Freitag, 24. Juni 2016

Südtirolerin in London: "Bin schockiert"

Der Brexit geht ganz Europa etwas an, nicht nur wirtschaftlich, sondern oft auch persönlich. So wie im Fall von Julia Kustatscher. Die 26-Jährige aus Auer lebt und arbeitet seit einigen Jahren in London. Für sie ist der Brexit vor allem eines: schockierend.

Muss die europäische Flagge dem Union Jack weichen? Julia Kustatscher aus Auer hat die Abstimmung zum Brexit in London miterlebt. Sie lebt seit 2,5 Jahren dort.
Muss die europäische Flagge dem Union Jack weichen? Julia Kustatscher aus Auer hat die Abstimmung zum Brexit in London miterlebt. Sie lebt seit 2,5 Jahren dort. - Foto: © APA

Vor 2,5 Jahren zog Julia Kustatscher in die britische Hauptstadt, um ihren Master in Musik an der Kingston University zu absolvieren. Nach dem Abschluss zog es sie nicht zurück über den Ärmelkanal. Seither unterrichtet sie Klavier.

Die Entscheidung der Mehrheit der Briten, aus der EU auszusteigen, hat sie sehr überrascht.

STOL: Wie haben Sie die Abstimmung erlebt?

Julia Kustatscher: Ich habe gestern Abend die Stimmungen nach der Wahl noch etwas mitverfolgt, dann wurde es mir aber zu spät. Als ich zu Bett ging, waren die Chancen noch 50/50. Heute morgen war ich völlig überrascht - und nicht nur ich. Dieses Ergebnis hat sich hier in London wirklich niemand erwartet. Die Stimmung ging eigentlich eher in die andere Richtung: Jeder dachte, es sei fix, dass wir in der EU bleiben. Da merkt man den Unterschied: London ist eine Großstadt, wir sind hier sehr multikulturell. Es leben zahlreiche Festland-Europäer und Bürger aus anderen Ländern hier, weshalb die Stimmung eine ganz andere ist als in den ländlichen Gegenden. Das hat man auch in den Wahlergebnissen gesehen: In London hat die Mehrheit für den Verbleib gestimmt, am Land war es umgekehrt.

STOL: Wie haben Sie die Wahlkampagnen im Vorfeld empfunden?

Kustatscher: Mein persönlicher Eindruck war, dass vor allem die Brexit-Seite ihre Einstellungen und Pläne lediglich auf purer Theorie gebaut hatte. Sie wollten einfach eine Unabhängigkeit für Großbritannien, aber konnten nie konkrete Vorschläge geben, wie sie das Ganze umsetzen wollen. Das Hauptthema ihrer Kampagne war die Immigration, und für mich war es schockierend, wie viele sie damit überzeugen konnten.

STOL: Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Kustatscher: Das ist derzeit schwer zu sagen, denn: Niemand weiß, wie es weiter geht. Immerhin war das jetzt "nur" das Referendum, das heißt ja eigentlich noch gar nicht, dass es umgesetzt werden muss. Zudem sind wir hier in Großbritannien auch noch führungslos, jetzt, wo der Premierminister zurückgetreten ist. David Cameron hatte zuvor erklärt, es würde sich in der ersten Zeit für Europäer, die in Großbritannien arbeiten, nichts ändern. Aber natürlich macht man sich Gedanken: Werde ich künftig ein Arbeitsvisum brauchen? Bekomme ich überhaupt eines? Ehrlich gesagt fühlt man sich jetzt nach dem Votum als EU-Bürger etwas verstoßen von den Briten.

STOL: Was sagen denn die Menschen in Ihrer Umgebung?

Kustatscher: Mein direktes Umfeld war ganz klar für den Verbleib in der EU. Die Statistiken hatten gezeigt, dass sich vor allem die jungen Menschen für den Verbleib ausgesprochen hatten, während die älteren für einen Austritt plädiert haben. Besonders hoch war der Brexit-Anteil bei den über 65-Jährigen. Die Jüngeren sind alle vor den Kopf gestoßen - die meisten schämen sich derzeit, Engländer zu sein. Besonders krass finde ich, wie sehr der Brexit die Generationen gespalten hat - sogar ganze Familien. 

STOL: Apropos Familie: Was sagen Ihre Eltern?

Kustatscher: Sie hätten es sich auch nicht erwartet, aber sie können sich auch nicht vorstellen, was mich jetzt erwartet. Das weiß derzeit niemand. Meiner Meinung nicht einmal die, die für den Brexit Kampagnen geführt haben. Es ist einfach lächerlich und ich bin überzeugt, dass sich die Brexit-Befürworter selbst nicht gedacht hätten, die Abstimmung jemals zu gewinnen. Außerdem frage ich mich, was das Ganze nun für die Engländer bedeutet, die in Europa arbeiten. Für sie wird es jetzt wohl auch nicht einfach.

Interview: Elisabeth Turker

stol