Freitag, 23. Juni 2017

Debatte um Impfpflicht in Italien dauert an - UMFRAGE

Anfang Juni hat Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella ein Dekret unterzeichnet, das Eltern verpflichtet, ihre Kinder unter 16 Jahren gegen insgesamt 12 Krankheiten impfen zu lassen. Bei Nichteinhaltung drohen ein Kindergarten- und Schulverbot sowie saftige Geldstrafen. Ein Dekret, das für viel Unmut gesorgt hat.

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Foto: © shutterstock

Während vor allem die öffentlichen Stellen, darunter auch der Südtiroler Sanitätsbetrieb, das Dekret zur Impfpflicht begrüßen, haben zahlreiche Eltern im ganzen Land ihre Sorgen mit dem Schreiben.

Immer wieder wurden Protestmärsche und Demonstrationen veranstaltet, unter anderem auch in Meran, als Staatspräsident Mattarella gemeinsam mit dem österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen zu den Feierlichkeiten von 25 Jahren Streitbeilegung anreiste.

Lorenzin: „Änderungsanträge werden geprüft“

Die meisten Eltern, so wurde immer wieder betont, seien dabei nicht grundsätzlich gegen das Impfen ihrer Kinder: Sie fordern lediglich die Freiheit, selbst zu entscheiden, welche Impfungen an ihrem oft erst einige Monate alten Kind durchgeführt werden.

Es gibt aber auch solche, die generell nichts von Impfungen halten und ihre Kinder bis jetzt in keiner Weise vor Krankheiten wie Masern, Mumps oder Röteln geschützt haben.

Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin hat in den vergangenen Tagen immer wieder betont, dass Abänderungsanträge, auch jene der Südtiroler Parlamentarier, genauestens geprüft und bewertet werden. Der Kampf rund um die Impfpflicht ist also noch nicht beendet.

Die vorgesehenen Pflichtimpfungen: 

  1. Kinderlähmung: Viruserkrankung, wird über Speicheltropfen, Hautkontakt oder Nahrung übertragen. Verursacht Entzündungsreaktionen und Lähmung der Nervenzellen. Trat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch seuchenartig auf, ist dank Impfung beinahe ausgestorben. 
  2. Diphterie: bakterielle Infektionskrankheit, wird über Tröpfcheninfektion, Husten, Niesen und Küssen oder durch verseuchte Gegenstände übertragen. Verursacht Entzündungen im Hals-Nasen-Rachen-Raum. Kann Leber- und Nierenschädigung sowie Herzmuskelschwäche verursachen.
  3. Thetanus (Starrkrampf): Wundinfektion, Erreger lebt im Erdreich und in Tierexkrementen. Wird über Verletzungen der Haut übertragen. Führt zu Lähmungen und Krämpfen der Muskulatur.
  4. Hepatitis B: virusbedingte Leberentzündung, gehört zu den häufigsten Infektionskrankheiten weltweit. Verursacht Durchfall, Kopf- und Gliederschmerzen, Appetitlosigkeit und Gelbsucht, im chronischen Stadium eine Leberzirrhose und kann Lebertumor verursachen.
  5. Keuchhusten: durch Bakterien ausgelöste Infektionskrankheit. Wird über Luft übertragen (Tröpfcheninfektion). Verursacht Hustenanfälle bis zu Atemnot und Atemstillstand.
  6. Haemophilusinfluenzae B: eine der schwersten bakteriellen Infektionen in den ersten fünf Lebensjahren. Äußert sich durch Fieber und Erbrechen. Kann Meningitis, Blutvergiftung und Lungenentzündung verursachen.
  7. Meningokokken B: bakterielle Infektion im Nasen-Rachen-Raum, die Übertragung findet von Mensch zu Mensch statt. Die Erkrankung kann innerhalb weniger Stunden aus voller Gesundheit zum Tod führen. Können Hirnhautentzündung und Blutvergiftung auslösen.
  8. Meningokokken C: bakterielle Infektion im Nasen-Rachen-Raum, Übertragung durch Tröpfcheninfektion. Können Hirnhautentzündung und Blutvergiftung auslösen.
  9. Masern: Virusinfektion, Erkrankung der oberen Luftwege mit rötlichem Hautausschlag. Gefahr einer Lungenentzündung oder einer Gehirnentzündung.
  10. Röteln: Infektionskrankheit, durch Viren übertragen, am häufigsten durch Tröpfcheninfektion. Im Erwachsenenalter verlaufen die Erkrankungen oft schwerer. Besonders gefährlich ist eine Infektion für ungeborene Kinder.
  11. Mumps: Entzündung der Ohrspeicheldrüse mit grippeähnliche Krankheitszeichen. Bei Jugendlichen und Erwachsenen ist das Risiko für Komplikationen größer als bei Kindern.
  12. Windpocken: Virusinfektion, erfolgt über Kontakt (Schmierinfektion), auch über Sprechen, Niesen und Husten (Tröpfcheninfektion). Eine große Ansteckungsgefahr ist auch über die Luft gegeben. Mögliche Komplikationen sind bakterielle Infektionen der Haut, Lungenentzündung, Fehlbildung bei Ungeborenen.

Details aus dem Dekret: 

  • Die Impfungen sind gratis.
  • Die Pflichtimpfungen können nur im Falle einer erwiesenen Gesundheitsgefährdung eingeschränkt oder aufgeschoben werden. Die klinischen Bedingungen werden von Hausarzt oder Kinderarzt dokumentiert. 
  • Werden die Pflichtimpfungen nicht vorgenommen, erwartet die Eltern und Erziehungsberechtigten eine Geldstrafe von 500 bis 7.500 Euro. Die Geldstrafen werden von den Sanitätsbetrieben eingeholt. Die Eltern oder Erziehungsberechtigten werden dem Jugendgericht zur Aussetzung der elterlichen Gewalt gemeldet.
  • Nicht geimpfte Kinder können nicht in einen Kinderhort oder Kindergarten (öffentlich wie privat) eingeschrieben werden. Die Zuständigen der Einrichtung müssen dem zuständigen Sanitätsbetrieb innerhalb fünf Tagen den Namen des Kindes mitteilen, so dass die Verpflichtung zu Impfung erfüllt werden kann. Die Schulen sind dazu verpflichtet, den zuständigen Sanitätsbetrieb über nicht geimpfte Kinder in Kenntnis zu setzen. Nichtmeldung bedeutet Unterlassung von Amtshandlungen. Kinder, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können, müssen in Klassen unterrichtet werden, in denen es keine anderen nicht-geimpften Kinder gibt.  
  • Wenn ein Kind die Krankheit bereits hatte, muss vom zuständigen Arzt ein Attest ausgestellt werden. Er kann auch Bluttests durchführen, um die Bildung von Antikörpern festzustellen.
  • Die fehlenden Impfungen müssen bis Ende nächsten Schuljahres nachgeholt werden.

stol

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