Montag, 05. September 2016

Gruber-Degasperi-Abkommen: "Eigentlich kein Grund zum Feiern"

Mit großem Gefolge trafen die beiden Außenminister Sebastian Kurz und Paolo Gentiloni am Montagnachmittag in Begleitung von Landeshauptmann Arno Kompatscher und SVP-Obmann Philipp Achammer auf Schloss Sigmundskron ein. Anlass hierfür waren die Festlichkeiten zum 70. Jahrestag des Gruber-Degasperi-Abkommens.

Das Abkommen an sich sei kein Grund zum Feiern, erklärte Landeshauptmann Arno Kompatscher am Montag anlässlich der Festlichkeiten des 70. Jahrestages.
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Das Abkommen an sich sei kein Grund zum Feiern, erklärte Landeshauptmann Arno Kompatscher am Montag anlässlich der Festlichkeiten des 70. Jahrestages.

Auch am Nachmittag eröffnete Landeshauptmann Arno Kompatscher die Pressekonferenz.

Die Autonomie, die auf der Grundlage des Gruber-Degasperi-Abkommens gegründet worden war, sei ein Grund zu feiern, so Kompatscher. Das Abkommen selbst für die Südtiroler eher weniger. Noch heute werde diskutiert, ob der Vertrag nun eine Magna Charta für Südtirol oder doch eher ein einmaliges Dokument österreichischer Schwäche sei, wie der ehemalige österreichische Außenminister Bruno Kreisky es seiner Zeit genannt hatte.

Kompatscher "Haben bewusst Sigmundskron gewählt"

Auch der Ort der Festlichkeiten sei keineswegs zufällig ausgewählt: So war Schloss Sigmundskron im Jahre 1957 der Schauplatz, an dem die Unzufriedenheit der Südtiroler ihren Höhepunkt fand – und der damalige Landeshauptmann Silvius Magnago das „Los von Trient“ forderte.

Tatsächlich hatte das Gruber-Degasperi-Abkommen zu einer Regionalautonomie geführt, für die Südtiroler, so Kompatscher, eigentlich eine doppelte Enttäuschung: Einerseits wurde damit der Rückkehr Südtirols zu Österreich endgültig ein Riegel vorgeschoben, andererseits kam es auch noch zum Verlust einer inneren Selbstbestimmung durch das Statut von 1948.

Abkommen ist Grundlage der Autonomie

Nein, eigentlich sei das Abkommen an sich kein Grund zum Feiern. „Und dennoch enthält das Abkommen rein substantiell eine Reihe von Bestimmungen, die erkennen lassen, was danach daraus werden konnte“, so Kompatscher. So etwa der Proporz, die Zwei- bzw. Dreisprachigkeit oder auch die Einführung zweisprachiger Ortsbezeichungen. „Damals sicher eine große Errungenschaft“, betonte Kompatscher.

„Aus heutiger Sicht gesehen ist das Abkommen vor allem die juridische Grundlage für unsere Autonomie, und das was sie einmalig macht.“

Als der Streit um Südtirol zwischen Österreich und Italien 1992 beigelegt worden war, habe man gewusst, dass dies noch nicht ein endgültiges Autonomiestatut war, sondern dass die Autonomie stets weiterentwickelt werden müsste. „Das Abkommen war der Ausgangspunkt der Südtiroler Autonomie. Endpunkt gibt es keinen“, zitierte der Landeshauptmann seinen Vorgänger Luis Durnwalder. Dass die Notwendigkeit der ständigen Weiterentwicklung unter der Berücksichtigung des Pariser Vertrages durchaus anerkannt werde, ließe sich durch den ständigen Briefwechsel zwischen dem italienischen Premierminister Matteo Renzi und dem damaligen Bundeskanzler Werner Faymann erklären.

Südtirol steht heute gut da

Abschließend fasste Kompatscher zusammen: „Südtirol steht heute vor allem dank der Autonomie gut da. Wir können unsere Traditionen, unseren Volkscharakter, unsere Kultur selbstbewusst leben.“ Dies soll demnächst auch für die Ladiner gelten, die mit einer Überarbeitung des Statuts vollständig gleichgestellt sein werden.

Nun solle die Autonomie im europäischen Geist weiterentwickelt werden, um ihrer Funktion als Brücke zwischen dem Norden und Süden Europas gerecht zu werden, „gerade auch in kritischen Situationen wie etwa der Flüchtlingsbewegung“, schloss Landeshauptmann Kompatscher.

stol/liz

stol