Donnerstag, 05. Juli 2018

Vergiftetes Paar in England wohl nicht Opfer eines Anschlags

Das mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftete Paar aus Südengland ist vermutlich nicht Opfer eines gezielten Anschlags geworden. Das berichtete der britische Sicherheitsstaatssekretär Ben Wallace am Donnerstag dem Sender BBC. Experten halten es für möglich, dass der Mann und die Frau mit einem kontaminierten Gegenstand in Kontakt kamen, der beim Anschlag auf die Skripals genutzt worden war.

Ein kontaminierter Gegenstand könnte der Auslöser sein.- Foto: APA/AFP
Ein kontaminierter Gegenstand könnte der Auslöser sein.- Foto: APA/AFP

Der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal (67) und seine Tochter Julia (33) waren vor vier Monaten bewusstlos auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury entdeckt worden. Nach langem Koma und Therapie leben sie inzwischen an einem geheimen Ort.

„Das damals verwendete Nowitschok war sehr rein - und das erhöht die Lagerfähigkeit“, sagte der Chemiewaffenexperte Ralf Trapp. Die bei den Skripals verwendete Substanz war Trapp zufolge ein hochgereinigter Kampfstoff aus einem Labor, der noch viele Jahre wirksam sein könnte. Daher sei es durchaus denkbar, dass im neuen Fall das Paar etwa mit Nowitschok-Resten an einem Transportgefäß unabsichtlich in Berührung gekommen sei.

Fakten fehlen

„Bisher ist das aber nur ein Szenario. Es fehlen noch Fakten“, betonte der Toxikologe und Chemiker, der als unabhängiger Berater unter anderem für die Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) und die Vereinten Nationen arbeitete. Für Panik in der südenglischen Region gebe es keinen Grund. Der vor dem Anschlag auf die Skripals verwendete Behälter zur Aufbewahrung des Nervengifts sei bis heute nicht gefunden worden, berichtete unterdessen die Nachrichtenagentur PA unter Verweis auf eine britische Regierungsquelle.

Sicherheitsrat macht Krisensitzung

Das in Lebensgefahr schwebende Paar liegt in derselben Klinik der Stadt Salisbury, in der die Skripals behandelt wurden. Als Reaktion auf den neuen Fall trat der Sicherheitsrat der britischen Regierung, das Cobra-Komitee, am Donnerstag zu einer Krisensitzung zusammen.

Nach den zwei weiteren Vergiftungsfällen flammt auch der Streit zwischen Großbritannien und Russland wieder auf. Die britische Regierung forderte die Regierung in Moskau auf, Details über den Einsatz des Nervengiftes gegen den früheren Doppelagenten Skripal und seine Tochter im März zu übermitteln. Offenbar will sie dadurch klären, ob das am Samstag nahe der Stadt Salisbury, wo die Skripals attackiert wurden, entdeckte vergiftete Paar zufällig mit der Substanz in Berührung kam. Russland hat wiederholt erklärt, nichts mit dem Angriff auf Skripal und seine Tochter Julia zu tun zu haben.

Die russische Botschaft in den Niederlanden schrieb indes auf Twitter, die britische Regierung sei „dumm”, wenn sie glaube, dass Russland während der Fußball-WM einen erneuten Nervengiftangriff starten würde. Der Kreml ließ laut dem russischen Online-Nachrichtenportal „Sputnik” wissen, man habe keine Informationen zu den neuen Vergiftungsfällen, und es sei „schwierig sich auf die Medien zu stützen”. Die britische Polizei hat vorsorglich mindestens fünf verschiedene Zonen abgesperrt, darunter einen Park und ein Grundstück in Salisbury, eine Apotheke und ein Gemeindehaus der Baptisten in Amesbury.

apa/dpa

stol