Vorbereitung ist unerlässlich für jedwede sportliche Aktivität. Sowohl körperlich als auch gedanklich ist es wichtig, sich mit den geplanten Herausforderungen intensiv zu beschäftigen. Ich habe das natürlich, so gut es eben geht, berücksichtigt, als die Idee Gestalt annahm, in Südtirol eine halb frühlingshafte und doch noch winterlich geprägte Wanderung zu unternehmen. Ich lebe ja in einem Land, das keine so schönen Berge hat wie eben Südtirol. Und schon gar nicht so viele. Auch nicht so viele Hotels und schon gar nicht diese ungeheure Anzahl an Wellnessanlagen mit Saunen in allen gewünschten Temperaturzonen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1021998_image" /></div> <BR /> Auch wenn mein freiwillig gewählter Lebensmittelpunkt südöstlich von Italien liegt mit immerhin direkter Grenze, so ist es halt doch eine kleine Reise, die da vor mir lag. Das Wetter war zudem ein kleines Problem. Eine gewaltige Temperaturveränderung deutete sich an. Also nichts wie los. Richtig früh natürlich. Die Gemeinde Welsberg war mein Ziel. Gut erreichbar und mit genau den richtigen Bergen für diese Jahreszeit. Natürlich auch für später. Der Lutterkopf, der Durakopf und das Rudlhorn standen auf der Agenda. Alles nette Zweitausender und mit etwas Glück offenbaren sie eine geniale Rundumsicht auf die Dolomitengipfel im Süden und die Rieserfernergruppe im Norden. <BR /><BR />Und weil man ja nie weiß, was auf einen zukommt in den Bergen, habe ich sogar Schuhe mitgenommen, die schon den Ortler gespürt haben. Sicher ist sicher. Rucksack gut gepackt mit Ersatzhemd und Handschuhen. Und einem Stück Salami. Die gibt es auch in ähnlich guter Qualität wie in Südtirol am Ausgangsort meines Kurzurlaubes. Soweit alles klar. Und sprachlich, so dachte ich, sollte es grundsätzlich ja auch problemlos sein bei eventuell aufkommenden Fragen nach der Strecke, wenn ich jemanden treffen sollte. <BR /><h3> Sonntag oder Feiertag?</h3>Ich hatte allerdings den Einfallsreichtum und die Phantasie der örtlichen Gemeinde gewaltig unterschätzt. Am Parkplatz, also unserem Basislager, wartete geduldig und scheinbar unberührt von allen Anfeindungen und Anfechtungen ein Schild aus dem Regal „Schildbürgerstreich“. Immerhin in zwei Sprachen und einer davon war ich mächtig. Meine Begleitung beherrscht auch die zweite Sprache perfekt. Und doch standen wir dann da, bevor es losging, wie der berühmte Ochs vor dem Berg. Stillstand statt Bewegung. Es war ein Parkhinweis, der den Aufstieg verzögerte, denn als Besucher will ich ja vor allem eines: Keine Probleme bekommen und auch keine machen. Und als Tourist ist mir natürlich klar, dass die Gemeinde mit mir Einnahmen generieren will. Erst einmal musste die Frage geklärt werden, in welchem Monat wir uns befinden. April. „Der kostet nichts, steht oben geschrieben“; sagte ich. Durchaus etwas erleichtert natürlich. <BR /><BR />Und ich merkte noch an, dass es auch noch nicht acht Uhr sei, folglich sei man zu früh dran zwecks Bezahlung. Und grundsätzlich würde man wohl nur acht Monate im Jahr zur Kasse gebeten werden. Dann aber täglich, das konnten wir noch entziffern. Also alles klar? Eben nicht, wie mir bedeutet wurde, denn ein augenscheinlich sehr korrekter Angestellter der Gemeinde, auf deren Grund wohl der Parkplatz eingerichtet wurde, hat möglicherweise seine Dissertation über die Vielfalt einer Beschilderung für eben das Parkieren eines Autos geschrieben.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1022001_image" /></div> <BR /> Da werden jetzt also im unteren Abschnitt die noch ausstehenden Monate behandelt. Es bleiben noch vier übrig. April und Mai sowie Oktober und November. Nett natürlich, dass man nicht das ganze Jahr über erleichtert wird. Doch dann werde ich darauf hingewiesen, dass da noch steht: „Feiertage“. Also doch. Ich versuche zu beruhigen. „Nein, heute ist Sonntag und Sonntag ist kein Feiertag.“ Zumindest nicht in meinem Sprachgebrauch. Ein Feiertag war bei uns etwa Kirchweih. Da machte die Bank im Dorf zu, hatte der Lebensmittelladen geschlossen und auch der Kindergarten war an diesem Tag verwaist. Alle zogen nämlich mit Gewehren und Trompeten, Trommeln und Klarinetten im feinsten Zwirn, also in der Tracht, hinauf zur Dorfkirche. Ob anderswo gearbeitet wurde oder nicht, war uninteressant. Kirchweih war der höchste Feiertag. „Es könnte aber“, vernahm ich leisen Widerspruch“, es könnte aber sein, dass hier der Sonntag als Feiertag zählt.“ Dann, so das Ergebnis angestrengter Überlegungen, müssten wir löhnen. Ich war natürlich dagegen. „Es ist Sonntag, kein Feiertag.“ Es loderte ein wenig. Kein Streit, aber doch unterschiedliche Interpretationen der Hinweise auf der Tafel, sorgten für Wortgefechte. <BR /><h3> Was bitte sind Vorferien?</h3><BR />Noch waren wir keinen Schritt gegangen und es stand zu befürchten, dass mindestens einer der drei Gipfel der Parkplatzdiskussion zum Opfer fallen würde. Denn es war noch eine Sache höchster Dringlichkeit zu klären. „Vorferien“. Auf italienisch stand es auch da. „Festivi e Prefestivi“. Lieber Herr im Himmel? Liebe Berggeister? Was sind denn bitte Vorferien? Ich erhob das Wort: „Das sind die Ferien vor den Ferien. Das ist ja wohl klar. Geht aus dem Wort hervor. Vorferien. Und die sind praktisch immer.“ <BR /><BR />Daraus zog ich persönlich den Schluss, dass wir also das Auto definitiv stehen lassen können ohne zu bezahlen und vor allem ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Die begleitende Damenriege, das spürte ich dank meines einfühlsamen Wesens, fühlte sich nicht wohl dabei. „Und wenn wir dann einen Strafzettel bekommen“, wurde ich gefragt. Meine Antwort war klar und deutlich. Sie musste so sein, weil langsam die Salami im Rucksack weich wurde. „Die Kontrolleure arbeiten sicher nicht an einem Sonntag oder Feiertag und vor allem bestimmt nicht in den Vorferien“, sagte ich, so selbstsicher wie irgend möglich. Ich wollte schließlich in meinen Vorferien wenigstens noch auf den Lutterkopf. <BR /><BR />Und weil es sich mit Ungewissheit und gar schlechtem Gewissen nicht gut gehen lässt, lösten wir um 06.50 Uhr ein Ticket für vier Euro. An einem April, einem Sonntag, der vielleicht ein Feiertag ist, mitten in den Vorferien, stand also ein PKW mit ausländischen Kennzeichen auf einem italienischen Parkplatz. Unbewacht natürlich, denn man bezahlt ja lediglich dafür, dass man den Platz benötigt. Wir waren übrigens auf allen drei Gipfeln. Es war meine schönste Wanderung in den Vorferien und wir legten auch keine Pause ein. Die Hütte hatte zu. Ferien. Einfache Ferien. <BR /><BR /><BR /><BR /><i><h3> Zum Autor: Sigi Heinrich</h3>Der vielfach ausgezeichnete Sportjournalist (u.a. Gewinner des Deutschen Fernsehpreises und des Bayerischen Sportpreises), Buchautor, langjähriger Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Kommentator der ersten Stunde bei Eurosport (seit 1989) widmet sich in seiner Kolumne „Sigi´s Spitzen“ der gesamten Vielfalt des Sports und wildert gerne auch in fremden Gefilden. Mal mit schmunzelndem Augenzwinkern, mal nachdenklich oder auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle etwas dabei sein.</i><BR />