein, es waren auch die Enge in einer fremden Familie, der fehlende Tapetenwechsel und die harte Arbeit, die an der Substanz aller nagten.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="916339_image" /></div> <BR /><BR />Oft habe sie sich wie die Alp-Psychologin gefühlt, erzählt Brunhilde, die – wie auch in ihrem echten Job – immer ein Ohr für andere hat. „Unter jedem Dach ist ein Ach, so auch auf der Alm. Zum Glück hatten wir schönes Wetter, sonst hätten wir uns was erdenken müssen“, erzählt die gestandene Frau, die all ihre Gemütszustände in einem Tagebuch festgehalten hat. Gar einige Male liest man darin, wie froh sie war, wieder einen Tag überstanden zu haben. „Oft habe ich mich schon gefragt, warum ich mir das hier antue“, gibt sie ehrlich zu. Aufgeben aber, das konnte und wollte die 49-Jährige, die sich als „Sturkopf“ bezeichnet, nicht. Schließlich war die Hebamme „Schwergeburten“ ja gewohnt und für Haushalt und Ausschank auf der Alm unabdingbar. „Ich habe primär die Arbeit der Frau des Senners unterstützt. Das ging von Brotbacken über Kinderbetreuung bis zur Gästebewirtung. Wir Frauen mussten zusammenhalten, und das taten wir auch. Ich konnte viel lernen und sagte oft, ich werde noch diplomierte Hausfrau“, muss sie über sich selbst schmunzeln. Trotz Entbehrungen gelang es „Bruni“ durchzuhalten. Die Arbeit ging nie aus.<h3> Die „arbeitslose“ Geburtshelferin</h3>Täglich wurde zweimal mit drei Melkmaschinen gemolken und die 1200 Liter Milch zu 18 Käselaiben verarbeitet. „Hygiene war hier sehr wichtig. Wenn man einen Keim reinkriegt, kann man den Käse wegwerfen. Plötzlich habe ich meinen Vater und seine Genauigkeit verstanden“, sagt Brunhilde, die heute nicht nur eine völlig andere Sichtweise auf Milchprodukte hat, sondern auch zu den Milchlieferantinnen selbst. Keine Kuh sei wie die andere – weder optisch, noch vom Charakter oder von der Milchleistung her. „Manche waren trächtig und wurden gar nicht gemolken, auch das wusste ich nicht“, sagt die Hebamme – der der Einsatz als tierische Geburtshelferin erspart blieb. „Die Kühe haben das alles ganz allein erledigt“, ist sie froh, wurde Brunhilde doch die meiste Zeit in der Gaststube gebraucht.<BR /><BR />Jeder Tag brachte dort neue Bekanntschaften, erzählt sie von müden Wanderern, netten Freunden aber auch so manch gestresstem Zeitgenossen. „Oft musste ich schon fragen, ob vor dem Haus gleich der nächste Bus fährt“, sagt Brunhilde in ihrer geradlinigen Art. Es wurde aber auch viel gelacht – etwa als ein Gast auf ihr Anraten hin im Stall ernsthaft nach einem Bankomaten suchte. <h3> Eine Erfahrung, die immer weniger machen wollen</h3>Seit Kurzem ist die Alp Astras-Tamangur wieder geöffnet. Doch nicht nur den Bankomaten sucht man weiter vergebens, sondern auch Brunhilde Gostner. Die gute Seele der Alp arbeitet wieder als Hebamme im Tal und ist extrem dankbar für die Erfahrung. „So ein Almsommer schult das Durchhaltevermögen, regt zur Selbstreflexion an und würde im Grunde niemanden schaden“, meint sie. Dennoch gebe es immer weniger Menschen, die sich für einen niedrigen Stundenlohn, Siebentagewoche und wenig Erholung diesen Job fern der Zivilisation antun. Auch Brunhildes Nachfolgerin wird heuer Ende August die Alm bereits verlassen. Um die lieb gewonnene Senner-Familie nicht hängen zu lassen, hat die 49-Jährige darum zugesagt, im September erneut zehn Tage im Ausschank mitzuhelfen. Schließlich – so glaubt sie – habe der Job einer Hebamme und einer Wirtin viel gemeinsam: „Beide wissen nie, was kommt.“ Da hat Bruni wohl recht.<BR />