Mittwoch, 16. März 2022

Die letzten freien Stimmen: Deutschsprachige Zeitungen in Russland

Wegen des Krieges in der Ukraine wurde die Zensur in Russland weiter verschärft. Doch einige Medien berichten selbstbewusster und kritischer als andere. Sie gehören zu den wenigen noch verlässlichen Informationsquellen in Putins Staat. Dazu zählen auch deutschsprachige Zeitungen in Russland.

In Russland sind in den vergangenen Tagen viele Medien, die kritisch über den Krieg in der Ukraine berichtet haben, verboten worden. Einige leisten dennoch weiterhin Widerstand gegen das Regime von Wladimir Putin. - Foto: © APA/afp / -

Die Geschichte der deutschsprachigen Medien im Gebiet des heutigen Russlands begann schon 1727 mit der Gründung der „Sankt Petersburgischen Zeitung“. Erst kurz zuvor war die erste regelmäßig gedruckte russischsprachige Publikation des Zarenreiches auf den Markt gekommen. Heute existieren in Russland noch immer rund 50 deutschsprachige bzw. zweisprachige Zeitungen, Zeitschriften und Mitteilungsblätter.

Die 2 bedeutendsten Presseorgane sind die 14-tägige „Moskauer Deutsche Zeitung“ aus der Hauptstadt und der monatliche „Königsberger Express“ aus dem ehemaligen nördlichen Ostpreußen. Während die „MDZ“ vom Verband der Russlanddeutschen herausgegeben wird, ist die Redaktionsleiterin der 1993 gegründeten deutschsprachigen Monatszeitung aus Königsberg/Kaliningrad eine geschichtsbewusste und mutige Russin.

Mutige Journalisten in Russland setzen sich für den Frieden ein

In der aktuellen März-Ausgabe schreibt sie unter der Überschrift „Gebt dem Frieden eine Chance!“ folgende Zeilen: „Ich, Elena Lebedewa, Redakteurin der Zeitung ,Königsberger Express‘, erkläre mich als Privatperson solidarisch mit den Teilnehmern der Antikriegsdemonstrationen. Ich möchte, dass meine Leserinnen und Leser das wissen. Meine Mutter war eine gebürtige Kiewerin, sie ging von Kiew an die Front und kam im Jahr des Sieges 1945 in diese Stadt zurück. Ich habe meine Kindheit am Fluss Dnjepr verbracht. Ich glaube, fast jeder Russe ist auf die eine oder andere Weise mit der Ukraine verbunden. Raketen und Bomben, zerstörte Städte und tote Menschen stellen diese Bindungen vor eine harte Zerreißprobe. Mehr noch: Sie berauben uns unserer Zukunft – einer Zukunft, die uns allen gehört.“

International für Aufsehen sorgte die russische Journalistin Marina Owsjannikowa, die mit einem Anti-Kriegs-Plakat in einer Nachrichtensendung gegen die Militäroffensive in der Ukraine protestierte. Doch sie ist nicht allein.



Gegen die Zensur: Unterstützung für Menschen in der Ukraine

In der „Moskauer Deutschen Zeitung“ lässt man Oppositionelle und kritische Bürger zu Wort kommen. Dabei wird der verbotene Begriff „Krieg“ verwendet und die verordnete Bezeichnung „Sonderoperation“ in Anführungszeichen gesetzt. Auf der Internetseite des größten Verbandes der Russlanddeutschen, der als Herausgeber fungiert, stand bis vor wenigen Tagen: „Wir erklären einstimmig, dass wir Russlanddeutschen, wir Bürger Russlands, überzeugte Gegner jedes Krieges sind. ... Die Russlanddeutschen haben am eigenen Leib erfahren, wie es ist, ,Geisel‘ politischer Umstände zu sein. Wir hoffen von ganzem Herzen, dass die militärische Aktion so schnell wie möglich eingestellt wird und alle politischen Fragen am Verhandlungstisch geklärt werden. Das ist der einzig richtige Ausweg. Wir sprechen den Deutschen in der Ukraine unsere Unterstützung aus. Uns verbindet nicht nur das historische Schicksal, sondern auch eine gemeinsame Tradition, eine Sprache und eine Kultur. Wir hoffen, dass sich die Situation schnell wieder normalisiert und die Kriegshandlungen eingestellt werden ...“. Die russischen Behörden verfügten jedoch umgehend die Löschung des Textes.

Deutsch-russische Publikationen: Magazine und Gemeindebriefe

Neben diesen beiden größeren Blättern bietet die bunte deutsch-russische Presseszene noch viele weitere Periodika. So gibt es beispielsweise reine Wirtschaftspublikationen wie das Magazin „impuls“ der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer und den Informationsdienst „Russland aktuell“ der Nachrichtenagentur INTERFAX. Auch mehrere lokale evangelische Gemeindebriefe erscheinen. In Sankt Petersburg wird von der Evangelisch-Lutherischen Kirche Russlands zudem eine überregionale Zeitschrift namens „Der Bote“ publiziert und landesweit verteilt. Für die zahlreichen Deutschschüler Russlands werden verschiedene Sprachlernmagazine angeboten – 3 aus Moskau und eines aus Omsk.

In den beiden autonomen deutschen Landkreisen Sibiriens erscheinen eigene Wochenblätter namens „Neue Zeit“ in Halbstadt und „Ihre Zeitung“ in Asowo. Deren Inhalt ist vornehmlich russischsprachig, aber umfasst auch immer wieder Beiträge in Deutsch. Eine Publikation, die sich schon erstaunlich lange auf dem Markt hält, und zwar seit 1957, ist die „Zeitung für Dich“ aus Slawgorod. Früher erschien sie als eigenständiges Wochenblatt, jetzt als monatliche deutschsprachige Beilage der „Altaiskaja Prawda“. Radioprogramme für Russlanddeutsche werden natürlich ebenfalls ausgestrahlt. In Sibirien ist seit 1965 die wöchentliche Sendung „Altaier Weiten“ bei Radio Rossii Barnaul zu hören.


„Zeitungsmacher riskieren hohe Gefängnisstrafen“

Björn Akstinat, Leiter und Gründer der Internationalen Medienhilfe (IMH), des Netzwerkes der deutschsprachigen Medien im Ausland, sagt zur derzeitigen Lage: „Die Macher der deutschsprachigen Zeitungen riskieren mit ihren mutigen Solidaritätsbekundungen hohe Gefängnisstrafen. Schon vor dem Krieg befanden sich einige von ihnen im Visier des russischen Geheimdienstes. Ihre Berichterstattung zeigt, dass ein Großteil der russischen Bürger mit der Politik Wladimir Putins nicht einverstanden ist. Momentan sind die Journalisten vom ,Königsberger Express‘ und der ,Moskauer Deutschen Zeitung‘ die informativsten, neutralsten und kenntnisreichsten Quellen für Nachrichten aus Russland in deutscher Sprache.“ Wer die angegebenen Medien kontaktieren wolle, finde die Kontaktadressen und noch mehr im „Handbuch der deutschsprachigen Presse im Ausland“. „Auch die rund 70.000 Angehörigen der deutschen Minderheit in der Ukraine nutzen oftmals die deutschsprachigen Medien aus Russland, weil sie häufig familiäre Verbindungen ins große Nachbarland haben“, weiß Akstinat.

stol

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