Wie war es dazu gekommen?<BR /><BR />Vor dem Parlament in Kairo hatte Sadat am 9. November erklärt, er sei bereit, <i>„bis ans Ende der Welt, sogar in die Knesset, zu gehen, wenn ich damit den Tod eines einzigen ägyptischen Soldaten verhindern kann“.</i> Der amerikanische Botschafter in Kairo, <b>Hermann Eilts</b>, meinte dazu, das könne als Sadats dramatische Art betrachtet werden, zu allem bereit zu sein, um Frieden zu schließen, aber <i>„nicht als ernsthafte Möglichkeit“</i>. Er sollte sich bekanntlich irren.<BR /><BR />Überraschend hatte sich Israels rechts-nationaler Ministerpräsident <b>Menachem Begin</b> nämlich schon 2 Tage darauf per Radio an das ägyptische Volk gewandt: „<i>Es wird mir eine Ehre sein, Ihren Präsidenten willkommen zu heißen mit der traditionellen Gastfreundschaft, die wir von unserem gemeinsamen Stammvater Abraham geerbt haben. Ich werde mit ihm nach Jerusalem und in die Knesset gehen, wo er seine Rede halten kann.“</i><BR /><BR />Dass die Sache tatsächlich ernst war, wurde 5 Tage später deutlich. In einem Interview am 14. November mit dem damals wohl bekanntesten amerikanischen Fernsehjournalisten, <b>Walter Cronkite,</b> betonte Sadat seine Bereitschaft, Israel zu besuchen. <i>„Ich warte nur noch auf eine offizielle Einladung“.</i> Und weiter: <i>„Meine einzige Bedingung ist, dass ich vor den 120 Mitgliedern der Knesset meine Sicht der Dinge in aller Deutlichkeit darlegen kann.“</i> Als die Einladung kam und Sadat die Reise antrat, erklärte der <b>ägyptische Außenminister Fahmi</b> aus Protest seinen Rücktritt.<BR /><BR />Lauerte da irgendwo eine Falle? Noch befanden sich Ägypten und Israel offiziell im Kriegszustand. Der Yom Kippur-Krieg lag erst 4 Jahre zurück, der Sechstagekrieg 10 Jahre. Unversöhnlich schienen die Positionen im Nahostkonflikt zu sein. Der spätere ägyptische Außenminister und UN-Generalsekretär, <b>Boutros-Ghali,</b> beschrieb das so: „Jahrzehntelang war Israel unser Erzfeind gewesen, das Krebsgeschwür am Körper der arabischen Welt, und unser Ziel war es bisher, alles in unserer Macht Stehende zu tun, es zu zerstören.“<BR /><BR />Die Spannung auf dem Flughafen von Tel Aviv war extrem, als die Maschine mit Sadat und Gefolge landete.Was viele Israelis befürchteten, beschrieb <b>Harry Hurwitz</b>, Mitarbeiter Begins, so: <i>„Ein aus dem Flugzeug stürmendes Kommandounternehmen.“</i> Verteidigungsminister <b>Weizman</b> sah das ähnlich und befahl für die gesamte israelische Armee höchste Alarmbereitschaft, Scharfschützen hatten Position bezogen. Auf der anderen Seite schlossen Mitglieder der ägyptischen Delegation nicht aus, dass sie auf der Landebahn in einen Kugelhagel der Israelis geraten würden. Nichts dergleichen geschah.<BR />Unter den Fahnen Israels und Ägyptens spielte eine Militärkapelle die Hymnen beider Länder. Den Israelis erschien Sadats Ankunft daher surreal. <i>„Unternehmen Zauberteppich“</i> lautete denn auch das israelische Codewort für seinen Besuch.<h3>Sadats Friedensangebot</h3>Vom Flughafen fuhr Sadat nach Jerusalem und bezog Quartier in der Präsidenten-Suite im King David Hotel. Am nächsten Morgen betete er in der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg, besuchte dann die Grabeskirche und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Am Nachmittag folgte sein Auftritt in der Knesset. In seiner Rede dort machte er ein Friedensangebot, das er allerdings an klare Bedingungen knüpfte. Man habe die Israelis in der Vergangenheit abgelehnt, aber <i>„heute sage ich Ihnen und der ganzen Welt, dass wir es akzeptieren, mit Ihnen in einem Zustand des gerechten und dauerhaften Friedens zusammenzuleben. [...] Der Friede wird nicht gut fundiert sein, wenn er nicht auf Gerechtigkeit beruht, sondern auf der Besetzung von Gebieten anderer.</i><i>Es darf nicht erlaubt sein, dass Sie etwas verlangen, was Sie anderen verweigern. Ich sage ganz offen, Sie müssen die Träume von morgen aufgeben wie auch die Überzeugung, dass die Gewalt das beste Mittel ist für Ihr Verhalten den Arabern gegenüber. [...] Unser nationales Territorium ist heilig. Keiner von uns kann oder will auf nur einen Fußbreit dieses Territoriums verzichten. [...] Ich sage ja zu der Logik,</i><i>derzufolge Israel in Frieden und Sicherheit leben kann. Wir erklären, dass wir alle internationalen Garantien, die Sie fordern, akzeptieren, von welcher Seite auch immer.“</i><BR /><BR />Um zu diesem Ziel zu gelangen, müssten aber gewisse Realitäten offen und mutig begegnet werden: <i>„Der volle Rückzug aus den im Jahre 1967 besetzten Gebieten ist eine selbstverständliche Sache.</i><i>Hierzu nehmen wir keine Argumente hin. [...] Was die palästinensische Frage anbelangt, so gibt es niemanden, der bestreitet, dass diese Frage der Kern des ganzen Problems ist. [...] Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ohne die Palästinenser der Friede nicht realisierbar ist.“</i><BR /><BR />Begins Antwort an Sadat war nicht ganz so deutlich. Immerhin betonte auch er: <i>„Wir beginnen jetzt eine neue Periode im Nahen Osten, die uns hoffentlich Blüte, Wachstum und Entwicklung bringen wird. [...] Wir wünschen, in Frieden zu leben und wünschen einen wirklichen und umfassenden Frieden mit unseren arabischen Nachbarn, ohne dass mehr Blut vergossen wird</i>.“<BR /><BR />Er schlug dann Verhandlungen für einen Friedensvertrag auf der Basis völliger Gleichberechtigung vor: <i>„Mit Gottes Hilfe wird der Tag kommen, an dem wir einen Friedensvertrag unterzeichnen; dann ist die Zeit des Krieges endgültig beendet. Wir reichen dazu unsere Hand.“</i><BR /><BR />Im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ wurde die bis dahin unvorstellbare Szene damals so beschrieben: <i>„Ein muslimischer Staatschef mit der Sabiba auf der Stirn – dem Mal vom Berühren des Bodens bei unzähligen Gebeten in Richtung Mekka – vor einem Großbild des Zionismus-Propheten Theodor Herzl in Israels Knesset.</i>“<BR /><BR />Seit der Gründung Israels 1948 betrachteten die Araber die Ächtung des Judenstaates als den Zement, der sie zusammenhielt. Kontakte mit Israel waren deshalb tabu. Ägyptens arabische Nachbarn verdammten denn auch Sadats Reise. <i>„Der Verräter hat seinen Hals in die Schlinge gesteckt“</i>, erklärte ein Sprecher der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO bei Sadats Ankunft in Jerusalem.<BR /> Und weiter: <i>„Sadat kann dem Henker nicht entkommen.“</i><h3>Reaktionen</h3>Nach 36 Stunden war Sadat zurück in Kairo. Bei seiner Fahrt in die Stadt säumten 4 Millionen Ägypter die Straßen und jubelten ihm zu. <i>„Selbst [sein Vorgänger] Nasser hat so etwas nicht erlebt“</i>, meinte er euphorisch zum amerikanischen Botschafter, mit dem er am 23. November zwei Stunden zusammensaß. <i>„Die vergangenen 2 Tage sind mein größter Sieg; größer als der Oktoberkrieg [i.e. der Yom Kippur-Krieg 1973].“</i> Mit seinem Besuch habe er den Teufelskreis des Misstrauens durchbrochen, die psychologischen Barrieren, die so lange existiert hätten, niedergerissen. Und für zukünftige Verhandlungen zeigte er mehrere Varianten auf. Was die Westbank betraf, so wollte er Rücksicht auf die israelische Mentalität nehmen und vorschlagen, das Gebiet für 5 Jahre unter die Aufsicht der nach dem Krieg 1956 gebildeten UNO-Truppe (der United Nations Emergency Force; UNEF) zu stellen. Danach würde es ein Plebiszit für eine mögliche Selbstbestimmung geben können. Ein anderer, besonders interessanter Vorschlag betraf den Gazastreifen. Der sollte von der Westbank abgetrennt und zunächst auch der UNEF unterstellt und dann zu einem selbstständigen Staat werden. Sadat war bereit, diesem neuen Staat einen Teil des Sinai zu übertragen, etwa die Gebiete mit den großen israelischen Siedlungen Fafah und Yamit ( mit mehr als 100.000 Einwohnern).<BR /><BR />Für US-Präsident <b>Jimmy Carter</b> war der Sadat-Besuch nach eigener Aussage <i>„eines der dramatischsten Ereignisse der Neuzeit“.</i> Am Vormittag des 19. November hatte er öffentlich in der Baptistenkirche in Washington für den Erfolg gebetet, am Nachmittag dann die Ankunft Sadats in Israel am Fernseher verfolgt. Am 23. November informierte ihn Begin, dass er sich mit Sadat zwar auf eine Teilnahme an der von Carter vorgeschlagenen Genfer Konferenz über den Nahostkonflikt geeinigt hätte, aber man habe kein Datum festgelegt.<BR />In jedem Fall aber, so meinte der amerikanische Außenminister <b>Vance</b> zu Carter, <i>„können Syrien und die Sowjetunion beim weiteren Vorgehen erst einmal ignoriert werden“.</i> Die übrigen arabischen Staaten würden genauso wenig beteiligt wie die Palästinenser. Die Sowjets ahnten wohl, dass Sadat und Begin sie aus dem Spiel nehmen wollten. Der sowjetische Außenminister <b>Andrej Gromyko</b> hatte sich denn auch öffentlich gegen den Sadat-Besuch in Jerusalem ausgesprochen.<h3>Der lange Weg zum Frieden</h3>Sadats Besuch bedeutete einen zweifachen Durchbruch in psychologischer Hinsicht. Sadats Angebot, den Judenstaat anzuerkennen und seine ausdrückliche Bereitschaft zu direkten Gesprächen und Verhandlungen mit Israel veränderten die Atmosphäre zwischen den beiden Ländern grundlegend. Der ägyptische Präsident hatte durch seinen persönlichen Mut, durch seine Noblesse und sein staatsmännisches Auftreten einen tiefen Eindruck in der israelischen Öffentlichkeit, aber auch bei der Presse und selbst bei zahlreichen Politikern hinterlassen.<BR /><BR />Hoffnungen auf einen schnellen Friedensvertrag erfüllten sich dann aber nicht. Die Verhandlungen waren schwierig, zumal Begin seine Position in einem Punkt noch einmal ganz deutlich formulierte. Am 28. Dezember 1977 erklärte er in der Knesset: <i>„Israel hält an seinem Recht und an seinem Anspruch auf Souveränität über Judäa, Samaria [so nannte er die Westbank] und Gaza fest. Da Israel weiß, dass andere Ansprüche existieren, schlägt es im Interesse einer Einigung und des Friedens vor, die Frage der Souveränität über diese Gebiete offenzulassen.“</i><BR /><BR />In den Wochen nach dem Sadat-Besuch wurde offenbar, dass die ägyptische Einschätzung des Nahostkonflikts verschieden war von jener Israels und dass sich daher auch die Erwartungen, die Kairo in die nach diesem Besuch begonnenen Verhandlungen setzte, von jenen Israels unterschieden. Bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel sollte es noch bis März 1979 dauern. Zweieinhalb Jahre später wurde Sadat von einem fanatischen Muslim ermordet.Zur Person: Rolf Steininger war langjähriger Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck. www.rolfsteininger.at auf YouTube unter Rolf SteiningerBuchtipp: Rolf Steininger, Die USA, Israel und der Nahe Osten. Von 1945 bis zur Gegen- wart, Reinbek 2022, 447 SeitenBestellen: www.athesiabuch.it<BR /><BR /><BR /><BR />