Donnerstag, 23. April 2015

Selbstwertgefühl stärken!

Gleichwürdigkeit – ein wichtiger Wert im erzieherischen Alltag im Südtiroler Kinderdorf

Eltern stellen oft die Frage, wie sie das Selbstwertgefühl der Kinder fördern können. Entscheidend ist, dass man Kindern gleichwürdig begegnet.

Gleichwürdig heißt, dass die Wünsche, Bedürfnisse, Grenzen und Gedanken eines jeden Familienmitgliedes gleich wahr und ernst genommen werden.

Die Wut

Der kleine Tom stapft in die Küche. Wütend pfeffert er die Schultasche in eine Ecke und schimpft über seine Lehrerin. Seine Mutter ist beim Kochen und weist ihn harsch zurecht: „Ich hab dir schon 1.000 Mal gesagt du sollst deine Schultasche in dein Zimmer tragen! Kannst du dir das nicht merken? Und überhaupt hör auf hier so rum zu brüllen! Du bist ja nicht auszuhalten! Wirst schon was angestellt haben, wenn dir die Lehrerin eine Strafe gibt.“

Diese Reaktion der Mutter ist voller Kritik und Abwertung. Sie nimmt Tom mit seinen Gefühlen nicht ernst. Hier bleibt Tom einsam, denn er wird mit seinen Gefühlen nicht gesehen. Er fühlt sich auch noch schuldig und falsch für das was in ihm vorgeht.

Wie kann die Mutter gleichwürdig reagieren? 

„Hallo Tom! Huch, du bist ja ganz außer dir! Was hat dich denn so wütend gemacht?“ Tom antwortet: „Die Lehrerin ist so gemein. Sie hat mir eine Strafe verpasst.“ „Dann erzähl mal was passiert ist“, interessiert sich die Mutter. Tom erzählt. „Hm, also das mit der Strafe ist wirklich unangenehm für dich. Aber ich kann deine Lehrerin verstehen. Für sie war diese Situation sicherlich schwierig. Was denkst du darüber?“ Tom kann jetzt darüber sprechen wie er die Situation sieht. „Also, das war kein guter Tag für dich, aber auch nicht für deine Lehrerin. Jetzt möchte ich, dass du deine Schultasche in dein Zimmer bringst. Dann können wir essen“, so die Mutter.

Im diesem Wortwechsel nimmt die Mutter Toms Gefühle wahr  und ernst. Sie interessiert sich für seine Sicht der Dinge. So bleibt Tom mit seinen Gefühlen nicht allein. Er fühlt sich gesehen in seiner Not. Gleichzeitig nimmt die Mutter sich selbst ernst und bittet ihn, nachdem er wieder ruhig geworden ist, die Schultasche zu verräumen.

Gleichwürdig heißt, dass niemand für das, was er fühlt und denkt gekränkt, kritisiert,  gedemütigt oder lächerlich gemach wird. Dieses wahr und ernst nehmen, stillt das tiefe menschliche Bedürfnis gesehen und gehört zu werden. Das stärkt das Selbstwertgefühl.

Mit jeder Kritik, jeder Zurechtweisung und jeder Respektlosigkeit fühlen sich Kinder falsch und schuldig.

Im erzieherischen Alltag im Kinderdorf ergeben sich vielfältige Situationen, in denen die Erzieher/innen gefordert sind einen gleichwürdigen Umgang zu üben. Wenn Kinder oder Jugendliche „schwierig“ sind, geht es nicht darum sie zu kritisieren oder zurechtzuweisen, geschweige denn Drohungen auszusprechen. Es geht darum mit dem Betreuten in Dialog zu gehen und genau hinzuhören, was in ihm vorgeht, was ihn belastet.   Dadurch lernen die Kinder und Jugendlichen, dass sie auch über unangenehme Gefühle und Situationen sprechen können und darin ernst genommen werden.

Südtiroler Kinderdorf - FACTS

engagiert, motiviert und gut verwaltet

Das Südtiroler Kinderdorf Genossenschaft Onlus wurde 1955 gegründet. Das Kinderdorf betreut im Jahr an die 400 Kinder, Jugendliche und deren Eltern in schwierigen Lebenssituationen. Die Betreuung erfolgt:

- stationär in den vier familiären Wohngruppen (Kinder von 1-12 Jahren) und in vier sozialpädagogischen Jugendwohngemeinschaften (Jugendliche von 12-21 Jahren) .
  Im Haus Rainegg gibt es sieben Plätze für alleinerziehende Mütter, die dort betreut werden.
- ambulant in der aufsuchenden Familienarbeit (frühe Hilfen, Besuchsbegleitung, aufsuchende Familienarbeit)
- therapeutisch im Therapie Center

stol