Sonntag, 10. Dezember 2017

Yücel-Brief aus Haft – Mehr als 200 Künstler fordern Freiheit

Der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel ist seit 300 Tagen in der Türkei inhaftiert. Zum 300. Tag seiner Inhaftierung hat er sich mit einem eindringlichen Brief zu Wort gemeldet.

Seit 300 Tagen ist der Journalist in türkischer Gefangenschaft.
Seit 300 Tagen ist der Journalist in türkischer Gefangenschaft. - Foto: © APA/AFP

In dem Schreiben, das „Die Welt“ am Samstag veröffentlichte, beschreibt der 44-Jährige seinen Alltag in der Haftanstalt Silivri und bedankt sich für die vielen Zuschriften, die ihm ins Gefängnis geschickt werden.

Davon kämen allerdings nur wenige bei ihm an. Offenbar würden aber alle Briefe irgendwo gelagert, schreibt Yücel.

Aufruf #FreeDeniz weiterhin aktiv

Unterdessen forderten mehr als 200 nationale und internationale Künstler und Intellektuelle die Freilassung des deutsch-türkischen Journalisten. Yücel sitzt seit dem 27. Februar in der Haftanstalt westlich von Istanbul in U-Haft. Die Türkei wirft ihm Terrorpropaganda und Volksverhetzung vor.

Wie „Die Welt“ berichtete, folgten unter anderen U2-Sänger Bono sowie die Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk und Elfriede Jelinek einem Aufruf des Freundeskreises #FreeDeniz. Darin heißt es demnach: „Deniz Yücel befindet sich am 10. Dezember seit 300 Tagen in der Türkei in Gefangenschaft – ohne Anklageschrift ist er in einem Hochsicherheitsgefängnis inhaftiert. Diese 300 Tage sind exakt 300 Tage zuviel.“

Nicht mehr in Einzelhaft

Seit etwa einer Woche hat Yücel, dem zuvor jeder Kontakt zu Mitgefangenen verboten war, tagsüber Zugang zu einem 4,40 Meter breiten und 13 Meter langen Gefängnishof, den er sich mit einem ebenfalls inhaftierten türkischen Journalisten teilt. „Natürlich ist es schön, dass es jetzt einen Menschen gibt, mit dem ich mich unterhalten kann“, schreibt Yücel. In seinem Brief, in dem er auf viele Zuschriften persönlich eingeht, bedankt er sich unter anderem für Zuspruch und Unterstützung.

Da er außer an seine Frau Dilek Mayatürk-Yücel, die er im April in Haft geheiratet hatte, keine Briefe versenden dürfe, wolle er mit dem öffentlichen Brief antworten. Einer Schreiberin versichert er: „Das hier ist keine Folterhölle.“ Allerdings gebe es Schikanen, die kalt und steril seien. Er freue sich über Briefe, in denen ihm detailliert von Orten oder über alltägliche Erlebnisse berichtet werde. „Wenn man im Knast sitzt, hat dieser Gedanke nämlich etwas Versöhnendes“, schreibt Yücel. „Das Leben da draußen geht weiter und bleibt sich doch gleich. Ich weiß selber, dass das nicht stimmt. Aber es tröstet.“

Aus seinem Gefängnisalltag berichtet Yücel etwa, dass er den Strom selber bezahlen müsse, der Friseurbesuch aber umsonst sei. Er habe seinen Schnauzbart abrasieren lassen, schaue am liebsten Naturfilme und versuche, seine Zelle mit getrockneten Chilischoten, Dill und Petersilie aufzuhübschen.

Die türkische Regierung hält die lange Untersuchungshaft für gerechtfertigt. Das geht aus einer türkischen Stellungnahme beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hervor, die der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vorliegt. Die Maßnahmen gegen den Journalisten seien „notwendig und angemessen“, heißt es darin.

apa/dpa

stol