Samstag, 16. Juli 2016

Türkei: Putsch wohl gescheitert - Mindestens 90 Tote

In der Türkei ist ein Putschversuch von Streitkräften gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nach Angaben der Regierung abgewendet worden. Die Situation sei weitgehend unter Kontrolle, sagte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim am frühen Morgen.

Der Putsch in der Türkei soll niedergeschlagen worden sein. Auch weil zahlreiche Menschen zu Proteste gegen die aufbegehrenden Militärs auf die Straße gingen.
Der Putsch in der Türkei soll niedergeschlagen worden sein. Auch weil zahlreiche Menschen zu Proteste gegen die aufbegehrenden Militärs auf die Straße gingen. - Foto: © APA/AFP

Rund 1600 Putschisten seien, Stand Samstagvormittag, festgenommen worden. Mindestens 90 Menschen, darunter mindestens 6 Zivilisten, haben laut Medien- und Regierungsberichten ihr Leben verloren. 1154 weitere Menschen seien verletzt worden, meldete die türkische Presseagentur Anadolu am Samstag.

Zerstörung und Chaos in Ankara und Istanbul

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Die am Putsch beteiligten Militärkräfte hatten in der Nacht auf Samstag unter anderem das Feuer auf Zivilisten und Polizeikräfte eröffnet (zu sehen im YouTube-Video unten). Kampfflugzeuge sollen Bomben abgeworfen haben. Ein Kampfhubschrauber wurde abgeschossen. Auch im Morgengrauen waren in Istanbul noch Schüsse und Explosionen zu hören.

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Staatspräsident Erdogan sagte, bei den Putschisten handele es sich um eine Minderheit in den Streitkräften.

Der putschende Teil des türkischen Militärs richtete in Ankara und Istanbul große Schäden an. - Foto: apa/afp

Soldaten ergeben sich

Wie mehrere Medien berichten sollen sich viele der putschenden Militäreinheiten inzwischen ergeben haben. Der TV-Sender "CNN Türk" etwa zeigt Bilder von Soldaten die sich auf den vormals besetzten Bosporus-Brücken den Sicherheitskräften stellen.

Erdogan landet sicher in Istanbul

Präsident Erdogan, der sich im Urlaub im Bedeort Marmari an der Mittelmeerküste befunden haben soll, landete in der Nacht auf Samstag auf dem Istanbuler Flughafen und wurde von hunderten jubelnden Unterstützern begrüßt.

Während des Putsches hatte es Berichte gegeben, Erdogan sei auf dem Weg nach Deutschland, um dort um Asyl anzusuchen. Noch während seines Anfluges hatte der Staatschef dem Fernsehsender CNN Türk ein Interview gegeben, in dem er zu Protesten gegen die Putschisten aufrief.

Staatschef will Armee "säberun"

Erdogan kündigte nach seiner Ankunft ein hartes Vorgehen gegen die Aufständischen an. Er wolle die Armee „säubern“, sagte er. Die an dem Aufstand Beteiligten würden die nötige Antwort erhalten werden, unabhängig davon, aus welchen Institutionen sie stammten.

Einige Militärs hätten Anweisungen aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania erhalten, sagte Erdogan mit Blick auf den Wohnort seines Widersachers Fethullah Gülen. Allerdings distanzierte sich die Gülen-Bewegung von dem Putsch. „Wir verurteilen jede militärische Intervention in die Innenpolitik der Türkei“, teilte die Bewegung mit.

EU steht hinder demokratisch gewählter Regierung

Die Europäische Union steht indes voll hinter der demokratisch gewählten Regierung in der Türkei. „Wir rufen zu einer schnellen Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung auf“, hieß es am Rande des Asien-Europa-Gipfels in Ulan Bator in einer gemeinsamen Erklärung von EU-Ratspräsident Donald Tusk, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini im Namen aller 28 EU-Staaten.

„Die Türkei ist ein wichtiger Partner der EU“, erklärten sie weiter. Die EU unterstützt voll die demokratisch gewählte Regierung.

Obama ruft zu Vermeidung von Gewalt auf 

Auch US-Präsident Barack Obama hat angesichts des Putschversuches in der Türkei alle Parteien dazu aufgerufen, die demokratisch gewählte Regierung des Landes zu unterstützen. Gewalt und Blutvergießen müssten vermieden werden, hieß es in einer Mitteilung des Weißen Hauses.

Obama hatte zuvor mit seinem Außenminister John Kerry telefoniert, der sich derzeit in Moskau aufhält und via Twitter auch bereits ein Statement veröffentlicht hatte.

Auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon verurteilte den Putsch in einer ersten Stellungnahme aufs Schärfste.

dpa/apa/afp/reuters/stol

stol