Samstag, 17. April 2021

Der Grüne Pass: Freiheiten und Fairness

Freiheiten für Geimpfte, für Negativ-Getestete und Genesene? Ist der Grüne Corona-Impfpass eine faire Sache? Was Moraltheologe P. Martin Lintner dazu sagt.

Mit dem Grünen Pass in eine neue, freiere Zeit?
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Mit dem Grünen Pass in eine neue, freiere Zeit? - Foto: © shutterstock
Werden jene, die sich noch nicht impfen lassen können, doppelt benachteiligt? Sie müssen weiterhin mit dem Risiko einer Ansteckung leben und eventuell auf manche Freiheiten verzichten – oder sich immer wieder testen lassen, um den Grünen Pass und damit Zugang zu Teilen des öffentlichen Lebens zu bekommen.

P. Martin Lintner: Genau das ist das Problem. Bis zu dem Moment, ab dem alle Zugang zum Schutz durch die Impfung haben, sollten wir warten.


Sie sagen, man müsste noch etwas warten: im Sinne der Gerechtigkeit, aber auch im Sinn der Vorsorge?

P. Lintner: Ja, denn Tests sind zwar effektiv, aber auch trügerisch. Sie sind nämlich eine Momentaufnahme, genaugenommen davon, ob ich vor einigen Tagen infiziert war oder nicht. Durch den Antigentest kann eine Infektion erst nach 3 bis 7 Tagen nachgewiesen werden. Auch schützt ein Test im Unterschied zur Impfung nicht vor einer Infektion*. Von daher bietet er nicht die gleiche Sicherheit. Aber auch jetzt ist es schon so, dass man durch einen Test Möglichkeiten bekommt, die man sonst nicht hätte: Ich selber fahre als Pendler regelmäßig über den Brenner – ohne Test ginge das nicht.

*Richtigstellung von Martin M. Lintner zur Aussage, dass eine Impfung vor einer Infektion schützt:

Eine Impfung schützt zwar nicht vor einer Infektion durch das Coronavirus SARS-CoV-2, jedoch senkt sie die Wahrscheinlichkeit, dass geimpfte Personen nach einer Infektion an Covid-19 erkranken, je nach Impfstoff um 70–95 Prozent. Sollte eine geimpfte Person an Covid-19 erkranken, schützt eine Impfung vor einem schweren Verlauf, der eine Hospitalisierung notwendig machen würde. Ob eine geimpfte, aber infizierte Person andere Personen infizieren kann oder nicht, ist derzeit noch nicht geklärt. Deshalb ist es sinnvoll, dass auch geimpfte Personen sich regelmäßig einem Antigen-Test unterziehen.






Wie bewerten Sie die Impfreihenfolge? Nachdem nun die verletzlichsten Gruppen geimpft sind: Sollten nicht alle Altersgruppen Zugang zur Impfung erhalten?

P. Lintner: Wichtig ist, dass der Zugang zur begrenzten Ressource Impfung, solange die Nachfrage größer ist als das Angebot, nicht willkürlich gestaltet wird und dass es nachvollziehbare Kriterien gibt, wer zu welchem Zeitpunkt die Impfung bekommt. In Italien geht man jetzt nach Altersgruppen vor, in Österreich spielt die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Risikogruppen eine größere Rolle. Entscheidend ist, dass man durchschaubar, transparent vorgeht nach Kriterien, die von der Bevölkerung angenommen und als gerecht empfunden werden, und dass nicht derjenige drankommt, der am lautesten schreit oder bessere Beziehungen hat. Das würde dem Gerechtigkeitsempfinden widersprechen und die Solidarität zwischen den Menschen trüben. Solange das Angebot des Impfstoffs begrenzt ist, halte ich es jedenfalls für sinnvoll, dass man eine transparente Kriteriologie hat, nach der man vorgeht.


Ab wann würden Sie den Zugang allen öffnen?

P. Lintner: Sobald genug Impfstoff für alle Impfwilligen zur Verfügung steht.


Wie sollte die Gesellschaft mit jenen umgehen, die eine Impfung kategorisch ablehnen?

P. Lintner: Das muss die Gesellschaft aushalten. Ich bin gegen eine Impfpflicht, weil ich denke, dass sie ein zu starker Eingriff ins Persönlichkeitsrecht ist. Umgekehrt muss die Gruppe jener, die sich nicht impfen lassen wollen, auch akzeptieren, dass die Gesellschaft ihre Freiheiten dort einschränkt, wo sie dadurch andere gefährden könnten. Das ist ein Abwägungsprozess. Bei den Dingen des alltäglichen Lebens wie Einkaufen, Restaurant-, Kino- oder Theaterbesuch etc. sollten aber keine Einschränkungen erfolgen. Ansonsten sehe ich die Gefahr, dass wir uns so etwas nähern wie einer Zweiklassengesellschaft. Bei der derzeitigen Diskussion habe ich den Eindruck, dass es momentan bei manchem Impfgegner ein ideologischer Kampf ist. In dem Moment, in dem man merkt, dass es die Impfschäden, die man beschwört, in diesem Ausmaß gar nicht gibt, wird sich die Impfskepsis hoffentlich etwas legen. Wenn man etwa die Zahlen der Impfschäden durch AstraZeneca genau ansieht, wird man feststellen, dass deren Wahrscheinlichkeit sehr viel niedriger ist als bei einigen Medikamenten, die man gemeinhin bedenkenlos einnimmt. Jedenfalls liegt die Sterberate deutlich unter dem Risiko, an Covid-19 zu erkranken und zu sterben. Wenn man diese Relationen berücksichtigt, ist die Impfskepsis meines Erachtens unbegründet. Aber man kann nur hoffen, mit Aufklärung dagegenzuwirken; sicher nicht mit Druck.

Mit Südtirols „Corona-Pass“ gibt es ab dem 26. April Zutritt zu Restaurants, Kinos und Theater. Auch Geimpfte und Genesene werden den Pass erhalten. Die Details dazu finden Sie hier.

kn