Wir schreiben das Jahr 1212. Etwas mehr als 30 Jahre nach der Gründung der Städte Bozen und Innsbruck nennt eine Urkunde die älteste Tiroler Alm, die heute noch steht. <BR /><BR />Die Rede ist von der Jagdhausalm im Arvental, dem hintersten Teil des Osttiroler Defereggentals, die aus 16 Steinhäusern und einer Kapelle besteht. Doch nie in seiner Geschichte wurde dieses Gebiet vom Defereggental aus bewirtschaftet, sondern immer schon aus dem Tauferer Tal. Obwohl ein 2288 Meter hoher Pass dazwischen liegt. Und zwar aus dem zu Sand in Taufers gehörenden Dorf Rein, das auf der Route über das Klammljoch viel näher an der Alm liegt als die Orte auf Osttiroler Seite.<h3> Nur mit Reisepass auf die eigene Alm</h3>Das Arvental, das Schwarzachtal und die Jagdhausalm auf österreichischem Gebiet werden noch heute aufgrund jahrhundertealter Weiderechte von Südtiroler Bauern, eine Agrargemeinschaft mit 15 Mitgliedern, bewirtschaftet. Seit dem Inkrafttreten des Vertrags von Saint-Germain nach dem ersten Weltkrieg im Jahr 1920 verläuft über das 2288 Meter hohe Klammljoch die Grenze zwischen Italien und Österreich. <BR /><BR />Und die Tauferer Bauern benötigten plötzlich einen Reisepass, um auf ihre Alm zu kommen. Vor allem bis zum Beitritt Österreichs zur EU 1995, das Grenzübertritte zum Gründungsmitglied Italien erleichterte.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="949930_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Hintergrund für diese skurrile Situation ist, dass das Defereggental ursprünglich aus dem Antholzer Tal über den Staller Sattel und aus dem Tauferer Tal über das Klammljoch besiedelt wurde. Also nicht talauf- sondern talabwärts. Deshalb halten noch heute die Südtiroler Bauern, über viele Generationen vererbt, die Weiderechte und auch das Grundeigentum rund um die Jagdhausalm. <BR /><BR />Bis zur Teilung Tirols war aufgrund dieser besonderen örtlichen Situation deshalb auch das Gericht Taufers für das Gebiet zuständig. Nicht das Gericht Matrei in Osttirol, das wenn man auf eine Landkarte blickt, als logischere Variante erscheinen würde. Doch Landkarten spiegeln eben nicht immer historische Entwicklungen wie diese wider.<h3> Die höchste Siedlung der Ostalpen</h3>In den Anfängen standen 6 Häuser auf der Jagdhausalm und diese wurden trotz der extremen Höhenlage sogar ganzjährig durch Siedler aus dem Tauferer Tal bewohnt. Das Leben im Winter auf 2009 Metern Höhe muss vor mehr als 800 Jahren unvorstellbar hart gewesen sein. 1406, als die gerade beginnende mittelalterliche Eiszeit das Klima in den Bergen noch unwirtlicher machte, wurde die Dauersiedlung aufgegeben. Die Jagdhausalm wurde zur reinen Sommer-Alm. <BR /><BR />Zum Vergleich: Eine der höchstgelegenen Dauersiedlungen der heutigen Zeit in den Alpen liegt ebenfalls in der Region Tirol. Nämlich das Südtiroler Rojen, ein Weiler der Gemeinde Graun im Vinschgau, der sich im gleichnamigen Tal befindet. Rojen entstand wahrscheinlich in der gleichen Zeit wie die Siedlung Jagdhausalm am anderen Ende des Landes (1296 erstmals urkundlich erwähnt). Rojen liegt jedoch fast exakt 100 Höhenmeter tiefer als die Jagdhausalm.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="949933_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Auf dem Klammljoch, rund 280 Höhenmeter oberhalb der dreieinhalb Kilometer entfernten Alm, belegen 9000 Jahre alte archäologische Funde sowohl eine frühe Begehung des Jochs, als auch die Existenz von Lagerplätzen frühsteinzeitlicher Jäger. Also aus einer Zeit rund 3700 Jahre bevor Ötzi am Hauslabjoch starb.<BR /><BR />Zurück in die Gegenwart: Von der Jagdhausalm wurden im Oktober die letzten der rund 350 Stück Kühe Richtung Tauferer Tal abgetrieben, die dort den Sommer verbracht haben. Im Wesentlichen Jungvieh, dazu noch ca. 80 Schafe. Vor 60 Jahren waren noch über 40 Senner mit 100 Milchkühen, rund 500 Schafen und 100 Schweinen auf der Alm anzutreffen. Die Milch wurde vor Ort zu Butter und Käse verarbeitet. Senner waren dann aber immer schwerer zu finden und die Produktion vor Ort wurde in den 1970er-Jahren aufgegeben. Jedoch nie die Weiderechte.<BR /><BR /><BR /><BR />