<b>STOL: Heute ist der Tag der Frau: Ein Grund zum Feiern?</b><BR />Michela Morandini: Für mich war er das nie. Entstanden ist er als Kampftag für Frauenrechte. Ich plädiere für diese Interpretation. <BR /><BR /><i>Bevor Sie weiterlesen, stimmen Sie ab:</i><BR /><BR /> <div class="embed-box"><div data-pinpoll-id="230698" data-mode="poll"></div></div> <BR /><BR /><BR /><b>STOL: Hat der Kampftag etwas bewirkt?</b><BR />Morandini: Die Frage, ob man einen solchen Aktionstag braucht, die gibt es. Es ist ein Tag, eine von vielen Maßnahmen; eine Form, auf einen Missstand, ein Ungleichgewicht in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Ich sage: Es braucht ihn, er ist wichtig.<BR /><BR /><embed id="dtext86-58594191_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Seit über 100 Jahren wird der Aktionstag begangen: In der Zeit hat sich für die Frauen viel zum Besseren gewandelt. Wird Ihr Job von Jahr zu Jahr leichter?</b><BR />Morandini: Gleichstellung wird in 4 Bereichen gemessen: Bildung, Gesundheit, Arbeit und Politik. Gerade im Bereich Bildung haben wir in Europa einen extremen Schritt nach vorne gemacht. Da ist die Gleichstellung in vielen Bereichen erreicht. Weltweit schaut es freilich anders aus. Im Bereich Gesundheit hat es ebenfalls große Fortschritte gegeben: etwa beim Zugang zu Gesundheitsleistungen oder auch in der Gendermedizin. Was die Partizipation am Arbeitsplatz betrifft, schaut es numerisch in Europa gut aus, in Südtirol liegen wir bei 67 Prozent. Wenn wir aber dann genauer hinsehen, finden wir ein Ungleichgewicht: Es sind die Frauen, die unbezahlte Sorgearbeit machen. Sie haben schlechtere Chancen beim Zugang zum Arbeitsmarkt, arbeiten oft in Teilzeit – mit allen negativen Konsequenzen, etwa für die Rente. In Führungs- und Entscheidungspositionen sind Frauen unterrepräsentiert. Der Gender-Pay-Gap von 17 Prozent ist ein bekanntes Problem. Was den Bereich Politik betrifft, hat der Tag der Frau mit der Erreichung des aktiven Wahlrechts für die Frau eines seiner Ziele erreicht. Schlechter sieht es hingegen mit der politischen Partizipation aus: Frauen sind noch stark unterrepräsentiert. Es bleibt also viel zu tun.<BR /><BR /><b>STOL: Woran liegt’s?</b><BR />Morandini: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Interventionen zur Gleichstellung am Arbeitsplatz müssen auf den Ebenen der Politischen Rahnenbedingungen, auf der Ebene der Unternehmen und in der Familie/Paarbeziehung ansetzen: Gesetze, Normen haben Einfluss auf Gleichstellungen. Unternehmen müssen sich fragen: Wie familienfreundlich ist unser Betrieb? Wie gestalten wir die Einstellungsgespräche? Noch immer werden Bewerberinnen gefragt, wie es mit der Familienplanung aussieht, obwohl der Arbeitgeber das nicht dürfte. Aber auch auf der Ebene der Familie und der Partnerschaft müssen wir uns hinterfragen: Nach welchen Normen leben wir? Was erwarten wir vom anderen? <BR /><BR /><b>STOL: Die Sensibilität für diese Themen ist gestiegen. Gleichzeitig hat man den Eindruck, dass die Stereotypisierung im Kindesalter in den jüngsten Jahrzehnten größer geworden ist: Mädchensachen sind rosa und glitzern, für Buben gibt es Superhelden.</b><BR />Morandini: Marketingstrategisch wirkt das noch immer. Es gibt immer noch sehr viel Hellblau und Rosa. Aber die Gesellschaft passt sich an die Diversität an, die es gibt. Hinter Rosa und Hellblau steckt das binäre System. Dabei ist die öffentliche Diskussion schon weiter. Das fällt vielen negativ auf. Es gibt da kritische Stimmen. Wir denken sehr binär – von Frauen und Männern. Was ist mit Personen, die sich nicht einem der beiden Geschlechter zugehörig fühlen?<BR /><BR /><embed id="dtext86-58594198_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Ist es den Anliegen der Frauen nicht abträglich, wenn das Frau-Sein grundsätzlich in Frage gestellt wird?</b><BR />Morandini: Das ist ein in der Frauenbewegung diskutiertes Thema: Es wird befürchtet, wenn man nicht mehr in diesem binären System denkt, nimmt man dem Kampf für die Rechte der Frau die Stärke. Für mich ist es wichtig, Ungleichgewichte in der Gesellschaft zu erkennen und darauf zu reagieren – wo auch immer diese liegen.<BR /><BR /><b>STOL: Auch, wenn das bedeutet, Sonderrechte von Frauen abzuschaffen? Um ein plakatives Beispiel zu gebrauchen: nach Geschlechtern getrennte Toiletten etwa?</b><BR />Morandini: Dass es die Debatte gibt, sehe ich positiv. Es gibt Bedürfnisse. Ich will mir dazu keine Meinung erlauben. Es geht um die Anerkennung, dass sich jemand nicht in diesen binären Systemen zurechtfindet, sich nicht in ihnen definieren will… Ich denke, es geht darum, das anzuerkennen, und individuelle Lösungen zu finden. Ich sehe als größere Herausforderung, wie man als Gesellschaft damit umgeht: Erkennen wir das dritte Geschlecht an? Was bedeutet das im Alltag? Es ist wichtig, das ernst zu nehmen. Die betroffenen Personengruppen sind jedenfalls in die Diskussion einzubinden.<BR /><BR /><b>STOL: Kommen Sie als Gleichstellungsrätin im Widerstreit der Interessen da manchmal in die Zwickmühle?</b><BR />Morandini: In der Regel nicht. Die Kompetenzbereiche sind genau abgesteckt. In meinen Bereich fällt es, wenn Personen am Arbeitsplatz Mobbing erleben. Unsere Aufgabe als Ombudsstelle ist es, den Bedarf zu erheben, das an die richtigen Stellen weiterzuleiten, Ungleichbehandlung auf individueller Ebene aufzudecken und dann auf dem Weg zur Lösung etwas weiterzubringen.<BR /><BR /><b>STOL: Was wünschen Sie sich zum Tag der Frau?</b><BR />Morandini: Dass wir ihn nicht mehr feiern müssen. Dass es nicht mehr notwendig ist zu erklären, warum wir diesen Tag brauchen. Und: Dass es ihn irgendwann tatsächlich nicht mehr als Kampftag braucht.