Frau Kampusch, warum haben Sie dieses Buch geschrieben?Kampusch: „Ich wollte mit der ganzen Geschichte abschließen. Ichwollte auch, dass sich gewisse Menschen, die sich dafürinteressieren, etwas haben, woran sie sich orientieren können. Dassdie nicht immer das glauben, was Verschwörungstheoretiker verbreiten.Dass sie eine authentische Schilderung dessen haben, was passiertist.“Was wird denn aus Ihrer Sicht häufig falsch dargestellt?Kampusch: „In dem Buch kommt ja auch meine Kindheit vor. Vielekritisieren meine Mutter, aber die sehen meine Mutter ganz falsch. Indem Buch wird ihnen erklärt, wie das Verhältnis zu meiner Mutter ist.Danach ist es eben nicht mehr verbreitbar, dass sie michbeispielsweise geschlagen hat oder dass sie total brutal gewesen ist.Und das mit der Gefangenschaft wollte ich auch einmal sagen. Ichwollte einfach, dass es mal von meiner Seite eine längere Aussagegibt. Etwas, das für sich steht. Ich wollte auch die Leute, die michkennen, nicht belasten, indem ich ihnen Einzelheiten erzähle. Diekönnen das Buch nehmen und lesen und genau an der Stelle, an der siees nicht mehr verkraften, können sie das Buch zuklappen.“Gab es etwas, dass Sie mit dem Buch geraderücken wollten?Kampusch: „Ganz am Anfang wurde alles immer in verschiedeneRichtungen ausgelegt, die alle irgendwie eher extrem waren. Ichwollte zeigen, dass der Täter ein Mensch ist und dass Leiden undschlimme Zeiten nicht überzeichnet werden müssen. Dass diesesGefängnis ja auch innen ist und es reicht, wenn man ein zehn-, elf-,zwölfjähriges Mädchen in einen Keller einsperrt. Dass es sich nichtwehren kann oder irgendwelche Fluchtpläne schmieden kann, wenn es dain diesem Keller ist. Es hätte vielleicht sogar gereicht, wenn eseine ganz normale Tür gewesen wäre.“ Wie genau ist denn das Buch entstanden?Kampusch: „Am Anfang dachte ich, ich könnte das Buch selbstschreiben. Aber dann hatte ich so eine Blockade, weil das einfachnicht aus mir raus wollte. Ich wollte es nicht zusätzlich selbst nochaufschreiben und dann vor mir auf dem Papier sehen. Die Methode, esjemand anderem zu erzählen, war einfacher. Ich wusste am Anfang auchnicht, wie ich das alles bewerten sollte, damit es andere Menschenauch nachvollziehen können. Weil es ist ja doch sehr, sehr (...) essind ja erst ein paar Jahr vergangen, seit ich wieder da bin und(...) ja, es war wirklich schwierig. Wenn ich einen Roman hätteschreiben sollen, hätte ich das schon viel leichter tun können - abereine echte Geschichte, die noch dazu mir passiert ist? Ja - ichbrauchte jemanden, der objektiv ist.“ Wie sah dann die tägliche Arbeit mit der Ghostwriterin aus?Kampusch: „Es war nicht so einfach. Wir haben uns oftzusammengesetzt, und es ist oft so ein betretenes Schweigenaufgekommen. Es gab auch dazwischen Tage, wo beide einfach so fertigwaren von der ganzen Geschichte, dass wir Abstand gebraucht haben.Sowohl zueinander als auch zu dem Thema.“Hat Ihnen die Arbeit am Buch geholfen, die Zeit in Gefangenschaftzu verarbeiten?Kampusch: „Ja, es hat schon geholfen. Wir brauchten wie gesagtimmer diese Pausen, weil durch das Nochmal-Erzählen so viele Aspekteaufgekommen sind, die ich verdrängt hatte oder die ich nicht bedachthatte. Mir ist das Ganze noch mal so entgegengesprungen. Als wäre dieGeschichte jemand anderem passiert. Vorher, als ich sie irgendwo daoben (tippt sich an den Kopf, Anm.) gut verstaut oder ich weiß nichtwo hatte, konnte ich mir einreden, dass das alles doch nicht soschlimm war. Und ich hatte ja alles gut überstanden. Aber als ich dasdann gelesen habe, ist mir klar geworden, wie schrecklich daseigentlich war. Mir hat die Person, der das passiert ist, dann soleidgetan. Ich tue mir aber eigentlich nicht leid - das war wie eineRückkoppelung.“ Hat die Arbeit am Buch auch Ihre Sicht auf die Tat verändert?Kampusch: „Viele Erkenntnisse hatte ich schon vorher, mit dem Buchwurde es noch mal deutlicher. Mit dem Buch musste ich das Ganzeaussprechen. Dass das Ganze mir sehr viel genommen hat, dass daununterbrochen Menschenrechtsverletzungen passiert sind - das war mirschon währenddessen klar. Aber die Tragweite und Tragik dessen aufder Gefühlsebene, das ist mir erst durch das Buch klargeworden.“ In ihrem Buch wird Wolfgang Priklopil durchgängig nur „Täter“genannt. Wie ist das entstanden?Kampusch: „Das war sehr kompliziert. Weil, wie sollte man ihnnennen?! Es wäre seltsam, ihn mit Wolfgang zu bezeichnen. Das Buchist ja für andere Menschen geschrieben, und ich wollte nicht, dassdie dann so auf „Du und Du“ mit dem Täter sind. Das wäre unpassendund würde dem Ganzen ein bisschen den Ernst nehmen und wieder von demablenken, was mir passiert ist und wie das für mich war. Es ist jamein Buch und nicht seines. Und es stehen ja auch kaum Vermutungendrin, warum er so oder so gehandelt hat. Wie’s auf mich gewirkt hatsteht drin - aber keine Abhandlungen über ihn.“Welche Bezeichnung haben Sie persönlich für ihn?Kampusch: „Es gibt eigentlich keine wirkliche Bezeichnung, weil erist im Grunde genommen nichts zu mir. Er hat sich das alleserzwungen, er ist nicht mit mir verwandt. Es war ja seine Tätigkeit -er war ja ein Verbrecher in Bezug auf mich. Deshalb finde ich Täterganz gut, weil es auch so eine Distanz wahrt. Der Leser hat einegewisse Distanz zum Täter - und ich auch. Das ist wichtig.“Wie stark sind er und die Zeit damals noch für Sie präsent?Kampusch: „Gott sei Dank nicht mehr so, die Nachwirkungen aberschon noch ein bisschen. Ich habe nach und nach bemerkt, dass icheigentlich viel vielseitiger und flexibler bin als er. Ich binumfassend interessiert am Leben, an den Menschen, an Kulturen und anunterschiedlichen Lebensformen. Der Täter - jetzt sag ich der Täter -ja eben - also, dass der sehr konservativ war und versucht hat, mirso ein einseitiges, eigentlich recht naives, komisches, seltsames,radikales Weltbild aufs Auge zu drücken. Je mehr ich wieder ichselbst werde - die, die ich auch vorher als Kind war - entferne ichmich davon. Er hat mich irgendwie nicht psychisch geformt oderbeeinträchtigt - er hat mich nur während der Zeit dortbeeinträchtigt. Aber jetzt ist es wieder in Ordnung. Ja.“ Das heißt, je mehr Sie wieder Sie selbst werden, desto größer wirddie Distanz zu ihm?Kampusch: „Ja genau, weil er wie ein Fremder ist. Er hat javersucht, mir irgendwie was aufzusetzen und das lasse ich jetzt nachund nach hinter mir und es fällt ab. Das ist wie so ein Cape, dasrunter fällt und da drunter bin dann ich. Und das ist so, als wäreich in der Zeit, in der ich eingesperrt war, dazu gezwungen worden,eine Rolle zu spielen und ein anderer Mensch zu sein.“ Woher hatten Sie die Stärke, das alles zu überstehen und ihm immerwieder etwas entgegen zu setzen?Kampusch: „Ich glaube, die hat man dann einfach, außer man gibtwirklich nach. Aber dann bricht alles, das ganze System, zusammen.Weil dann wird der Täter immer mehr frustriert und man selbst auchund dann eskaliert das Ganze und nimmt ein ganz, ganz schrecklichesEnde. Und man selbst ist dann nur noch so was wie eine leere,gebrochene Person. Ich hatte nämlich als Kind so viele Pläne, ichwollte leben und etwas erreichen und ich wollte alles irgendwie zumPositiven wenden. Und ich wollte auch, dass der Täter die positivenSeiten sieht - irgendwie. Dass er sich nicht zu sehr als Verbrechersieht und ihn diese Schuldgefühle dann dazu treiben, dass er sichnoch mehr in dieses kriminelle, aggressive und gewalttätige Seinverrennt.“ Das klingt auch sehr verständnisvoll und verzeihend?Kampusch: „Ich mochte als Kind den Religionsunterricht so gerneund mir ist in Erinnerung geblieben, dass die Religionslehrerinmeinte, dass Gott die Verbrecher irgendwie mehr liebt. Dann habensich natürlich alle Kinder aufgeregt und gesagt, wieso werden diemehr geliebt?! Aber mir war das sofort klar. Weil die irgendwie einDefizit haben. Das hat nichts damit zu tun, dass sie Gottüberproportional liebt, sondern dass sie einfach ein Defizit habenund dass man da auch Verständnis haben soll. Mir war wichtig, demTäter auch zu transportieren, dass ich ihm verzeihe und dass es auchmöglich ist, dass man sich selbst verzeihen kann. Ich glaube, es istauch für mich wichtig gewesen, dass sich der Täter zu einem Stückselbst verzeihen konnte. Sonst wäre das Ganze - weil er ja auch solabil war - noch ausgeartet.“ Meinen Sie, er hat Ihre Entführung bereut?Kampusch: „Ich glaube schon, ihm ist gleich zu Beginnbewusstgeworden, dass es eine ziemliche Last ist. Er wird es sichervon Anfang an bereut haben, und es wird ihm zu viel gewesen sein. Erdürfte am Anfang sehr stark geschockt gewesen sein durch das, was ergemacht hat. Das dann zu sehen: Ein kleines Mädchen, das abhängigdavon ist, dass er Essen holt. Und dass er meine ganze Familie insUnglück gestürzt hat. Und dass es nicht einfach eine Idee ist,sondern dass es dann echte Tränen sind. Echte Eltern, die ihr Kindnicht haben. Und dass er das nicht kontrollieren kann, obwohl er sichdas so gewünscht hat.“Fühlten Sie sich ihm auf eine Weise auch überlegen?Kampusch: „Nein - na ja, schon. Nicht im Sinne von: Ich bin jetztirgendwem überlegen. Es war eher so eine Gewissheit und Ruhe und soeine Kraft, die mir das Gefühl gegeben hat, dass ich das alles jetztdurchstehen muss. Dass sich alles irgendwie auflöst, wenn ich nurlang genug durchhalte - wie so ein Rätsel. So als würde man ohneSchwimmlehrer versuchen, schwimmen zu lernen und immer wieder insWasser gehen und herumstrampeln, und irgendwann schafft man es vonselbst. Ja, so war das. Ich wollte einfach, dass irgendwas rauskommtbei der ganzen Geschichte. Damit nicht alles umsonst ist.“Interview: Miriam Bandar/dpa