Montag, 15. Februar 2021

Kalterer Faschingsblatt: „Die meisten lachen, bis es sie selber trifft“

„Ein Mensch, der froh und lustig ist, mit Ehrgeiz dieses Blatt genießt. (…) Dass er aber nicht erschrecke, falls er selbst sich auch entdecke.“ Mit diesen warnenden Worten öffnet der heurige „Plentn Kessl“, das Faschingsblatt von Kaltern. Schon seit 36 Jahren erscheint das selbsternannte „kolterer klatsch – und tratschblattl“ im unregelmäßigen 2-Jahres-Rhythmus und lädt zum Schmunzeln, Lachen und vielleicht auch mal zum Nörgeln ein.

Die diesjährige Ausgabe des Kalterer „Plentn Kessl“.
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Die diesjährige Ausgabe des Kalterer „Plentn Kessl“. - Foto: © Privat
Der Fasching wird in Südtirol großgeschrieben und dementsprechend gibt es auch in (fast) jeder Gemeinde ein Faschingsblatt, in dem der eine oder andere Dorfbewohner für seine Machenschaften und Missgeschicke durch den Kakao gezogen wird – sehr zur Erheiterung vor allem jener, die selbst verschont wurden.

Jahrgang 1985

In Kaltern hat sich der „Plentn Kessl“ dieser Aufgabe verschrieben – zum ersten Mal 1985, als 7 Gleichgesinnte sich aus Spaß an der Freude daranmachten, lustige Geschichten aus dem Dorfleben zusammenzutragen und zu Papier zu bringen.

Die meisten hatten bereits bei Schülerzeitungen gearbeitet und jeder brachte andere Fähigkeiten mit an den Tisch: Wo der eine geschickt mit Worten, war der andere ein besserer Zeichner, wieder andere zeigten sich eher organisatorisch oder technisch versiert – geboren war der Verein der „Kesslschürer“.

„Wir befanden uns damals in einer Sturm- und Drangphase“, erzählt Gründungsmitglied Jos im Gespräch mit STOL. „So entstand wohl auch die Idee zum Faschingsblatt: Wir hatten das technische Knowhow und brauchten nur noch Inhalte. Also haben wir angefangen, uns im Dorf umzuhören und Witziges oder Provokantes aufzuschreiben.“

Dann ging es ans Eingemachte: In den Hinterzimmern des Tourismusvereins wurde eifrig getextet, getippt, gezeichnet, geschnipselt und geklebt. In Bozen wurden die einzelnen Seiten mit Matrizen vervielfältigt und in Kaltern zu Heften geklammert. „Das war eine große Gaudi“, erinnert sich Jos. Schon der erste „Plentn Kessl“ fand reißenden Absatz im Dorf, schnell waren alle Exemplare vergriffen und wurden eifrig kopiert.

Von Kalterern für Kalterer

Auch heute werden nur wenige hundert Exemplare gedruckt, obwohl die Dorfbevölkerung seit den Anfängen stark gewachsen ist. „Wir gehen immer davon aus, dass wir eher für die 'Ur-Kalterer' schreiben, die stark mit dem Dorfleben verwoben sind. Zugereiste könnten viele der Personen und Anspielungen im Faschingsblatt nicht erkennen und den Witz nicht verstehen“, so Jos.

In 36 Jahren erschien der „Plentn Kessl“ 16 Mal: Die ersten 4 Ausgaben wurden noch jährlich gedruckt, dann immer sporadischer, bis in den 90er-Jahren eine längere Schaffenspause einsetzte. Erst als ein paar „Junge“ die entstandene Lücke in der dörfischen Spaßkultur mit ihrem eigenen „Plentn Kessl“ füllen wollten, nahm das Gründungsteam wieder die Zügel in die Hand. Seither erschien das „Tratschblattl“ mehr oder weniger im 2-Jahres-Rhythmus für einen Unkostenbeitrag von 10 Euro. Was vom Erlös übrigbleibt, wird gespendet.

Natürlich füllen sich die Seiten nicht von selbst und auch die „Kesslschürer“ können ihre Augen und Ohren nicht überall haben. Deshalb wird stets kurz nach Beschluss, einen neuen „Plentn Kessl“ zu rühren, ein Postkasten im Tourismusverein ausgehängt, wo jeder, der sich berufen fühlt, seinen Beitrag einwerfen kann.

Wöchentlich wird das „Kastl“ dann geleert und der Inhalt sortiert: „Meistens ist es so: ein Drittel der Vorschläge kann man verwerfen, die versteht kein Mensch. Ein Drittel ist vielleicht holprig formuliert, aber verständlich und verwendbar. Und ein Drittel der Beiträge aus der Dorfgemeinde können wir 1:1 in unser Blatt übernehmen“, beschreibt Jos. In diesem Jahr stammen etwa 10 Prozent des Inhalts aus dem Postkasten.

„Wir sind keine Dreckabstreifer“

Im Papierkorb landen unter anderem Themen persönlicher Natur, wie etwa Streitereien in der Nachbarschaft: „Die verwerfen wir sofort. Wir sind schließlich keine Dreckabstreifer und bieten auch keine Bühne für persönliche Kämpfe“, so Jos. Auch anonyme Kritzeleien, die nachts am Stammtisch entstehen und am nächsten Morgen nur noch wenig Sinn ergeben, werden aussortiert, „immerhin kann man nicht nachfragen, was gemeint war“.

Während die Abgedruckten meist klar erkennbar sind (darum geht es immerhin), bleiben die Schaffenden eher im Schatten: „Natürlich ist die Anonymität im Laufe der Jahre etwas gefallen. In unserer Generation wissen mittlerweile viele, wer hinter dem 'Plentn Kessl' steht. Die Jüngeren hingegen kennen uns nicht.“

Anonymität zum Schutz: Immerhin beinhalten viele Beiträge teils scharfe Spitzen, mal mehr, mal weniger verhüllt zwischen eloquent gereimten Zeilen.

Grundsätzlich sei die Resonanz in der Dorfbevölkerung jedoch seit jeher positiv: „Nur einmal wurde ich persönlich darauf angesprochen, dass ein Beitrag nicht gut angekommen war“, erzählt Jos. Und auch telefonisch angedrohte rechtliche Folgen blieben aus.

„Ich glaube, die Kalterer sind froh um unser Blatt. Es ist mittlerweile ein fixer Bestandteil im Kalterer Kulturleben und endet meist in freundschaftlichen Sticheleien. Oft schon haben unsere Beiträge tolle Kettenreaktionen ausgelöst und wurden noch Jahre später immer wieder zitiert. Ich glaube: Die meisten lachen, bis es sie selber trifft.“ Deshalb der gute Rat der Kesslschürer: „Wer gerne über andere lacht, sollte auch über sich selbst lachen können.“

liz

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