Samstag, 03. Februar 2018

Dicke Luft in der Bergidylle: Brenner-Gipfel berät zum Alpentransit

Lastwagen, Staus, Blockabfertigung – Alpenidylle sieht anders aus. Die Brenner-Autobahn von Österreich über den Alpenpass nach Italien gilt als eine der meistbefahrenen Alpentransitstrecken Europas – und der Verkehr nimmt weiter zu.

Die Anwohner entlang der Brennerstrecke stöhnen über Lärm und Abgase. Die Belastungsgrenze sei erreicht, heißt es dort.
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Die Anwohner entlang der Brennerstrecke stöhnen über Lärm und Abgase. Die Belastungsgrenze sei erreicht, heißt es dort.

An die 2,25 Millionen Lastwagen ratterten 2017 an der Zählstelle in Schönberg vorbei, acht Prozent mehr als im Vorjahr. Die Anwohner entlang der Strecke stöhnen über Lärm und Abgase. Die Belastungsgrenze sei erreicht, heißt es dort.

Am Montag treffen sich unter Leitung von EU-Koordinator Pat Cox die Verkehrsminister von Deutschland, Österreich und Italien sowie Vertreter von Bayern, Tirol, Südtirol und Trentino in München. Beim Brenner-Gipfel wollen sie gemeinsam Lösungen suchen. Denn zwischen den Ländern sorgt das Thema Transitverkehr immer mehr für dicke Luft. (STOL hat berichtet)

Blockabfertigung Streitthema

Tirols Vorgehen, die eigene Autobahn mit einer Blockabfertigung für Lastwagen an der bayerisch-österreichischen Grenze zu entlasten, sorgte in München und Berlin für harsche Kritik. Nur höchstens 300 Lastwagen pro Stunde dürfen dann einreisen. Denn nach dem feiertäglichen Fahrverbot starten von überfüllten Parkplätzen Tausende Lastwagen Richtung Süden. Doch was Tirol entlastete, traf Bayern. Dort bildeten sich bis zu 30 Kilometer lange Staus.

„Österreich verstößt klar gegen den EU-Grundsatz des freien Warenverkehrs“, kritisierte im Dezember Bundesminister Christian Schmidt (CSU). „Die Lkw-Blockabfertigung muss ein Ende haben.“ Am Montag sitzt Schmidt mit seinen Kollegen aus Österreich und Italien, Norbert Hofer (FPÖ) und Graziano Delrio (PD) am Tisch. Dabei ist auch der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter, der zu Blockabfertigungen bereits klargestellt hat: „Wir werden diesen Weg im Jahr 2018 fortsetzen.“ Platter will auch eine Lkw-Obergrenze von einer Million Lastwagen, weniger als die Hälfte von 2017.

Umweg Brenner

Tirol, Südtirol und Trentino haben schon Mitte Januar in Bozen den Schulterschluss geübt und sich zur sogenannten Korridormaut bekannt. Die Mautgebühren zwischen München und Verona sollen angeglichen – und dabei teils angehoben werden. Wegen der streckenweise günstigen Maut und des billigen Diesels in Österreich wählen manche Spediteure den Brenner, obwohl das ein Umweg ist. Das, so heißt es in Tirol, müsse aufhören.

„Es liegt auf der Hand, dass der Verkehr verlagert werden muss. Die Kapazitätsgrenze ist erreicht“, sagte auch Südtirols Landeshauptmann Arnold Kompatscher. Allerdings sei der Transitverkehr stark mit wirtschaftlichen Interessen verbunden. „Schnellstens“ müsse auch der Verkehr auf die Schiene verlagert werden.

Der Brennerbasistunnel sei mit seinen Zulaufstrecken eine gemeinsame Lösung, in die noch mehr Energie fließen müsse. Auch Bayerns Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU) will mehr Güterverkehr auf die Schiene bringen. Doch der Brennerbasistunnels wird erst 2026 fertig. Und während am Tunnel längst gebaut wird, haben im bayerischen Inntal für den nördlichen Zulauf gerade Probebohrungen begonnen.

Leidtragende sind die Anwohner der Brenner-Autobahn

Leidtragende des Verkehrs bleiben vorerst die Anwohner an der Brenner-Autobahn. „Der Schwerlastverkehr ist zur extremen Belastung für die Bevölkerung geworden“, sagt Karl Mühlsteiger, Bürgermeister der österreichischen Gemeinde Gries am Brenner. Er mutmaßt, dass der Verkehr Mitschuld trägt an neuen Krebsfällen in seiner Gemeinde.

Auch sein Kollege Franz Kompatscher von der Gemeinde Brenner auf Südtiroler Seite, die der Route ihren Namen gab, sagt, es gehe um die Gesundheit der Menschen. „Wir wünschen uns zu allererst weniger Verkehr.“ Es gehe aber auch um eine finanziellen Ausgleich. „Wir profitieren überhaupt nicht. Das ist das Leidwesen.“ Die Maut müsse angehoben und die Gemeinden mit einer Umweltabgabe entschädigt werden – um mit dem Geld etwas für ihre geschundene Bevölkerung zu tun.

Die Bürgermeister von Ebbs, Kiefersfelden, Niederndorf, Oberaudorf und Kufstein im bayerisch-österreichischen Grenzland wendeten sich in einem Schreiben an die Teilnehmer des Brenner-Gipfels, wie lokale Zeitungen berichteten. Die Grenzregion sei vor allem an den Ferien- und Skiwochenenden völlig überlastet. Denn Autofahrer, vor allem auf dem Weg in die Skigebiete, umgehen die Grenzkontrollen oder wollen sich kein Mautpickerl kaufen – und fahren durch den Ort.

Die Hoffnungen ruhen auf München. Franz Kompatscher aus Brenner sagt: „Ich bin guter Dinge, dass da etwas herauskommt.“ Ob es greifbare Ergebnisse gibt, ist aber offen. Beobachter erwarten, dass das Treffen nur ein Anfang ist, für weitere Gespräche auf Arbeitsebene.

dpa

stol