Die Hände sind schweißnass, die Füße zittern, das Herz schlägt rasend, Übelkeit steigt auf, Hilflosigkeit macht sich breit. Der Blick in die Tiefe löst To<?TrVer> desängste aus. Höhenangst, Akrophobie genannt, ist in der Bevölkerung weitverbreitet <I>(laut internationalen Statistiken haben rund 20 Prozent der europäischen Bevölkerung Angst vor Höhe)</I>. Ernst genommen werde die Angststörung aber sel<?TrVer> ten, weder von Außenstehenden, noch von Betroffenen, glaubt Anita Sanin (25). <BR /><BR /><h3> Kein „Augen zu und durch!“</h3>Als die gelernte Altenpflegerin vor etwa vier Jahren ihre Passion fürs Klettern und Hochtourengehen entdeckte, fiel ihr erstmals auf: „Auch ich habe große Angst vor der Höhe und dem Blick in die Tiefe.“ Sie hätte die Berge fortan einfach meiden können. Tat es aber nicht. Denn zu Hause war sie gedanklich immer auf den unterschiedlichen Felsen und Gletschern unterwegs. Also begann sie, erste Gipfel zu erklimmen und sich diesem Missverhältnis zu stellen. Immer mit im Gepäck: die Angst. Diese äußerte sich – neben körperlichen Symptomen wie nassen Händen – hauptsächlich durch negative Gedanken und Wut auf sich selbst: Warum muss sie vor dem, was sie so gerne macht, Angst haben? Einige Male kam es vor, dass die junge Frau kurz vor dem Ziel umdrehte.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="977455_image" /></div> <BR />Sich gewaltvoll der Angst zu stellen, kam für sie nämlich nicht in Frage: „Ich wollte mich nicht zu etwas zwingen. Und ich wollte mir nicht ständig einreden müssen: ‚Augen zu und durch!‘ oder ‚Du musst das schaffen!‘.“ Für sie wäre das ein steter Kampf gewesen. Ein Kampf, bei dem ihr Gegner nicht der Berg oder der Abgrund gewesen wäre, sondern sie selbst: „Und das hätte gar nichts gebracht. Denn Höhenangst kann man nicht ‚bekämpfen‘“, weiß sie heute. <h3> Ohne Angst kein Mut</h3>Anita Sanin entschloss, sich ins Thema einzulesen. Dabei stieß sie auf den Begriff „Desensibilisierung“: „Darunter versteht man ei<?TrVer> ne Konfrontation mit der anhaltenden Angst in kleinen Schritten und mit einer moderaten Steigerung der Dosis. Der Körper gewöhnt sich an den Reiz und ‚lernt‘, dass er nicht wirklich in Gefahr ist“, erklärt sie. Es gehe darum, die Angst in kleinen Schritten auszuhalten, bis sie nachlässt. Nur so lerne das Gehirn, nicht mehr mit überschießendem Stress zu reagieren. <BR /><BR />Diese konkrete Auseinandersetzung mit der Angst (die übrigens auch in der kognitiven Verhaltenstherapie angewandt wird) und weitere Maßnahmen, zum Beispiel Übungssituationen zu Hause (etwa das langsame Auf- und Absteigen an einer Leiter), halfen Ani<?TrVer> ta Sanin dabei, ihre Ängste langsam zu stabilisieren.<BR /><BR /><h3> Geteiltes Gipfelglück</h3>Die schönsten Bergtouren sind für die Kurtinigerin trotzdem jene, die sie herausfordern. „In Situationen, in denen eine bewusste Konfrontation mit Ängsten und extremer Anstrengung stattfindet, lernt man sich und seine Grenzen am besten kennen“, sagt sie. Am Berggipfel seien für sie Freud und Leid dann keine Gegensätze mehr, vielmehr ergänzten sie sich gegenseitig: „Das Gefühl, ganz oben zu sein, die Schwierigkeiten überwunden zu haben und um sich herum grenzenlose Freiheit zu spüren, erfüllt mich“, erzählt Anita Sanin.<BR /><BR />An dieser Erfüllung lässt sie viele Menschen auf ihrem Instagram-Profil „berg_gitsch“ teilhaben. Dort postet sie Schnappschüsse ihrer Bergtouren auf den Ortler <?Uni SchriftWeite="94ru"> (3905 m), den Mont Blanc (4806 m)<?_Uni> oder den Monte Rosa (4634 m). Damit möchte sie andere Menschen inspirieren und ihnen Mut machen. Mittlerweile schreiben sie auf Instagram auch immer mal wieder Leute an und fragen nach Informationen zu den einzelnen <?Uni SchriftWeite="96ru"> Touren. Auskunft kann Anita Sanin<?_Uni> ganz detailliert geben, denn vor jeder Tour informiert sie sich lange und genau über die einzelnen Strecken und Klettersteige. Auch das schenkt ihr und ihrer Höhenangst Sicherheit. Anitas größter <?Uni SchriftWeite="93ru"> Rückhalt aber ist ihr Freund Florian,<?_Uni> der ihr stets Energie und Kraft ge<?TrVer> be, sie motiviere und ihr vor al<?TrVer> lem viel Ruhe in Angstsituationen vermittle.<BR /><BR />Heute weiß die 25-Jährige: Ganz weglegen werde sie ihre Höhenangst wohl nie können – und sicherlich werde sie im Gegensatz zu anderen auch nicht alle Gipfel erreichen. „Das muss ich aber auch nicht, denn die Ziele, die ich trotz oder vielleicht gerade dank meiner Ängste erreiche, sind für mich persönlich von unbeschreiblichem Wert“, sagt sie. <BR /><BR />Eines, das möchte Anita Sanin dann noch allen Menschen mit Höhenangst mit auf den Weg geben: „Der richtige Moment, weiterzugehen, ist erst dann, wenn man selbst davon überzeugt ist.“