Dienstag, 10. Mai 2022

„Putin hat sich verschätzt und passt seine Rhetorik jetzt an die Realität an“

Am 9. Mai hat Russland 77 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs den „Tag des Sieges“ gefeiert. Die Rede von Präsident Wladimir Putin sei erstaunlich zurückhaltend gewesen, befanden Kommentatoren: „Er hat seine Rhetorik an die Realität angepasst“, sagt der Politikwissenschafts-Professor der Universität Innsbruck und Experte für Osteuropa Gerhard Mangott. „Die russischen Streitkräfte sind nicht in der Lage die gesamte Ukraine zu besetzen.“

Putin hat am gestrigen 9. Mai 77 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine Rede gehalten. - Foto: © APA/afp / NATALIA KOLESNIKOVA

Von:
Matteo Tomada
STOL: Herr Professor Mangott, wie kann man die Rede Putins verstehen?
Prof. Gerhard Mangott: Die Rede Putins hat sich vor allem nach innen gerichtet. Es war ein Versuch, die jetzigen Kriegshandlungen in die Tradition des großen vaterländischen Krieges zu stellen, als sich die Sowjetunion gegen Nazi-Deutschland wehren musste. Die Ukraine stelle als Marionette des Westens, so Putin, genau wie Deutschland früher eine Bedrohung für Russland dar. Der Kampf sei deshalb notwendig gewesen.


Er hat von Gefallenen sprechen müssen, weil so viele russische Soldaten gestorben sind, dass es trotz Propaganda nicht mehr zu verschleiern war.
Professor Gerhard Mangott



STOL: In seiner Rede sei Putin erstaunlich zurückhaltend gewesen, sagen Beobachter. Hatten Sie das so erwartet?
Prof. Mangott: Der Eindruck, dass er zurückhaltend war, hängt vor allem damit zusammen, dass es so zahlreiche Spekulationen über seine Rede gab. Man ging davon aus, dass der Krieg formal erklärt und eine Generalmobilmachung ankündigt würde. Gemessen an diesen unrichtigen Spekulationen war die Rede zurückhaltend.


Putin begrüßt die Anwesenden. - Foto: © ANSA / MAXIM SHIPENKOV



STOL: Welche Botschaft hatte Putin?
Prof. Mangott: Putin hatte in seiner Rede 3 Botschaften. Erstens: Russland ist wie damals im großen vaterländischen Krieg in der Abwehrposition. Zweitens: Man habe alles getan, um den Kampf zu verhindern, aber der Westen wollte nicht hören. Die dritte Botschaft ging an die Familien der gefallenen Soldaten: Ihnen werde geholfen. Putin musste die gefallenen Soldaten erwähnen, weil so viele gestorben sind, dass es trotz Propaganda nicht mehr zu verschleiern war. Er nannte aber keine Zahl.


Die russischen Streitkräfte sind nicht in der Lage, die Ukraine zu erobern und besetzt zu halten. Putin konzentriert sich jetzt auf die vollständige Eroberungen des Donbass.
Professor Gerhard Mangott


STOL: Putin hat auch nicht mehr vom Ziel gesprochen, die Ukraine als Staat vernichten zu wollen. Was will Putin jetzt erreichen?
Prof. Mangott: Putin hat die Rhetorik den Realitäten am Boden angepasst. Die russischen Streitkräfte sind nicht in der Lage, die Ukraine zu erobern und besetzt zu halten. Putin konzentriert sich jetzt auf die vollständige Eroberung des Donbass. Das ist realistisch noch möglich. Dieses Minimalziel muss Putin auch erreichen, denn sonst kann er nicht von einer „erfolgreichen militärischen Spezialoperation“ sprechen.


„Putin, die Militärführung und die Geheimdienste haben sich verschätzt.“ - Foto: © APA/afp / MIKHAIL METZEL



STOL: Das heißt, Putin hat sich am Anfang völlig verschätzt?
Prof. Mangott: Nicht nur er, sondern auch die Militärführung und die Geheimdienste haben sich verschätzt. Man hat die Planung schlecht vorbereitet und schlecht umgesetzt. Man hat auch die Lage in der Ukraine völlig falsch eingeschätzt.

STOL: Sind wir im Westen einfach zu besorgt?
Prof. Mangott: Putin hat in seiner Rede die Gefahr eines globalen Krieges angesprochen. Damit wollte er sicher auch den Westen warnen. Ich erwarte aber keine territoriale Ausweitung der Kämpfe. Russland fehlen die Truppen, um eine solche Operation durchzuführen. Ich glaube auch nicht, dass Russland Waffenlieferungen auf dem Territorium eines NATO-Landes angreifen wird.

teo

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