Dienstag, 16. Mai 2017

Judenverfolgung: Südtirol ist ein "Land der Opfer und Täter"

Angehörige von jüdischen Opfern der NS-Verfolgung halten Erinnerung wach. Nur so könne die Gesellschaft der sich breit machenden Intoleranz wirksam begegnen. Auch in Bozen und Meran hat es während des Faschismus und NS-Regimes eine Reihe jüdischer Familien gegeben, die wegen ihrer Rasse verfolgt, vertrieben oder getötet wurden. Einige ihrer Angehörigen haben über ihre Schicksale erzählt.

Federico Steinhaus, ehemaliger Präsident der jüdischen Gemeinde in Meran, hielt die abschließenden Worte. - Foto: LPA
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Federico Steinhaus, ehemaliger Präsident der jüdischen Gemeinde in Meran, hielt die abschließenden Worte. - Foto: LPA

Das Treffen war am Montagabend zustande gekommen, da die Autoren des Buches „Mörderische Heimat. Verdrängte Lebensgeschichten jüdischer Familien in Bozen und Meran“ (Edition Raetia, 2015), Sabine Mayr und Joachim Innerhofer, bei ihrer Recherche mit den Nachkommen dieser Familien in Kontakt getreten waren. Die Begegnung hatte die Organisatoren veranlasst, zudem den Schriftsteller und Intellektuellen, Doron Rabinovici, zu einem Vortrag einzuladen. 

Rassismus entlarven

Der in Israel geborene Doron Rabinovici, der seit 1964 in Wien lebt, ist jenseits seiner Schriftstellertätigkeit auch bekannt geworden, als er in Zusammenhang mit der Causa Kurt Waldheim den Umgang Österreichs mit der  nationalsozialistischen Vergangenheit etlicher seiner Bürger scharf kritisierte. In seinem Vortrag beschrieb er diese Entwicklung und mahnte, dass Erinnerung keiner Rechtfertigung bedürfe.
Die Erinnerung an den Holocaust sei das Mittel, um die Gefahr, die von Rassismus ausgeht, früh zu entlarven, um sich ihr zu widersetzen. „Die Schicht der Zivilisation ist bei den Menschen hauchdünn“, warnte Rabinovici.

Neben dem Vorstandmitglied des ANPI, Antonio Testini, der den Abend moderierte, sprachen über ihre Erinnerungen an die Zeit der Judenverfolgung: Franca Avataneo, Enkelin des Mantovaner Unternehmers Aldo Castelletti, der von 1933 bis 1939 in Bozen lebte, 1943 in Fondo am Nonsberg festgenommen und über das Meraner Gefängnis ins Lager Reichenau bei Innsbruck deportiert wurde; Elieser und Tamara Kienwald, Enkel des jüdischen Schneiders Oskar Kienwald aus Galizien, der Modesalons in Bozen und Meran führte und dessen Familie den Nazis durch eine abenteuerliche Überquerung der Front entkam; Massimo Gronich, Urenkel des nach Meran gezogenen Chemikers Wolfgang Gronich aus der Bukowina, der ein Schüler von Robert Koch war. 

Auch Landeshauptmann Arno Kompatscher und der Landesrat für italienische Kultur,  Christian Tommasini, die beiden Bürgermeister von Bozen und Meran, Renzo Caramaschi und Paul Rösch, und der Präsident des ANPI, Orfeo Donatini, waren gekommen, um den ergreifenden Berichten zuzuhören.

Nicht Denkverbote sondern Denkgebote

In seiner kurzen Ansprache wies Landeshauptmann Kompatscher darauf hin, wie wichtig es ihm gewesen sei, an dieser Begegnung teilzunehmen. Man solle nicht vergessen, dass leider auch Tirols Geschichte von einer längeren Phase der antisemitischen Haltung geprägt gewesen sei. „Auch heute sind Vorurteile  weiterhin vorhanden. Daher hilft es, die Erinnerung daran wach zu halten, was Vorurteile mit den Menschen anrichten“, betonte Kompatscher. 
Manche Menschen würden Denkverbote an den Pranger stellen, nach dem Grundsatz „man wird wohl noch sagen dürfen, dass…“. „Vielmehr seien aber Denkgebote notwendig – jene, die uns dazu anhalten, zuerst nachzudenken und sich Wissen anzueignen, bevor man redet“, sagte der Landeshauptmann. „Südtirol wird immer als ein Land der Opfer dargestellt, wird sind aber in Wahrheit ein Land der Opfer und der Täter!“, sagte der Landeshauptmann.

Federico Steinhaus, ehemaliger Präsident der jüdischen Gemeinde in Meran, schloss den Abend mit den Worten ab: „Ich habe 60 Jahre auf einen Landeshauptmann gewartet, der das sagen würde, was Landeshauptmann Kompatscher heute gesagt hat.“

stol/lpa

stol